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Rechte Chats bei Polizei Jürgen Schlicher gibt Antirassismus-Workshops bei der Polizei. Er sagt: "Der Fall aus NRW überrascht mich überhaupt nicht"

Polizei; Jürgen Schlicher
Die Polizei in NRW wird von einem Rassismus-Skandal erschüttert. Antirassismus-Trainer Jürgen Schlicher kritisiert im stern-Interview eine Kultur des Schweigens
© Fabian Strauch / DPA, Diversity Works
Was tun gegen Rassismus in der Polizei? Nach dem Skandal um rechtsextreme Whatsapp-Gruppen von Polizistinnen und Polizisten in Nordrhein-Westfalen spricht ein Antirassismus-Trainer über sein Konzept – und über die Angst von Beamtinnen und Beamten, Fehlverhalten zu melden.

Inzwischen sind es 30 Beamtinnen und Beamte, die in den Skandal um rechtsextreme Chatgruppen bei der Polizei in Nordrhein-Westfalen involviert sind (lesen Sie hier mehr dazu). Das sagte Landesinnenminister Herbert Reul im Düsseldorfer Landtag. Und es ist mehr als unsicher, dass es bei dieser Zahl bleibt, denn die Ermittlungen stehen erst am Anfang.  "Offenbar haben wir nicht alles erkannt, vielleicht sogar auch die Dimension unterschätzt", räumte der CDU-Politiker ein. Bei den über den Messenger Whatsapp verschickten Bildern handele sich "um übelste, widerwärtigste neonazistische Hetze". Reul betonte: "Wir werden das aufarbeiten, radikal und bis ins kleinste Detail."

Antirassismus-Trainer spricht über Polizeiskandal in NRW

Jürgen Schlicher ist nicht davon überrascht, dass sich einige Polizistinnen und Polizisten in dieser Form privat ausgetauscht haben. Der Antirassismus- und Diversitytrainer arbeitet unter anderem mit der Polizei in Hessen und in Schleswig-Holstein zusammen, gibt dort Seminare und Workshops zu Nicht-Diskriminierung und Interkulturalisierung. Im stern-Interview berichtet er, dass in Teilen der Polizei immer noch eine Kultur des Schweigens herrscht – und erzählt, wie er versucht, das Bewusstsein für Diskriminierung und Rassismus bei den Beamtinnen und Beamten zu schärfen.

stern: Herr Schlicher, Sie führen ihre Antirassismus-Workshops in vielen Firmen und staatlichen Institutionen durch. Sind rassistische Einstellungen in der Polizei stärker verbreitet als andernorts?

Jürgen Schlicher: Die Sicherheitsbehörden haben das Problem einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung. Wenn ich immer eine bestimmte Gruppe von Menschen kontrolliere, werde ich auch nur in einer bestimmten Gruppe Auffälligkeiten feststellen. Das kann Vorurteile zementieren. So etwas kann es in Unternehmen zwar auch geben, aber es gibt natürlich einen großen Unterschied: Als Kunde kann ich mir Läden aussuchen – das geht bei der Polizei nicht. Deswegen ist es bei der Polizei umso wichtiger, sich mit dem Thema deutlich auseinanderzusetzen.

Also würden Sie der vielzitierten These einer Polizei als "Spiegelbild der Gesellschaft" widersprechen?

Selbstverständlich ist die Polizei ein Spiegelbild der Gesellschaft, was rassistische Einstellungen angeht. Aber sie ist eben kein Spiegel der Gesellschaft, was die Vielfalt angeht. Das ist eines der großen Probleme. Denn in solchen Organisationen, die nicht die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln, können sich Vorurteile und Stereotype wesentlich besser halten als in vielfältigen Teams. Da hilft es auch nicht, wenn eine der großen Polizeigewerkschaften das Problem fortdauernd bestreitet …

Sie meinen die Deutsche Polizeigewerkschaft?

Genau. Jedenfalls habe ich von dort noch nicht gehört, dass das Problem anerkannt wird, und das verhindert sinnvolle Maßnahmen.

Nehmen die Beamtinnen und Beamte es wahr? Was hören Sie von denen in Ihren Seminaren und Workshops?

Ich höre von ihnen immer wieder sehr deutliche Berichte über Kolleginnen und Kollegen, die sich rassistisch äußern oder Vorurteile schüren. Sie erleben das in ihrem Berufsalltag, einige Fälle werden ja auch öffentlich. Aber oft wird geschwiegen und drüber hinweggesehen. Insofern überrascht mich der Fall aus Nordrhein-Westfalen auch überhaupt nicht.

Weshalb?

Ich bin mir sehr sicher, dass in diesen Whatsapp-Gruppen, die zum Teil ja über Jahre bestanden haben sollen, nicht von Beginn an Bilder von Hitler oder Menschen in Gaskammern verschickt wurden. Es wird eine Entwicklung stattgefunden haben, ausgehend vielleicht von Sprüchen auf Kosten von marginalisierten Minderheiten bis hin zu dieser Eskalation in die Illegalität, gewissermaßen ein schleichender Prozess, in dem die Grenzen immer weiter verschoben werden. Ab irgendeinem Zeitpunkt ist es in solchen Gruppen dann geradezu verbrämt, eine deutliche Ansage zu machen.

Einige der in NRW beschuldigten Beamtinnen und Beamten sollen die rechtsextremen Inhalte stillschweigend zur Kenntnis genommen haben.

Das ist aus meiner Sicht mindestens genauso schlimm, wie diese Bilder zu verschicken. Straftaten zu erfassen und aufzuklären sind originäre Aufgaben der Polizei. Und wir erleben hier Polizistinnen und Polizisten, die bei kriminellen Machenschaften – und nichts anderes ist die Verbreitung solcher Bilder – nicht einschreiten. Dabei müsste das eigentlich selbstverständlich sein, es ist die Pflicht der Beamtinnen und Beamten. Die Courage, auch gegenüber Kolleginnen und Kollegen aktiv zu werden, muss mit in die Curricula der Aus- und Fortbildungen. Man kann das auch trainieren.

Warum kommen einige Polizistinnen und Polizisten ihrer Pflicht trotzdem nicht nach, in solchen Fällen einzugreifen?

Es gibt innerhalb der Polizei keine günstige Fehlerkultur, so will ich es mal nennen. Die Beamtinnen und Beamten werden nicht geschult, mit Fehlern umzugehen, oder es fehlen ihnen Stellen, um Fehlverhalten anderer anzusprechen. Es ist ein strukturelles Problem. Wer den Mund aufmacht, hat Angst um seine Karriere. Ich höre zum Teil gruselige Geschichten von Polizistinnen und Polizisten, die kaum noch einen Fuß in ihre Dienststelle setzen können, weil sie rassistische Einstellungen unter den Kolleginnen oder Kollegen angesprochen haben.

Wie lässt sich das Bewusstsein für die Folgen rassistischer Handlungen oder des Ignorierens dieser ändern?

Wir führen zum Bespiel mit Polizistinnen und Polizisten sogenannte Blue-Eyed-Workshops durch. In denen trennen wir die Gruppen in Blau- und Braunäugige und schreiben den Blauäugigen bestimmte negative Merkmale zu. Die Braunäugigen fühlen sich schon nach kurzer Zeit überlegen und lassen das ihre blauäugigen Gegenüber spüren. Das hilft Gruppendynamiken zu erkennen und zu verstehen, welche Abläufe zu Diskriminierung führen, wie Vorurteile entstehen und sich verfestigen. Das Ausnutzen von Macht wird für die Teilnehmenden spürbar – und auch die Konsequenzen daraus.

(Hinweis der Redaktion: Eine Reportage von einem "Blue-Eyed-Workshop" lesen Sie bei den Kollegen der "Zeit", außerdem zeigt die Doku "Der Rassist in uns" vom ZDF die Arbeit von Jürgen Schlicher.)

Und führt im besten Fall dazu, dass Praktiken wie das sogenannte Racial Profiling hinterfragt werden?

Genau. Wer als Beamter oder Beamtin immer wieder zum Beispiel Angehörige einer bestimmten ethnischen Gruppe kontrolliert, wird auch irgendwann eine Straftat feststellen. Ähnliches gilt für Verkehrskontrollen. Werden sie – wie häufig – am frühen Sonntagmorgen durchgeführt, wird die Polizei besonders viele junge Leute feststellen, die sich betrunken oder berauscht hinters Steuer gesetzt haben, weil die gerade zum Beispiel aus der Disco kommen. Würden diese Kontrollen an einem Samstagabend gegen 23 Uhr durchgeführt, träfe man auf eine ganz andere Gruppe, etwa auf ältere Menschen, die auf einer Familienfeier zu viel getrunken haben. Solche Zusammenhänge müssen spätestens seit den Empfehlungen des NSU-Untersuchungsausschusses allen Polizistinnen und Polizisten klar sein.

Fordern Sie auch eine Studie, um rassistische Einstellungen innerhalb der Polizei zu untersuchen?

In Umfragen heißt es, 82 Prozent der Menschen haben Vertrauen zur Polizei. Das mag stimmen und ist für sich genommen ein guter Wert, aber wir müssen uns die 18 Prozent ansehen, die dieses Vertrauen nicht haben. Unter ihnen dürften viele Angehörige von marginalisierten Minderheiten sein. Dass in diesen Gruppen seit Jahren massiv Vertrauen verloren geht, ist ja mehr als nachvollziehbar. Hierzu fehlt eine systematische Aufarbeitung.


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