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Berlin vertraulich!: Die Wahrheit des Kellners

"So ein arroganter Arsch" - Joschka Fischer polterte heftig nach einem Streitgespräch mit dem späteren Kanzler. Damals, 1997, als man noch keine Regierungsämter inne hatte. In diesem Duell hatte Schröder klar gemacht, wer bei Rot-Grün der Koch und wer der Kellner sein würde. Nun fiel Fischer eine Retourkutsche ein.

Von Hans Peter Schütz

Zehn Jahre lang hat sich Joschka Fischer geärgert. Darüber, dass er 1997 im Streitgespräch mit Gerhard Schröder nicht reaktionsstark genug war. Beim Blick auf eine rot-grüne Koalition befand Schröder damals: "Der Größere ist Koch, der Kleinere Kellner. Dies nicht zu akzeptieren ist eine typische Form grüner Überheblichkeit." Überrumpelt stammelte Fischer nur: "Völliger Quatsch. Jeder muss seine Suppe selbst auftragen." Damit war das Interview mit dem stern gelaufen. Klarer Sieger: Schröder. Fischer selbst gibt heute zu: "Obgleich ich der Leidtragende dieser gekonnten Attacke war, musste ich neidlos anerkennen, dass Schröder auf den Punkt getroffen hatte, denn damit hatte er ein Bild gesetzt für die Beziehung zwischen Rot und Grün, das nicht mehr wegzubekommen war."

Jetzt endlich, so Fischer diese Woche bei der Vorstellung seiner Memoiren, sei ihm eingefallen, was er damals eigentlich Schröder hätte als Konter entgegenschleudern müssen: "Du kannst ja gar nicht kochen!" Leider habe er das erst jetzt von Schröder persönlich erfahren. Immerhin, so ätzte er dem Koalitionsfreund hinterher: Jetzt sei ihm immerhin klar, "weshalb es in der Küche von Rot-Grün so oft gebrannt hat."

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Wer wie Fischer Memoiren schreibt, besitzt die Hoheit über seine Geschichte. Insofern klingt Fischers Version der Geschichte vom Koch und Kellner, ganz so übel für ihn nicht. Wir können, weil bei diesem Interview damals selbst dabei, sehr genauer erzählen, wie es in jenem Februar 1997 wirklich lief. Das Gespräch fand im Blauen Salon des Frankfurter Literaturhauses in der Bockenheimer Landstraße statt. Fischer hatte sich gerade seine Wampe von den Rippen gejoggt, war klapperdürr. Aufgeregt saß er auf der Stuhlkante Schröder gegenüber, drehte nervös an seinem Siegelring und schluckte Wasser. Schröder fläzte sich im Sessel, eine dicke Zigarre in der einen Hand, das Weinglas in der anderen. Da war schon klar, wer Koch, wer Kellner war.

Nach dem Gespräch saß ein stinkwütender Fischer noch stundenlang mit uns zusammen im kleinen Bistro der Lokalität. Er nuckelte am Wasser, war mies gelaunt. Tobte mit sich selbst. Diesen Teil des Gesprächs werde er niemals freigeben, schimpfte er. "So ein arroganter Arsch, dieser Schröder. Echt das Letzte. Das mache ich nicht mit. Den Text brauchen sie mir erst gar nicht zur Autorisierung schicken." Ein "arroganter Schnösel" sei der Niedersachse. Es war dann Fischer Pressesprecher Dietmar Huber, der Fischer doch überredete, die Passage drucken zu lassen. Der Mann hat sich um eine zeitgeschichtliche Episode verdient gemacht.

Weil es lange her und heute ohne politische Bedeutung ist, sei hier verraten, welche Passage aber endgültig der Zensur durch Fischer zum Opfer fiel. Als Schröder mal wieder, mit der Zigarre wedelnd, Fischer mitten in der Rede unterbrach, polterte der Grüne los: "Mann, gleich geh ich hoch! Nun hör doch mal zu, wie ich dir zugehört habe. Ist ja furchtbar mit dir." Schröder hatte die Passage, klar doch, anstandslos passieren lassen. Wie sieht Fischer den Dialog im Nachhinein? Wir zitieren aus seinen Memoiren: "Eines hatte ich mir während dieses Interviews innerlich geschworen - dass es mit mir im Bund niemals niedersächsischen Verhältnisse geben würde. Niemals!" Stimmt nicht ganz: Mehr als einmal sagte Schröder in der rot-grünen Koalition: "Basta!"

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Alles war neu, der Mann, der Raum, die Tonlage. Die Stühle im Konferenzsaal der bayerischen Landesvertretung in Berlin reichten nicht, als Erwin Huber die Journalisten zum ersten Hintergrundgespräch im neuen Amt des CSU-Chefs bat. Selbst das Franz-Josef-Strauß-Bild fehlte an der frisch getünchten Wand, das zu Edmund-Stoiber-Zeiten dort gehangen hatte. "Das kann nur vorübergehend sein," befand Huber, ein bekennender Strauß-Fan, "ich werde dafür sorgen, dass es wieder an seinen Platz kommt." Ohne FJS mag er nicht sein. Auch in seinem Büro im Münchner Wirtschaftsministerium steht eine Strauß-Büste. Sie muss mit, sagt er. Wohin, sagt er nicht. Ins Finanzministerium. Sehr wahrscheinlich.

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Stadtfein elegant wie immer trat Huber zur Berliner Premiere an. Blauweißes Hemd mit Mini-Karo, grünblauer Schlips, blaues Einstecktüchlein. Noch häufiger als Stoiber will er in der Hauptstadt präsent sein. Und 2009 gehe er "ohne Rückfahrschein" in die Bundespolitik. Sich vorzustellen beim Koalitionsgipfel im Kanzleramt am Abend zuvor sei nicht vonnöten gewesen. Huber: "Sie kennen mich alle in unterschiedlicher Zuneigung." Und: "Wir reden wie normale Menschen miteinander." Zwischenruf aus der Journaille: "Das ist im Vergleich zu Stoiber ja ein ganz neuer Ansatz." Huber musste lachen, die Runde auch.

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Wie kommt er mit Angela Merkel klar? Na ja, man respektiert sich. Zwar könne er nicht so gut simsen wie die Kanzlerin, "aber die Basistechnik beherrsche ich schon."