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Berlin vertraulich!: Von Genschman zu Westerwelle

Die Witze über Guido Westerwelles Englischkenntnisse sind ungerecht: Hans-Dietrich Genscher sprach gar kein Englisch - und schaffte es in die Geschichtsbücher als ewiger Außenminister.

Von Hans Peter Schütz

Hans-Dietrich Genscher ist zurück im politischen Geschäft, als sei er nach Jahren schwieriger Gesundheitsprobleme - mehrere Herzinfarkte - nie weg gewesen. Schon rühmte ihn "Bild" für seinen "3. Frühling". TV-Aufnahmen aus den FDP-Gremien, auf denen sich der FDP-Ehrenvorsitzende Genscher nicht ganz eng an die Seite des aktuellen FDP-Chefs und Wahlsiegers Westerwelle drückt, sind so gut wie nicht zu sehen. Einige FDP-Mitspieler nehmen diese neue Nähe, die es in der Vergangenheit nicht immer gegeben hat, mit Skepsis. "Hoffentlich hört Westerwelle nicht zu viel auf Genscher", warnt ein intimer Kenner der FDP-Führung vor den hektischen politischen Aktivitäten des dienstlängsten deutschen Außenministers (1974 bis 1992), der inzwischen 82 Jahre als ist.

Genscher leidet vermutlich nicht an schlechtem Durchblick in die neue machtpolitische Szene in Berlin. Aber er hat Probleme mit der deutschen Sprache. Und das geht so: "Genschman" hat sich ja vor 20 Jahren in die deutsche Geschichte eingeschrieben, indem er auf den Balkon der deutschen Botschaft in Prag trat und zu den DDR-Flüchtlingen zu seinen Füßen sagte: "Wir sind zu ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen..." Die Menschen jubelten und warfen sich einander in die Arme. 20 Jahre später rutscht Genscher aber schon auch mal die Bemerkung raus, er habe damals gesagt: "Ich bin zu ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen..."

Das allerdings ist Geschichtsklitterung. Denn links neben ihm auf dem Balkon stand damals der Mann, der die Ausreise in zähen Gesprächen mit der DDR-Regierung ausgehandelt hatte: Rudolf Seiters, einst Chef des Kanzleramtes, heute Präsident des Deutschen Roten Kreuzes. Der vor allem hatte den DDR-Flüchtlingen den Weg in die Freiheit geebnet, nicht der damalige Außenminister Genscher. Seiters zu stern.de: "Ich war doch zuständig für die Gespräche mit der DDR. Das Auswärtige Amt hatte damit weniger zu tun." Denn 1989 war Seiters Verhandlungsführer, weil die Bundesregierung konsequent auf dem Standpunkt stand, dass Gespräche mit der DDR kein Teil der deutschen Außenpolitik seien. Chef der historischen Gespräche war also Seiters. Er hat Genscher den Weg auf den Balkon der deutschen Botschaft am 30. September 1989 in Prag und damit ins Geschichtsbuch gebahnt.

Erst als alles perfekt war, wurde der Außenminister informiert. Seiters Leistung ist bei Genscher allerdings bis heute auf ein "Wir" geschrumpelt, zuweilen sogar auch auf ein "Ich" Genschers. Altkanzler Gerhard Schröder hat das vor zehn Jahren in einer Festansprache noch korrekter ausgesprochen, indem er sagte, diese historische Leistung werde auf immer mit den Namen Seiters und Genscher verbunden sein.

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Dass Genscher heute als der "Retter von Prag" in den Geschichtsbüchern steht, verdankt er im Übrigen nicht eigenen Aktivitäten in diesem Zusammenhang, sondern allein Helmut Kohl. Der hatte angeordnet, als alles in Prag in trockenen Tüchern war, man möge doch den Außenminister, der gerade in New York weilte, mit nach Prag reisen lassen. Das sollte eigentlich geheim bleiben, aber kaum saß der Außenminister im Flugzeug, teilte sein Amt aller Welt laut mit, dass er jetzt als Retter auf dem Weg nach Prag sei.

Seiters trägt die einseitige Geschichtsauslegung gelassen, zumal Genscher bei der Gedenkfeier vergangene Woche in Prag den Satz mit dem "ich" nicht wiederholt hat. Aber ganz mag er offenbar von der Legende nicht lassen: Genscher erzählt zum 30. September 2009: "Angesichts der dramatischen Lage bat ich Rudolf Seiters, an dem Gespräch teilzunehmen." Womit er wieder einmal sein "Ich" dezent ins deutsche Geschichtsbuch bringt. Richtig ist: Seiters war es, der Genscher ins Gespräch brachte.

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Dass Westerwelle sich auf der ersten Pressekonferenz nach der Wahl strikt weigerte, einem britischen Journalisten auf Englisch zu antworten, ist ihm vielfach angekreidet worden. Zu Unrecht. Erstens, weil auf Konferenzen der Haustadtpresse Fragen in Fremdsprachen generell nicht zugelassen werden. Zweitens haben verbesserungswürdige Englischkenntnisse bei den deutschen Außenministern Tradition. Joschka Fischer sprach zunächst Englisch nur im rüden Stil eines Frankfurter Taxifahrers und überdies mit fettem schwäbischen Akzent. Hans-Dietrich Genscher trat an ohne jede Kenntnis des Englischen und amtierte dennoch von 1974 bis 1992 im Auswärtigen Amt. Er gab Westerwelle diesbezüglich guten Rat: "Mein Verhältnis zur englischen Sprache ähnelt dem meiner Frau - ich liebe sie, beherrsche sie aber nicht." Bleibt die Frage offen, ob sich diese Weisheit auch auf Westerwelles Mann übertragen lässt.

Westerwelle selbst hat schnell gelernt. Ein bekannt frechmäuliger Journalist, der auch Angela Merkel nie mit "Frau Bundeskanzlerin" anspricht, sondern stets mit "Frau Dr. Merkel" konfrontierte ihn jetzt mit der Frage: "Herr Westerwelle, könnte ich meine Frage auch auf altgriechisch stellen?" Antwort des FDP-Vorsitzenden: "Ja, aber dann antworte ich ihnen mit klassischem Latein!" Der Journalist, des Altgriechischen wie des Lateinischen nicht mächtig, akzeptierte den Gegenschlag und verzichtete auf seine Frage. Nötig wäre es nicht gewesen. Denn der Schüler Westerwelle hat sich einst mit langem Haar und fleckiger Parka in Bonn einst mühsam zum Abitur gegammelt und blieb auch mal "kleben". Von lateinischen Sprachkenntnissen blieb er Welten entfernt.