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Berliner Medienszene: Ohne Wanzen in die Hinterzimmer

Der britische Abhörskandal zeigt, wozu die Medien fähig sein können. Aber sind illegale Recherchemethoden auch im deutschen Hauptstadtjournalismus üblich? Nein, sagt

Korrespondent Hans Peter Schütz

Ist es denkbar, dass sich im politischen Berlin wiederholen könnte, was derzeit in London als medienpolitischer Skandal mit eindeutig kriminellen Akzenten zu besichtigen ist? Dass Zeitungen sich mediale Macht bis in höchste politische Kreise hinein verschaffen, indem Redaktionen systematisch Telefongespräche von Politikern abhören lassen, Bestechungsgelder zahlen und aufgerüstet auf dieser Basis mit Hilfe der Polizei die amtierende Politik zum Kuschen zu zwingen versuchen, wie dies offenbar der britische Murdoch-Konzern praktiziert hat?

Nach 35 Jahren als politischer Korrespondent in Bonn und Berlin für Tageszeitungen und den stern gibt es aus meiner Sicht nur eine Antwort: Nein. Zwar sind - mit wachsender Tendenz - durchaus Grauzonen in diesem Bereich vorhanden, aber es kann keine Rede davon sein, dass die politischen Entscheidungsträger bis hinauf ins Kanzleramt an langen medialen Zügeln laufen und mit kriminellen Methoden manipuliert werden.

Die Berliner Journalistenmeute kann keinen unfähigen Politiker mächtig machen, sie kann auch keinen fähigen Politiker runterschreiben, so lange der nicht selbst einen ausgewachsenen Skandal auf dem Silbertablett abliefert. Die Berliner Journalisten besitzen keine unmittelbare Macht. Aber sie sind natürlich auf gewisse Weise Mitspieler beim Kampf der Parteien um die Macht. Dafür gibt es feste Spielregeln, die seit Jahrzehnten beachtet werden.

Informationen werden oft in sogenannten "Zirkeln" oder "Kreisen" transportiert. Das sind Zusammenschlüsse von Journalisten zum Zweck der Informationsbeschaffung. Es gibt über ein Dutzend davon. Etwa die "Gelbe Karte", ein Zusammenschluss von Kollegen, die ein SPD-Parteibuch tragen oder der SPD nahe stehen. Dann gibt es den Zirkel "Das Ohr", dem vor allem außenpolitische Berichterstatter angehören und demgemäß ihre Ohren gerne nahe den größten Ohren haben wollen, die es dank Hans-Dietrich Genscher in der Szene je gegeben hat. Oder die "Provinz", ein Zusammenschluss der Korrespondenten der großen Regionalzeitungen. Oder die "Lila Karte", eine Arbeitsgemeinschaft von Journalistinnen.

Hintergrundgespräche werden "unter 3" geführt

Daneben veranstalten alle Parteien gerne Hintergrundgespräche. Auch zu denen wird selektiv eingeladen – oft nach jeweiliger Parteinähe des Mediums. Oft ist dabei weniger die Information das Ziel, sondern die Einbindung der Journalisten in eine bestimmte Sprachregelung. Getreu der Devise: Wenn du jemanden schwächen willst, ziehe ihn ins Vertrauen. Denn oft tagen diese Zirkel "unter 3", was heißt, dass Vertraulichkeit vereinbart ist. Erfahrene Politiker hüten sich allerdings auch dann, dort Dinge auszuplaudern, die ans Eingemachte gehen. Aus gutem Grund: Es wird immer wieder – nicht erfolglos – versucht, gegen Honorar bei einem Teilnehmer vertrauliche Infos abzuschöpfen.

Und noch eines geschieht seit der Erfindung des Handys. Ich saß bei Unions-Fraktionschef Volker Kauder und konnte erleben, wie ein Kollege ihm per SMS Infos aus einer zugleich laufenden vertraulichen SPD-Runde zukommen ließ.

Daneben existiert noch der Deutsche Presseclub, der lange Jahre, vor allem in Bonn, als wichtigste Informationsquelle galt, jetzt aber an Bedeutung verloren hat. In ihm kommen alle Spitzenpolitiker in regelmäßigen Abständen zum vertraulichen Gespräch.

Eine besondere Schwäche des Hauptstadtjournalismus ist sein Leiden an journalistischer Aufblähung der Fakten. Denn was wichtig ist in Berlin, entscheidet sehr oft nicht das Thema einer Pressekonferenz, sondern die Terminlage. Ist, wie in der Sommerpause allenthalben, tote Hose, dann wird aus einer viertklassigen Pressekonferenz mit drittklassigen Politkern ein mediales Großereignis.

Berlin ist schneller, härter, ruppiger

Verändert haben sich seit dem Wechsel von Bonn nach Berlin allerdings die Umgangsformen: Alles ist härter, schneller, ruppiger geworden - der Kampf um das schnellste Bild, den lautesten O-Ton und das idiotischste TV-Statement. Besser informiert wird dadurch nicht.

Außerdem zeichnet sich derzeit eine dramatische Veränderung des Hauptstadtjournalismus ab. Grund dafür ist der massive Ausbau der Onlinemedien. Der Blick der Korrespondenten und Politiker geht mit zunehmender Regelmäßigkeit zu "Spiegel Online", stern.de oder "Süddeutsche.de". Dort werden die jeweils tagesaktuellen Themen am schnellsten abgefahren. Das übt natürlich auch Berichterstattungsdruck auf die Korrespondenten der Zeitungen und Druck auf die Tendenz ihrer Artikel aus.

Die Faktenbeschaffung wird den Parlamentskorrespondenten seit langem durch die Bundespressekonferenz erleichtert, eine Organisation der Journalisten, die routinemäßig dreimal die Woche tagt. Am Montag, Mittwoch und Freitag treten dort die Sprecher aller Ministerien unter Führung des Regierungssprechers an, um sich Fragen zu stellen. Fragen werden nicht immer beantwortet, oft dient die Pressekonferenz nur der Verlautbarung irgendwelcher angeblicher politischer Erfolgsmeldungen. Will man wissen, wie es kam, dass der Bundesnachrichtendienst die Pläne für den Neubau in Berlin verschlampt hat, wird man dies dort garantiert nicht erfahren.

Aber es gibt hier auch interessante Spielchen. Findet in der Bundespressekonferenz ein Großauftritt statt, wie ihn soeben die SPD mit ihrem Führungstrio hingelegt hat, darf man davon ausgehen, dass nicht alle Fragen der Journalisten aus deren Köpfen stammen. Zuweilen bestellen die Parteien bei mit ihnen sympathisierenden Korrespondenten bestimmte Fragen, um ein Thema unverdächtig ansprechen zu können.

Spreng: "Bild ruft, Merkel springt!"

Kriminelle Aktionen drohen der Politik aus dieser Medienszene jedoch nicht. Natürlich gibt es regelmäßig Versuche der massiven medialen Beeinflussung. Etwa bei "Bild", wo man sich derzeit immer wieder massiv um das Ansehen von Altkanzler Kohl kümmert, mit dem "Bild"-Chef Kai Diekmann persönlich eng verbunden ist. Es ist auch nicht so, wie der frühere "Bild am Sonntag"-Chef Michael Spreng einmal geschrieben hat: "Bild ruft, Merkel springt!" Zwar ist Angela Merkel mit dem Springer Verlag über ihre Freundschaft mit Frau Springer eng verbunden. Aber ihre abrupten politischen Positionswechsel verwirren zuweilen auch "Bild".

Natürlich existieren in einigen Verlagen Dossiers über bestimmte Personen im politischen Bereich, mit denen zuweilen auch versucht wird, Kooperation und Informationen zu erzwingen. Aber systematische Ausspähung von Promis etwa durch Detektivbüros gehört nicht zum Standard der Branche. Die Kanzlerin operiert am liebsten mit exklusiven Gesprächskreisen, zu denen nur führende Journalisten und wichtige Chefredakteure eingeladen werden. Das ist kein essentieller Unterschied etwa zu Zeiten des Kanzlers Schröder, der führende Journalisten, beispielsweise den damaligen Spiegel-Chef Stefan Aust, gerne in sein privates Umfeld, etwa zu seiner Hochzeit, einlud.

Das liegt nicht auf der Ebene eines Scheckbuchjournalismus, den es in der Bundesrepublik allerdings auch schon gegeben hat. Eher stimmt jene Linie, die schon Kurt Tucholsky giftig beschrieben hat: "Der deutsche Journalist braucht nicht bestochen zu werden, er ist stolz, eingeladen zu werden, er ist schon zufrieden, wie eine Macht behandelt zu werden."

Besonders Helmut Kohl hat auf dem Klavier der Nähe virtuos gespielt. So lange ich in Bonn Korrespondent süddeutscher Zeitungen war, war ich wohl gelitten. Beim Presseabend auf CDU-Parteitagen durfte ich an seinem Tisch sitzen oder mir auf Ausflügen in die Pfalz von ihm Zwiebelkuchen servieren lassen. Kaum war ich beim stern, grüßte er mich nur noch ein einziges Mal, und das nur, um mir zu sagen: "So sind Sie jetzt auch bei den Verbrechern gelandet."