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Berliner Rede Köhler haut auf den Bröckelputz


Er galt als Marktliberaler - nun rechnet er mit den Wirtschaftseliten ab: Bundespräsident Horst Köhler hat sich mit einer geglückten Anti-Westerwelle-Rede zurückgemeldet. Seine mahnenden Worte wurden vom wechselhaften Wetter beinahe expressionistisch untermalt.
Von Sebastian Christ

Es ist ein beschissener Morgen in Berlin-Mitte, das Kopfsteinpflaster ist nieselregennass. In der Invalidenstraße haben Polizisten eine Ruine abgeriegelt, die bald wieder eine Kirche werden soll. Vor einem Jahr wuchsen noch Bäume in der zerbombten Hülle von St. Elisabeth, jetzt liegt ein provisorisches Satteldach auf den Außenmauern. Zum Teil haben die Fenster schon Scheiben, doch an der Kopfseite, hinter dem Altar, hängen noch schwarze Tuchbahnen vor den hohlen Löchern. Es ist kalt hier. Horst Köhler soll in ein paar Minuten eintreffen. Und plötzlich reißt doch für ein paar Minuten der Himmel auf, und durch die Fangnetze an der Decke dringt Sonnenlicht durch das Glasdach in den Innenraum. Helle Schlieren stehen rings um das Rednerpult.

Um kurz vor elf wird es still im Saal. Eine Stimme sagt: "Meine Damen und Herren, der Bundespräsident und Frau Köhler!" Alle Gäste stehen von ihren Stühlen auf, ganz so, als ob sie das von Gesetzes wegen müssten. Bürgerrituale. Die Blicke folgen ihm bis auf die Bühne.

Horst Köhler hat diesen Ort mit Bedacht ausgewählt: Im Jahr der Weltwirtschaftskrise und der unfassbaren Milliardenzahlen hält er seine Berliner Rede in einem unfertigen Kirchensaal. Nichts ist perfekt hier. Aber gerade darin liegt der Reiz dieses Ortes. In Zeiten der Krise und des Versagens der alten Eliten scheint er daran erinnern zu wollen, dass noch viel zu tun ist.

"Geschichte meines Scheiterns"

"Ich will ihnen eine Geschichte meines Scheiterns erzählen", beginnt Köhler seine Rede. Er erzählt von seiner Zeit als Chef des IWF. "Die Entwicklung auf den Finanzmärkten bereitete mir große Sorgen. Ich konnte die gigantischen Finanzierungsvolumen und überkomplexen Finanzprodukte nicht einordnen." Daraufhin habe er begonnen, Finanzexperten zu Rate zu ziehen, um die Märkte einer Überprüfung zu unterziehen. Die G7-Staaten jedoch hätten daran nur geringes Interesse gezeigt. "Es fehlte der Wille, das Primat der Politik über die Finanzmärkte durchzusetzen." Auch die deutsche Bundesregierung hat also geschlafen, als sich die Gefahr schon abzeichnete. Jetzt, wo der Schaden spürbar wird, verlangt er von der Großen Koalition, dass sie weiterhin den Bürgern dient statt sechs Monate vor der Bundestagswahl mit Profilierungskämpfen zu beginnen: "Auch im Vorfeld einer Bundestagswahl gibt es keine Beurlaubung von der Regierungsverantwortung. Die Bevölkerung hat gerade in der Krise einen Anspruch darauf, dass ihre Regierung geschlossen handelt und Lösungen entwickelt, die auch übermorgen noch tragfähig sind." Dafür bekommt er zum ersten Mal lang anhaltenden Applaus.

Bemerkenswert an Köhlers Haltung in Zeiten der Wirtschaftskrise: Obwohl er jahrelang eher dem wirtschaftsliberalen Lager zugerechnet worden ist, scheut er sich nicht, das Versagen der Managereliten zu benennen und zu geißeln. "Was vielen abhanden gekommen ist, das ist die Haltung: So etwas tut man nicht. Bis heute warten wir auf eine angemessene Selbstkritik der Verantwortlichen. Von einer angemessenen Selbstbeteiligung für den angerichteten Schaden ganz zu schweigen."

Guido Westerwelle sitzt in der ersten Reihe, nahe dem Mittelgang. Ihm dürften die Worte des Bundespräsidenten schwer im Magen liegen. "Wir erleben das Ergebnis fehlender Transparenz, Laxheit, unzureichender Aufsicht und von Risikoentscheidungen ohne persönliche Haftung. Wir erleben das Ergebnis von Freiheit ohne Verantwortung." Köhler sagt: "Die Glaubwürdigkeit der Freiheit ist messbar: in unserer Fähigkeit, Chance zu teilen."

Donnern über dem Saal

Der Himmel zieht zu. Dunkle Wolken hängen über der Elisabethkirche, es wird düster im Saal. Die Sonne hat keine Chance mehr. Köhler steht jetzt im Licht der beiden Scheinwerfer, die links und rechts von ihm herunter strahlen. Dann beginnt es fürchterlich zu regnen, es stürmt. Der Regen wird zu Gischtwolken verwirbelt, geht nachher in Schneeregen und noch etwas später in Schnee über. Von draußen her donnert es, die Ordner vor der Kirche rufen sich beim Namen. Der Wind pfeift durch das zugehängte Fensterloch an der Stirnseite.

"Es darf keine unregulierten Finanzräume, Finanzinstitute und Finanzprodukte mehr geben. Und: Die großen Finanzinstitute werden international unter eine einheitliche Aufsicht gestellt", fordert Köhler. Das Wettergrollen wirkt wie ein Verstärker für seine Worte. Der Bundespräsident bewegt sich hart an der Grenze dessen, was ihm Kraft seines Amtes zusteht. Einen Schritt weiter, und er würde sich in die Tagespolitik einmischen. "Auch vorübergehende staatliche Beteiligungen können nicht ausgeschlossen werden", sagt Köhler in Bezug auf die Banken.

Köhlers Blick wandert von links nach rechts und dann wieder zurück nach links. Er liest seine Rede von einem Teleprompter ab: zwei hochglanzpolierte Glasscheiben, die auf Stativen stehen. Man sieht sie auf dem Fernsehbild kaum. Von zwei Monitoren wird der Text auf die Scheiben projiziert. So scheint es, als ob Köhler seine Gäste anschaut, während der abliest.

Applaus, wenn kein Applaus vorgesehen ist

An manchen Stellen lässt Köhler Zeit für Applaus. Niemand klatscht, zum Beispiel bei den Passagen seiner Rede, in denen er sich für Afrika und die Klimapolitik engagiert. An anderen Stellen will er eigentlich weiterreden, und wird plötzlich vom Klatschen der Gäste unterbrochen. Zum Beispiel hier: "Das nötige Wachstum an Wissen und Können macht uns auch wach für unsere Versäumnisse bei Bildung und Integration. Wir können es uns nicht leisten, junge Menschen verloren zu geben."

Am Ende will Köhler Mut machen. Dabei wirkt er sehr amerikanisch: "Wir werden Ohnmacht empfinden, und Hilflosigkeit und Zorn. Aber es gab auch noch nie eine Zeit, in der unser Schicksal so sehr in unseren eigenen Händen lag wie heute." Man könnte glauben, es seien die Worte von Barack Obama.

Horst Köhler blickt auf die alten Kirchenmauern und sagt: "Wir können immer einen neuen Anfang schaffen." Der Regen ist vorbei, über der Elisabethkirche ist der Himmel aufgerissen. Sonnenlicht strahlt wieder bis zum Rednerpult durch. Die Wetterregie wirkt fast ein wenig extrem, um wahr zu sein. Aber es passt am Ende doch wieder: Denn genauso ist unsere Zeit: extrem.


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