HOME

Buback-Mord: Die unbequemen Zeugen

Ist Siegfried Buback von einer Frau erschossen worden? Die Bundesanwaltschaft hält Zeugen für wenig glaubwürdig, die eine Täterin gesehen haben wollen. Dabei hatte die Behörde schon 1979 Belege, die die Aussagen teilweise bestätigen.

Von Martin Knobbe und Rainer Nübel

Es geht um unbequeme Zeugen. 2007 und 2008 hatten die sich zunächst bei Michael Buback gemeldet, dem Sohn des 1977 von der Roten Armee Fraktion (RAF) ermordeten damaligen Generalbundesanwalts Siegfried Buback. Anschließend ließen sie sich von der Bundesanwaltschaft zu dem Attentat auf Buback und dessen zwei Begleiter vernehmen.

Die Zeugen sind für die Karlsruher Behörde lästig. Denn obwohl die Zeugen bereits 1977 detailreiche Aussagen gemacht und Hinweise gegeben hatten, wonach höchstwahrscheinlich eine Frau auf dem Sozius des Tatmotorrads gesessen und die tödlichen Schüsse abgegeben hatte, wurden sie bislang in keinem Prozess zu dem Attentat angehört. Und ihre Erfahrungen mit den Behörden bestätigen, was sich inzwischen immer stärker abzeichnet: Bei den Ermittlungen zum ersten politischen Mord der RAF gab es Pannen und Versäumnisse, die bis heute politische Brisanz haben.

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten des nur unvollständig aufgeklärten Falles, dass die Bundesanwälte diese Zeugen für wenig glaubwürdig halten, ohne bisher dafür eine konkrete Begründung geliefert zu haben. Das ist besonders deshalb merkwürdig, weil den Ermittlern nach Recherchen von stern.de bereits im Januar 1979 eindeutige Belege vorlagen, die vielmehr für die Glaubwürdigkeit dieser Zeugen sprechen.

Konkret geht es darum: Am 6. April 1977, dem Vortag des Buback-Mordes, war eine vierköpfige Familie nach Karlsruhe zum Einkaufen gefahren. Aus den Aussagen der Familienmitglieder ergibt sich folgende Darstellung: Als die Familie mit ihrem Wagen gegen 9.30 Uhr in der Nähe des Schlossparks anhielt, und der damals 14-jährige Sohn auf der linken Seite ausstieg, sah der Vater, wie ein Motorrad mit zwei Gestalten von hinten heranrauschte und gerade noch der geöffneten Autotür ausweichen konnte. Es hielt kurz an und raste dann davon. Der Vater hatte gesehen, dass der Fahrer des Motorrads einen dunklen markanten Oberlippenbart trug, weil das Visier seines Helmes geöffnet war.

Günter Sonnenberg, der einen Tag später das Tatmotorrad gelenkt haben soll, trug damals einen solchen Bart. Die Person auf dem Rücksitz nahmen der Vater und auch sein Sohn als zierliche Person wahr, nicht größer als 1,65 Meter, eine Frau höchstwahrscheinlich. Sie habe eine Tasche auf den Oberschenkeln gehabt. Einen Tag später werden andere Zeugen beobachten, dass der Todesschütze eine solche Tasche mit sich führte. Die Mutter, die mit ihrer Tochter rechts ausgestiegen war, hatte noch etwas anderes bemerkt: Siegfried Buback und dessen Frau, die sie aus ihrer früheren Nachbarschaft in Karlsruhe gut kannten, standen in diesem Augenblick auf der anderen Straßenseite.

Als die Familie einen Tag später die Nachricht von der Ermordung des Generalbundesanwalts hörte, rief der Vater bei der Polizei an. Die Beamten seien nur eine Viertelstunde geblieben, dann habe man nie wieder etwas gehört, sagt heute sein Sohn, der mittlerweile im Staatsdienst tätig ist.

Buback war mit seiner Frau vor Ort

Waren und sind diese Zeugen glaubwürdig? Nach Recherchen von stern.de prüfte die Bundesanwaltschaft damals die Aussagen dieser Augenzeugen. Und was bislang nicht bekannt war: Sie fanden Hinweise, die die Aussagen der Zeugen stützten. Generalbundesanwalt Buback und seine Frau hatten sich demnach an jenem 6. April 1977 gegen 9.30 Uhr tatsächlich an der besagten Stelle aufgehalten. Dies geht aus einem Vermerk zu Spur 227 hervor, den Oberstaatsanwalt Siegfried Müllenbach am 23. Januar 1979 unter dem Aktenzeichen der Ermittlungen zum Buback-Mord festhielt. Demnach war der Sohn des Generalbundesanwalts, Michael Buback, befragt worden. Er habe erklärt, seine Mutter habe ihm bestätigt, dass sie und ihr Mann sich am 6. April 1977 in der beschriebenen Straße aufgehalten hätten. Was die genaue Uhrzeit angehe, könne sich die Mutter nicht mehr festlegen: Nach ihrer Erinnerung sei es gegen 9.30 Uhr gewesen, plusminus 15 Minuten.

Damit verdichten sich die Hinweise, dass es sich bei der zweiten Person auf dem Motorrad um eine Frau gehandelt haben könnte. Eine weitere Augenzeugin, die das Attentat aus einem Fenster einer Karlsruher Behörde verfolgt hatte, hatte, wie der stern berichtet, ausgesagt, dass sie eine zierliche Person auf dem Sozius des Mordmotorrads gesehen habe. Sie ist überzeugt, dass es sich um eine Frau handelt. Auch sie war von der Bundesanwaltschaft für die Prozesse zu dem dreifachen Mord nicht als Zeugin benannt worden. Inzwischen hat sich eine weitere Zeugin bei Michael Buback gemeldet. Die Witwe eines ehemaligen Karlsruher Ermittlungsrichters sagt, sie habe das Motorrad auf dem Weg nach Karlsruhe gesehen. Auch nach ihrer Wahrnehmung habe eine Frau auf dem Beifahrersitz gesessen.

Aber das ist nicht alles: Als die damals befragten Zeugen bei der jüngsten Vernehmung durch die Bundesanwaltschaft ihre alten Aussagen vorgehalten bekamen, trauten sie zuweilen ihren Augen nicht. Vieles, was damals von Ermittlern festgehalten worden sei, habe nicht gestimmt. Wie etwa ein Vermerk aus der Spurenakte im Falle der Familie, die am 6. April 1977 den Beinaheunfall mit dem Motorrad erlebt hatte: Die Mutter und der Sohn, die über einen längeren Zeitraum das Ehepaar Buback bemerkt hätten, hätten das Motorrad nicht gesehen, wurde vermerkt. "Hier wurde ich mit meiner Schwester verwechselt, die wie meine Mutter nach rechts ausgestiegen war", sagt der heute 46-jährige Beamte. "Ich bin definitiv nach links ausgestiegen und saß hinter meinem Vater, wie immer, wenn wir mit dem Auto gefahren sind. Was sich durch die Aussage meines Vaters bestätigt."

Ungewöhnlicher Umgang mit Zeugen

Selbst wenn es in den Ermittlungen zahlreiche Hinweise gibt, die gegen eine Frau als Todesschützin sprechen, ist der Umgang mit jenen Zeugen ungewöhnlich: Ihre Aussagen von damals trugen nicht ihre Unterschriften, sie wurden in keinem der beiden Gerichtsprozesse zu dem Attentat als Zeugen geladen. Und auch in dem wieder aufgenommenen Ermittlungsverfahren gegen die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker, die seit einer Woche wegen dringenden Tatverdachts, an der Vorbereitung des Attentats beteiligt gewesen zu sein, in Untersuchungshaft sitzt, spielen die Beobachtungen der Augenzeugen, wonach eine Frau geschossen haben könnte, offenbar keine Rolle.

Die in wichtigen Punkten von damaligen Ermittlern bestätigten Aussagen der Familie werfen indes die Frage auf, ob Siegfried Buback ursprünglich schon am 6. April 1977, einem Tag vor dem Attentat, getötet werden sollte. Der damalige Generalsbundesanwalt pflegte damals regelmäßig mittwochs mit seiner Frau durch den Hardtwald und Schlosspark zu spazieren. Hatte die RAF diesen Spazierweg ihres Opfers herausgefunden und gewusst, dass Buback bei dieser Gelegenheit ohne Personenschutz unterwegs war?

Von:

Rainer Nübel und Martin Knobbe