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Buch "Frohe Botschaft": Den Deutschen geht es bestens - warum wir trotzdem eher das Negative wahrnehmen

stern-Autor Walter Wüllenweber hat in seinem Buch "Frohe Botschaft" aufgeschrieben, warum uns das Negative fasziniert und wir selbst die größten Fortschritte der Menschheit ignorieren.

Aus "Frohe Botschaft": stern-Autor Wüllenweber: "Es stimmt einfach nicht, dass die Welt am Abgrund steht"

Deutschland hat einen Lauf: Die Massenarbeitslosigkeit ist überwunden, die Beschäftigung auf dem höchsten Stand in der Geschichte. Der Staatshaushalt ist im fünften Jahr in Folge ausgeglichen. Die Kriminalität ist auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Ostdeutschland ist die wirtschaftlich stärkste Region des gesamten ehemaligen Ostblocks.

+++ Lesen Sie hier den ersten Teil dieser Mini-Serie +++

Nicht nur den Deutschen geht es immer besser. Seit den 1980er Jahren haben sich Milliarden Chinesen und Inder aus bitterster Armut befreit und sind in eine gesicherte Mittelschicht aufgestiegen. Kinderarbeit, Kindersterblichkeit und Analphabetismus konnten in den letzten drei Jahrzehnten entscheidend reduziert werden. Terror und Krieg bestimmen zwar die Nachrichten, doch weltweit ist die Wahrscheinlichkeit, bei kriegerischen Kampfhandlungen getötet zu werden, heute siebenmal geringer als noch in den 1970er Jahren. Und in Westeuropa ist die Zahl der jährlichen Terroropfer im selben Zeitraum um 85 Prozent gesunken.

Die Lage ist glänzend. Aber die Stimmung ist mies.

Warum wir die Welt schwärzer sehen als sie ist

Wie kommt das? Warum gelangen die sensationell positiven Entwicklungen in nahezu allen Lebensbereichen nicht in unser Bewusstsein? Dabei sind die frohen Botschaften kein Geheimwissen. Sie sind vielfach wissenschaftlich nachgewiesen und von den zuverlässigsten Organisationen solide dokumentiert. Der schwedische Wissenschaftler Hans Rosling hat sich über Jahrzehnte mit dem Phänomen der Ignoranz beschäftigt und in unzähligen Experimenten gezeigt, dass die allermeisten Menschen – auch Politiker, Topmanager und Universitätsprofessoren – die wichtigsten Entwicklungen der Welt erheblich negativer einschätzen, als sie nach der Faktenlage unbestreitbar sind. Da unterscheiden sich die Deutschen mit ihrer weltberühmten "German Angst" von anderen Völkern nur im Ausmaß des Schwarzsehens, nicht aber im Prinzip.

Der Homo Sapiens ist als Fluchttier konstruiert. Feigheit ist unser Erfolgsrezept. Die mutigsten Exemplare unserer Vorfahren schafften es meist nicht, unsere Vorfahren zu werden. Sie waren tot, bevor sie ihre Gene weitergeben konnten – Leibspeise des Säbelzahntigers. Angsthasen überlebten. In der Evolution hat sich der Reflex schließlich durchgesetzt, die Umwelt ständig nach Gefahren abzuscannen. Das menschliche Gehirn verarbeitet jede Form von Alarm schneller und besser als alle anderen Informationsarten. Das funktioniert sogar schneller als das Bewusstsein. Zeigt man Menschen auf einem Computerbildschirm für ein paar Millisekunden ein undeutliches Foto einer Schlange, meldet das Bewusstsein: Ich glaube, da flackert was. Doch die kurze Andeutung einer Schlange reicht schon, um sofort die typischen Angst- und Abwehrreaktionen im ganzen Körper bereits deutlich nachweisen zu können. Die Alarmverarbeitung funktioniert erheblich schneller als das Bewusstsein.

Horst Seehofer und Angela Merkel: Der Regierung geht's vielleicht nicht bestens, den Deutschen aber eigentlich schon

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DPA

Wie der Pessimismusreflex funktioniert

Verantwortlich dafür ist ein mandelförmiges Gebilde in unserem Gehirn: die Amygdala. Dieses Angstzentrum sorgt dafür, dass unsere Aufmerksamkeit auf Informationen über negative Veränderungen fixiert ist. Es ist eine physiologische Überlebensreaktion: der Pessimismusreflex. Darum merken wir sofort auf, wenn die Nachrichten vermelden, dass in einer Schule am anderen Ende der Republik zwei Fälle von Masern festgestellt wurden. Achtung! Warnung! Die frohe Botschaft, dass die Zahl der Menschen, die weltweit an einer Maserninfektion sterben, seit 2000 um fast 90 Prozent gesunken ist, nehmen wir kaum wahr. Für Entwarnungen gibt es keine spezielle Region im Gehirn.

Die Medien nutzen diesen Pessimismusreflex. Weil sich die Gehirne der Leser, Zuschauer, Hörer oder User am meisten für Warnungen und Gefahren interessieren, konzentrieren sich die Nachrichten auf diesen Teil der Realität. Das ist nicht ausschließlich billige Sensationsmache, um Quote oder Auflage zu generieren. Gerade der Qualitätsjournalismus sieht seine Aufgabe darin, den Finger in die Wunde zu legen, Missstände aufzudecken. Der kritische Journalismus hat eine unverzichtbare Kontrollfunktion für die Gesellschaft, denn er ermöglicht es, Fehler zu erkennen und daraus zu lernen. So wurden die Qualitätsmedien zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor, der die vielen Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte erst möglich gemacht hat.

Wir heutigen Menschen nehmen die Welt immer stärker durch Medien wahr. Der Bildschirm ist unser Fenster zur Welt. Die Mediennutzungszeit der Deutschen hat sich seit den 1960er Jahren verdreifacht, auf zehn Stunden am Tag. Und da geht noch mehr. US-Amerikaner kommen sogar auf durchschnittlich zwölf Stunden. So beginnt jeder Tag mit dem Morgengrauen: Der Radiowecker vermeldet einen Bombenanschlag in Bagdad. Beim Zähneputzen das nächste Kapitel im ewigen Koalitionsstreit. Zum Frühstück werden Wirbelstürme, Ausschreitungen, Firmenpleiten und der neuste Wahnsinn aus dem Weißen Haus serviert. Alle diese Meldungen sind korrekt, wichtig, und es ist notwendig, sie zu verbreiten. Doch zusammen erzeugt der ununterbrochene Strom richtiger Horrornachrichten ein falsches Bild: Alles verschlechtert sich. Der Publizist Matthias Horx nennt das "Immerschlimmerismus".

Die Rolle der sozialen Medien

Die Zeit, die wir mit Medien verbringen, in der wir uns zusätzlich zu den Nachrichten auch in Spielfilmen immer mehr Mord, Totschlag und grausamste Verbrechen reinziehen, hat sich verdreifacht. Das Medienangebot hat sich hingegen um den Faktor mehrerer Milliarden multipliziert. Das Internet und die sozialen Medien machen aus jedem User einen Programm-Anbieter. Die klassischen journalistischen Medien haben über Jahrzehnte Regeln für die seröse Informationsverbreitung entwickelt und eingeübt. Die sozialen Medien sind der wilde Westen ohne Sheriff. Bei den Revolverhelden des Netzes gilt: erst schießen, dann fragen. Wahrheit hat dabei keine hohe Priorität. Die absurdesten Falschmeldungen verbreiten sich mit der größten Geschwindigkeit. Die Lügen, Übertreibungen und Verdrehungen gehen dabei nie in die positive Richtung. Medienwissenschaftler haben herausgefunden, dass die Meldungen, die in den Echokammern der sozialen Netzwerke verbreitet werden, durchweg erheblich negativer, alarmistischer sind, als die Nachrichten in klassischen Medien. Und Personengruppen, die sich hauptsächlich über Facebook und Twitter informieren, sind im Schnitt pessimistischer eingestellt, befürworten häufiger Gewalt als Methode zur Konfliktlösung und neigen mehr zu Depressionen als der Schnitt der Gesellschaft. Soziale Medien sind hocheffektive Angstmaschinen.

Gegen den Pessimismusreflex in unserem Gehirn, im seriösen Journalismus und in den Echokammern des Netzes haben die frohen Botschaften kaum eine Chance. Das ist die Antwort auf die Frage, warum wir den tatsächlichen Zustand der Welt viel zu negativ einschätzen, warum wir die fantastischen Fortschritte in allen Lebensbereichen nicht richtig wahrnehmen oder sofort wieder vergessen.

Sich der vielen Verbesserungen bewusst zu werden, macht gute Laune. Doch es ist viel mehr als ein Wellnessprogramm für die Seele. Die Menschheit hat in den vergangenen Jahrzehnten den größeren Fortschritt in ihrer Geschichte bewirkt. Doch das reicht noch nicht. Um Herausforderungen wie den Klimawandel, die rasante Digitalisierung und die noch immer obszön ungerechte Verteilung des Reichtums zu bewältigen, muss die Welt noch eine Schippe drauflegen. Unsere Gesellschaft hat gelernt, aus ihren Fehlern zu lernen. In Zukunft muss sie zusätzlich auch die Lehren aus ihren Erfolgen ziehen, aus den frohen Botschaften.

Lesen Sie dazu eine ausführliche Geschichte im aktuellen Heft.

 

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