Bündnis90/Die Grünen Hoffnung auf ein "grünes Jahr 2004"


Seit 1998 sind sie im Osten - abgesehen von Berlin - parlamentarisch draußen vor der Tür. Jetzt wittern die Bündnisgrünen in Sachsen und Brandenburg wieder Morgenluft. Doch beide Wahlen könnten zur Zitterpartie werden.

Grüne Politiker haben durchaus Humor. In Sachsen outen sie sich neuerdings auf T-Shirts als "Froschversteher". Die Wahlkampfaktion belegt, dass Grüne abseits von ernster Kritik an Umweltzerstörung und Atomkraft über sich selbst lachen können. Bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg haben sie am Sonntag Chancen, als erste in den neuen Ländern wieder in Landesparlamente einzuziehen. Das gelang zuletzt 1994 in Sachsen-Anhalt, seit 1998 sind die Grünen im Osten - abgesehen von Berlin - parlamentarisch draußen vor der Tür.

Beide Wahlen könnten für die Grünen zur Zitterpartie werden. Das ist für die Partei nicht neu. Höhen und Tiefen musste sie zuletzt in Thüringen erleben, wo sie im Juni beim Votum für den Landtag knapp scheiterte. Sachsens Grünen-Chef Karl-Heinz Gerstenberg mag an dieses Szenario nicht denken: "Die Chancen sind realistisch, unser Wahlziel von 7 Prozent ist in greifbare Nähe gerückt". Die Umfragewerte der Partei mit 890 Mitgliedern liegen kurz vor der Wahl bei 6 Prozent.

Grüne wittern Morgenluft

Auch die Bündnisgrünen in Brandenburg (580 Mitglieder) wittern nach zehn Jahren außerparlamentarischer Opposition wieder Morgenluft. Nachdem sie bei früheren Wahlen kaum mehr als 3 Prozent der Stimmen einfuhren, sagen Umfragen diesmal 6 Prozent voraus. Den Aufschwung verdanken sie einer neuen Geschlossenheit und dem Spitzenkandidaten Wolfgang Wieland. Während die märkischen Grünen einst ihre Chefs am laufenden Band verschlissen, gibt es seit geraumer Zeit Ruhe an der Spitze. Der scharfzüngige frühere Berliner Justizsenator Wieland hat sich vor allem auf CDU-Innenminister Jörg Schönbohm eingeschossen. Die Frau im grünen Spitzenduo, Cornelia Behm, blieb eher unauffällig.

In Sachsen gab es personell mehr Kontinuität. Gerstenberg führt den Landesverband seit 1994. Als Spitzenkandidatin haben die Sachsen eine Frau mit Bundestagserfahrung nominiert: Die Haushaltsexpertin Antje Hermenau. Gerstenberg ist voller Hoffnung auf ein "grünes Jahr 2004". Dass es möglicherweise "braune Flecken" bekommt, betrübt den Landeschef.

Die Duplizität der Ereignisse in Sachsen und Brandenburg ist frappierend. Nachdem NPD (Sachsen) und Deutsche Volksunion (DVU/Brandenburg) zur eigenen Stärkung den Verzicht auf Kandidaturen im jeweils anderen Bundesland vereinbarten, kämpfen nun Grüne und Rechtsextreme in beiden Ländern mit etwa gleichem Wählerpotenzial um den Einzug in die Parlamente. Primäre grüne Themen wurden so am Ende des Wahlkampfs von der Auseinandersetzung mit Rechts verdrängt.

Professionellerer Wahlkampf als früher

In beiden Ländern lief der Wahlkampf professioneller als früher. Grüne Bundesprominenz in Person von Joschka Fischer, Jürgen Trittin, Renate Künast oder Parteichef Reinhard Bütikofer reiste zuverlässig an. Die Gründe für das Erstarken der Partei im Osten sind vielfältig. Mit Sicherheit gehört dazu, dass ihre Fixierung auf DDR-Vergangenheit abnahm und sie im Osten nicht mehr als reine "West-Partei" gilt. Die aus Leipzig stammende Hermenau bekennt sich gern als "Wossi" und warb grenzenlos um Wähler: "Wenn Sie selbstbewusste Ostdeutsche und selbstkritische Westdeutsche gemeinsam an der Zukunft unserer Landes arbeiten sehen wollen - dann sind Sie hier richtig."

Jörg Schurig/DPA DPA

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