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BUNDESPARTEITAG: Sie will es

Nach 90 Redeminuten kam Angela Merkel doch zu dem Thema, das auf dem Parteitag keine Rolle spielen sollte. Und dabei wurde unmissverständlich klar: Sie will die Union in die Bundestagswahl 2002 führen.

Der Beifall für Angela Merkel wollte nicht aufhören. Die CDU-Vorsitzende hatte dem Parteitag zum Schluss ihrer 90-minütigen Rede gerade noch als Einstimmung auf den Wahlkampf zugerufen: »Ich bitte Sie, kämpfen Sie mit«. Da sprangen wie auf ein geheimes Kommando die rund 1000 Delegierten von ihren Plätzen und applaudierten mit vollen Kräften der Frau zu, die in ihrer Amtszeit einige Höhen, aber auch viele Niederlagen erlitten hat. Merkel lächelte und winkte. Nach vier Minuten wechselte der Beifall ins Stakkato.

6 Minuten und 28 Sekunden lang Applaus

Als der Applaus endete, standen die Stoppuhren auf 6 Minuten 28 Sekunden. Das war länger als bei ihrer Rede auf dem Essener Parteitag, wo sie im April 2000 gewählt worden war, länger als für den Kanzler auf dem SPD-Parteitag vor 14 Tagen und länger als bei mancher Parteitagsrede von Helmut Kohl. Alle in der Führung - von Roland Koch über Peter Müller bis Volker Rühe - lobten die »beeindruckend starke« Rede Merkels. »Ein Erfolg für Angela Merkel«, kommentierte auch Frauen-Unionschefin Maria Böhmer sichtbar erleichtert.

Doch ebenso einig waren sich die meisten in den neuen Messehallen in Dresden auch, dass der Beifall und die Bravo-Rufe für die Frage aller Fragen in der Union unmittelbar noch nichts zu bedeuten hat. Auch nach diesem Montag ist die Entscheidung über den Kanzlerkandidaten weiter offen. »Eine Vorentscheidung war das nicht«, sagte Schleswig-Holsteins Landeschef

Johann Wadephul genauso wie Partei-Vize Rühe.

»Alle Optionen offen«

Ein Bundestagsabgeordneter meinte trocken: »Die Rede lässt ihr alle Optionen offen. Mehr nicht.« Es sei keine Euphorie zu spüren gewesen, sie jetzt schon auf das Schild zu heben. So wartet denn der Parteitag an diesem Dienstag gespannt auf die Rede von Bayerns Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, der vor allem als Favorit der Bundestagsfraktion gilt. Das Lager der Merkel-Anhänger, das mehr in der Parteibasis beheimatet ist, fühlte sich auch bestätigt. »Sie hat die Herzen erreicht«, jubelte Thüringens Landesgeschäftsführer Klaus Zeh. Und als Votum für Merkel wurde auch das überraschend deutliche Ergebnis von 90,02 Prozent für ihren Generalsekretär Laurenz Meyer bewertet.

Merkel hatte, wie viele registrierten, in der Rede ihre stärksten Momente dann, wenn sie die Bundesregierung frontal angriff. Im programmatischen Teil, in dem sie ihre Philosophie der CDU für eine neue Soziale Marktwirtschaft entwickelte, folgten ihr die Delegierten nicht so aufmerksam. Auffällig bemühte sie sich, nahezu alle Präsidiumsmitglieder zu loben. Offenbar wollte sie damit die Geschlossenheit der Führungsspitze demonstrieren.

Diese Geschlossenheit, das weiß Merkel, ist eines der Kriterien, die am Tag der Kanzler-Kandidatenentscheidung von

Gewicht sein werden. Folgt ihr die eigene Partei nicht, bräuchte sie sich gar keine Hoffnung auf die Kandidatur zu machen, heißt es. Nach den Ergebnissen des Parteitags könne sie, wie einer aus der Führungsspitze sagte, Stoiber insofern auf »gleicher Augenhöhe« entgegen treten.

»Anfang 2002« einzige Festlegung

Wann diese Entscheidung nun konkret fällt, das schält sich auch auf diesen Parteitag nicht heraus. »Anfang 2002« lautet die einzige Festlegung. Da wähnten sich einige in der Parteiführung schon vor Wochen weiter. Da war im geschäftsführenden Fraktionsvorstand mal unwidersprochen von Januar die Rede. Nun scheint es, dass sich die Entscheidung hinziehen wird - vielleicht bis nach den bayerischen Kommunalwahlen am 3. März. Das scheint jedenfalls die CSU zu wollen.

Wie wird Stoiber nun am Dienstag auf die Merkel-Rede reagieren? Er wird wohl, so vermuten viele, nicht überziehen und nicht versuchen, Merkel in den Schatten zu reden. Dies würde wahrscheinlich schlecht bei den Delegierten ankommen. Für den Bayern sprechen nach wie vor die Umfragen. Dies könnte der entscheidende Vorteil sein, so ein langjähriger Bundestagsabgeordneter.