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Bundeswehr: Gewaltmarsch in Pfullendorf - schwere Vorwürfe gegen Ausbilder

Bei einem Gewaltmarsch in Pfullendorf werden junge Soldaten bis zur Erschöpfung gehetzt. Mehrere brechen ab, einer bricht bewusstlos zusammen. Ein Bericht der Bundeswehr spricht gar von einem "Selektionslauf". Ist die Ausbildung zu hart?

Staufer-Kaserne in Pfullendorf

Der Eingang der Staufer-Kaserne der Bundeswehr in Pfullendorf (Baden-Württemberg)

DPA

Drei Dutzend Rekruten in Sportanzügen brechen am 9. Januar in der Kaserne im baden-württembergischen Pfullendorf auf. Die jungen Menschen sind erst seit sieben Tagen bei der . Ein Geländelauf steht auf dem Programm, 15 Kilometer Laufstrecke. Nicht alle Feldwebelanwärter halten durch. Bereits 20 Minuten nach dem Start bricht ein Rekrut bewusstlos zusammen, muss ins Krankenhaus und dort zwei Wochen bleiben. Fünf weitere Rekruten brechen den Lauf wegen körperlicher Erschöpfung oder Verletzung ab und werden in die Kaserne zurückgefahren. Zwei von ihnen widerrufen noch während des Laufs ihren Dienst als Soldaten auf Zeit.

"Überfordernd" und "nicht angemessen durchgeführt"

Rund zehn Wochen nach dem folgenschweren Trainingslauf in erhebt die Bundeswehr schwere Vorwürfe gegen Ausbilder der Kaserne. Der Lauf sei von den Ausbildern der Spezialausbildungskompanie 209 "überfordernd" und dem Trainingstand "nicht angemessen durchgeführt" worden, heißt es in einem Bericht des Verteidigungsministeriums an den Verteidigungsauschuss. Der "Spiegel" hatte zuerst über das Papier berichtet, das auch der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Es bestehe der Verdacht, "dass der Geländelauf als "Selektionslauf" angelegt und zumindest die Überforderung einiger Rekruten beabsichtigt gewesen sein könnte". 

Der neue Staatssekretär Peter Tauber ( ) schreibt in dem Brief, dass nicht nur "die Methodik der Sportausbildung falsch war, sondern auch gegen die Grundsätze einer zeitgemäßen Menschenführung und weiterer soldatischer Pflichten verstoßen worden sein könnte".

Dem Papier zufolge laufen die Rekruten an jenem Tag im Januar um 13.40 Uhr los. Bereits nach 1,5 Kilometern bricht die geschlossene Marschformation an einer Steigung auseinander, Rekruten bleiben auf der Strecke zurück. Der Ausbilder befiehlt statt einer Pause nun Strafrunden für die anderen Läufer - dreimal müssen sie umkehren und ihre zurückbleibenden Kameraden wieder einsammeln.

Um 14.00 Uhr bricht ein Soldat zusammen. Er wird bewusstlos in das Sanitätsversorgungszentrum und dann in das Kreiskrankenhaus gebracht. Um 14.45 Uhr kommt er wieder zu Bewusstsein. Zwei Wochen bleibt er im Krankenhaus. Vorerkrankungen schließt der Bericht als Ursache für den Zusammenbruch aus. Der Soldat ist mittlerweile wieder im Dienst.

Bundeswehr ermittelt gegen Ausbilder

Die Bundeswehr ermittelt nun gegen die Ausbilder. Der Hauptfeldwebel, der das Training an dem Tag begleitete, wurde bereits von seinem Posten versetzt. Der Zugführer, ein Oberleutnant, bekam wegen des Verstoßes gegen die Fürsorgepflicht und die an dem Tag nicht ausgeführte Dienstaufsicht eine Geldstrafe von 2000 Euro. Die Hechingen prüft strafrechtliche Maßnahmen.

Das Ministerium erfuhr dem Papier zufolge erst durch einen anonymen Brief von dem Vorfall. Erst Tage später machten die Verantwortlichen Meldung. Wegen "Versäumnissen in der Dienstaufsicht und Meldekette" würden nun organisatorische Maßnahmen geprüft, heißt es in dem Bericht.

Die Ausbildungspraktiken der Bundeswehr sorgten in den vergangenen Monaten immer wieder für Schlagzeilen. Nach dem eines Offiziersanwärters bei einem Marsch in Munster überprüft die Bundeswehr die Ausbildung der Soldaten. Generalinspekteur Volker Wieker hatte die Inspekteure aller Teilstreitkräfte angewiesen, die Praktiken zu überprüfen. Das Ergebnis sollte Mitte März vorliegen. Die Überprüfung laufe noch, hieß es am Mittwoch aus dem Ministerium. Hinsichtlich der individuellen Leistungsstärke werde ein noch größeres Augenmerk auf jeden Einzelnen gelegt. Die körperliche Unversehrtheit der Rekruten stehe an erster Stelle.

Heeres-Inspekteur Jörg Vollmer hatte bereits vor wenigen Tagen angekündigt, den Trainingszustand der Rekruten im Heer künftig stärker berücksichtigen und sie entsprechend ihrer Fitness in Gruppen einteilen zu wollen.

Toter Offiziersanwärter bei Übung in Munster

Bei einer Übung in Munster waren im Juli 2017 mehrere Offiziersanwärter kollabiert, einer starb später an den Folgen. Sie hatten zuvor bei Temperaturen von knapp 28 Grad noch eine Extra-Strecke laufen müssen. Untersuchungen ergaben, dass sie einen Hitzschlag erlitten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Bundeswehr.

Einem Gutachten von Hamburger Rechtsmedizinern zufolge war der Tod des Offiziersanwärters in Munster nicht vorhersehbar gewesen, heißt es bei der Bundeswehr. Die Hitzeschläge und Zusammenbrüche der Anderen hätten dem Gutachten zufolge aber vermieden werden können, wenn die Ausbilder auf entsprechende Signale geachtet hätten.

Die Staufer-Kaserne in Pfullendorf ist skandalumwittert. Anfang 2017 hatten Berichte über angebliche sexuell-sadistische Praktiken die Öffentlichkeit schockiert. Die Justiz bestätigte diese Vorwürfe nicht. Darüber hinaus ging es um qualvolle Aufnahmerituale. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte die Vorgänge als "abstoßend und widerwärtig" bezeichnet. Wegen der Aufnahmerituale wurden vier Soldaten entlassen.


koe/mad/Nico Pointner / DPA