Bundeswehr in Afghanistan "Deutschland darf sich nicht verzetteln"


Während Nato-Länder wie die USA mit Nachdruck deutsche Soldaten für den Süden Afghanistans fordern, gräbt sich die Bundesregierung ein: Die Bundeswehr soll dort nicht hin. Im Gespräch mit stern.de sagt Afghanistan-Expertin Citha D. Maaß, weshalb die Deutschen im Norden sinnvoller eingesetzt werden können.

Frau Maaß, brauchen wir mehr Soldaten in Afghanistan?

Im Süden sind mehr Soldaten notwendig, um gegen aufständische Gruppen zu kämpfen. Dies macht aber nur Sinn, wenn sich dort für die Bevölkerung die Lage auch bessern würde.

Geschieht das nicht, wenn zum Beispiel die Taliban zurückgeschlagen werden?

Die Leute brauchen Verwaltungsstellen, eine Gerichtsbarkeit oder einfach nur Jobs. Die Nato konzentriert sich zu sehr auf das Militärische. Soldaten sollten aber nur den Raum schaffen, damit Wirtschaft und Staat einziehen können. Darum kümmert sich die internationale Gemeinschaft viel zu wenig.

Mit welchen Folgen?

Viele Afghanen arbeiten mittlerweile aus Frustration mit den radikalislamischen Taliban zusammen, um schlicht Brot auf dem Tisch zu haben. Und die Gefahr wächst, dass internationale Truppen zunehmend als Besatzer empfunden werden. Die internationalen Truppen können aber nicht gegen die Bevölkerung Erfolg haben, sondern nur mit ihr.

Eine Forderung ist, mit den Taliban ins Gespräch zu kommen.

Man kann davon ausgehen, dass Präsident Karzai und andere afghanische Politiker, aber auch internationale Beauftragte im Geheimen mit den Taliban sprechen. Unklar ist allerdings, aus welchen Motiven dies von den jeweiligen Unterhändlern getan wird.

Derzeit planen die Taliban wieder ihre jährliche Frühjahrsoffensive.

Offensive ist ein falsches Wort. Die Taliban gehen nicht in Bataillonsstärke und in geschlossenen Formationen in eine Offensive über. Anschläge durch Guerillas werden zunehmen, wenn ab März der Schnee auf den Pässen schmilzt. Dieses Phänomen kennt man seit den achtziger Jahren: Im Frühjahr wird plötzlich viel geschossen, im Spätsommer erreicht das einen Höhepunkt, und vor Beginn des Winters flauen die Kämpfe wieder ab – dieses Jahr früher, weil der islamische Fastenmonat Ramadan Ende August beginnt. Eine heiße Kampfphase ist also für Juni und Juli zu erwarten.

Haben die Taliban immer mehr Erfolg?

Sie und ihre Verbündeten würden einen offenen Kampf verlieren. Informell kontrollieren sie ein Drittel des Landes, bestimmen also Alltag und Gerichtsbarkeit.

Die USA, Kanadier und Niederländer verlangen deutsche Soldaten für den Süden, um die eigenen Kontingente zu entlasten. Ist das vernünftig?

Aus Sicht dieser Nationen ist das nachvollziehbar, weil sie dort relativ starke Verluste erleiden. Deutschland hat aber schon die Verantwortung für den Norden des Landes und ist für neun von 34 Provinzen zuständig. Diese Aufgabe ist so wichtig, dass Deutschland seine Truppen und seine Kräfte nicht verzetteln darf. Eher sollten wir uns noch stärker im Norden engagieren.

Die Kanadier würden gern rotieren und im Gegenzug den Deutschen Aufgaben im Norden abnehmen.

Das wäre unklug. Bei der afghanischen Gesellschaft hängt viel davon ab, persönliche Kontakte und Vertrauen herzustellen. Der Ruf der Deutschen im Norden ist noch relativ gut. Die Kanadier würden bei Null anfangen - ebenso die Deutschen im Süden. Ich sehe in einer Rotation keinen Mehrwert für das Bündnis.

Der SPD-Außenpolitiker Hans-Ulrich Klose fordert, dass die wahrscheinlich bald von Deutschen bestückte Nato-Eingreiftruppe auch bei Bedarf im Süden eingesetzt werden soll.

Davon halte ich überhaupt nichts. Alle Kräfte sollten darauf konzentriert werden, die schwierige Lage im Norden stabil zu halten. Wegen der Kämpfe im Süden wird es nämlich auch im Norden in diesem Jahr mehr Anschläge und Unruhe geben. Das ist die Logik der Guerillas: Man weicht Druck aus. Deutsche Eingreiftruppen können im Norden sinnvoller eingesetzt werden ...

Was kann man für den Süden Afghanistans tun?

Wir hatten ein Zeitfenster von 2001 bis 2005, um den zivilen und wirtschaftlichen Aufbau in Gang zu bringen. Der Kampf gegen Taliban und al-Kaida hat aber die Sicherheitslage derart verschärft, dass zu viele ausländische Aufbauhelfer zu früh den Süden verlassen haben. Die Afghanen dort fühlen sich nun zu Recht im Stich gelassen. Sie bekommen zu wenig von den Hilfsgeldern.

Was ist von der Regierung in Kabul zu erwarten?

Die Regierung Karzai schafft es nicht, die Korruption in den eigenen Reihen einzudämmen. Geschmierte Gouverneure zum Beispiel setzt sie nicht ab. Festgenommene mutmaßliche Attentäter können sich über Nacht freikaufen. Das ist alles nicht dem Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen dienlich.

Kann die Regierung in Kabul nicht, oder will sie nicht?

Sie könnte viel mehr. Nur will Präsident Karzai sich nicht genügend gegen lokale Machthaber durchsetzen. Sein Interesse an einem demokratischen Aufbau in Afghanistan ist begrenzt. 2010 sollen Parlamentswahlen stattfinden, aber starke politische Parteien gibt es nicht. Wenn sich aber die Bevölkerung nicht selbst im politischen System Gehör verschaffen kann, ist sie den lokalen militanten Machthabern ausgeliefert, die sich mit Gewalt Gehör verschaffen.

Haben Sie Hoffnung, dass sich die Lage in Afghanistan verbessert?

Zwar wird in diesem Jahr die Militanz in allen Provinzen steigen. Ich sehe aber noch nicht die Bemühungen der internationalen Gemeinschaft als gescheitert. Wir müssen indes Lehren aus der Vergangenheit ziehen: Der Westen muss seine Maßnahmen in Afghanistan besser koordinieren, die Afghanen brauchen eine effizientere und willensstärkere Regierung und vor allem mehr zivile Aufbauhilfe.

Interview: Jan Rübel

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