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Bundeswehr in Afghanistan: "Helfen - Vermitteln - Kämpfen"

Es kann eine bisweilen heikle Aufgabe werden: Im Sommer soll die Panzerbrigade 21 der Bundeswehr als schnelle Eingreiftruppe der Nato nach Afghanistan entsandt werden. Am Montag haben die deutschen Streitkräfte die Einheit das erste Mal der Öffentlichkeit vorsgestellt.

Von Tim Farin, Bergen

Der Infanterist der Zukunft steht in der Lüneburger Heide und überlegt. Er sucht nach Worten, es hagelt und ist bitterkalt, die Pupillen hinter dem leicht verschmierten Glas der Schutzmaske wandern umher, jetzt hat er seine Antwort: Freuen, nein, das könne man nicht sagen - er freue sich nicht auf Afghanistan, das wäre übertrieben. "Aber ich denke, wenn man seinen Job ordentlich machen will, dann gehört auch so etwas dazu."

Der stattliche Mann mit der schwarz geschminkten Gesichtshaut, dessen Namen die Öffentlichkeit auf Wunsch der Bundeswehr nicht erfahren darf, ist eine der insgesamt 200 Personen starken Kerntruppe, die ab Juli in Afghanistans Norden als Quick Reaction Force (QRF) bereitstehen wird - eine schnelle Eingreiftruppe, die bislang von Norwegen gestellt wird. Sie dient dem Regionalkommandeur im Norden des schroffen Lands am Hindukusch als wichtiges Mittel, um Hilfs-Konvois zu begleiten, Razzien zu sichern und auch Aufständische effektiv zu konfrontieren. Jetzt übernimmt die Bundeswehr diesen Job - doch Brigadegeneral Jürgen Weigt, der das Kommando hat, sieht darin keinen Meilenstein: "Das hat keine neue Qualität", findet Weigt, alles bewege sich in gesetzten politischen Rahmen und habe auch längst, wenn auch unter anderer Leitung, existiert.

Einsätze sind nicht risikolos

Natürlich ist der Einsatz dennoch eine heikle Sache in der für Kampfeinsätze immer noch sehr sensiblen Bundesrepublik Deutschland. Schon die bisherigen Einsätze haben ja über 20 Todesopfer gefordert, auch darauf weist der General hin - man könne also in der Debatte kaum von risikolosen Einsätzen sprechen. Somit gibt sich das Heer an diesem Montag redlich Mühe, Vertrauen zu schaffen für die Erweiterung seiner Aktivitäten am Hindukusch. Mehr als zwei Busladungen Medienvertreter sind an den gigantischen Truppenübungsplatz Bergen im feuchtkühlen Niemandsland zwischen Hamburg, Bremen und Hannover angereist, die Streitmacht hat eine ganze Maschine voller "Hauptstadtjournalisten" eingeflogen, es gibt Käse- und Lachsbrötchen im Truppenlager - ein Offizier lobt seine Jungs, weil sie das mit dem Kaffee und dem Anrichten so schön hinbekommen haben. Schließlich ist die kritische Öffentlichkeit zu Gast, da sollten solche Eindrücke schon stimmen.

Inhaltlicher Kern des Medientags ist die Vorstellung der QRF durch ihren General. Weigt, ein sportlicher 50-Jähriger, umreißt die Mission seiner QRF mit vier Stichworten: "Schützen - Helfen - Vermitteln - Kämpfen". Ab Juli müssen sich der Kommandeur und seine Kräfte darin beweisen. Die QRF soll nicht als rabiate Elite-Einheit verstanden werden, und so machte Weigt sich denn auch Mühe, auf die Einbindung ihrer Tätigkeiten im bestehenden ISAF-Mandat sowie in den existierenden Kampfregeln hinzuweisen. Die QRF hat viele Verwendungen: Patrouillen, Aufklärungseinsätze, die Sicherung von brisanten Veranstaltungen und den Schutz von Konvois beispielsweise, aber eben auch die Attacke, um alliierte oder eigene Kräfte in Sicherheit zu bringen. Je nachdem, was ansteht, können auch zusätzliche Soldaten und ihr Equipment einspringen, sagt General Jürgen Weigt, getreu dem amerikanischen Slogan "Tailor to the mission", also: auf die Mission zu schneidern. Ziel sei es stets, dass afghanische Sicherheitskräfte die Lage steuern und dass der afghanische Staat stabil bleibt. Aber es bestehe, sagt der General, dessen Stirn sich beim Reden in Falten legt, immer auch die Möglichkeit zum offensiven Einsatz.

Bis Ende Mai trainieren die Einsatzkräfte noch

"Ich bin kein Afghanistan-Experte", berichtet der General über sich, was ihn wohl auch zu seiner besonders gewissenhaften Vorbereitung anspornt. Weigt, der an der Hochschule der Bundeswehr in Hamburg Pädagogik studierte, spricht von "Ausbildungsfürsorge". Die 200 Kameraden und Kameradinnen aus dem Kern der QRF, die seiner Panzerbrigade 21 aus Augustdorf entstammen, sollen bestens vorbereitet sein für den Hindukusch. "Mein größtes Augenmerk liegt selbstverständlich auf der Ausbildung", sagt der General. Bis Ende Mai trainieren die Einsatzkräfte noch ihre Auslandsmission, dann sieht Weigts Kalender das "Schließen von Ausbildungslücken" vor, und dann setzt sich die QRF in Marsch Richtung Masar-i-Scharif.

Nach den einleitenden Worten des Brigadegenerals, der bei den englischen Fachtermini hin und wieder ein Zischeln unter die Vokabeln mischt, ging es raus aufs Feld: Die Bundeswehr demonstrierte an einer theaterhaften Übung, wie die QRF in Asien Wirkung zeigen soll. Im Übungsdorf des Manöverplatzes hatten sich einige Statisten in blaue Umhänge geworfen und mimten die - in Backsteinhäuschen lebende - Bevölkerung eines darbenden afghanischen Dorfs, die deutschen QRF-Kräfte eskortieren einen Hilfskonvoi in dieses Dorf - und geraten unter Beschuss von Aufständischen. Dann zeigt die Panzerbrigade 21, wie es im Idealfall läuft: Die Infanteristen sichern das Dorf, ordern die Unterstützung ihrer vier Marder-Schützenpanzer. Und schon verstummen die Schüsse vom Hügel ein paar Hundert Meter entfernt.

Freude will auch die High-Tech nicht bringen

Die Bundeswehr will auch technische Stärke zeigen. Zu viel wird in den Medien über mangelhafte Ausrüstung berichtet. Da präsentieren die Soldaten moderne Funktechnik, Schützenpanzer Marder, den Transporter Dingo (mit Klimaanlage und Standheizung) und den besagten Infanteristen der Zukunft. In seiner Ausrüstung hat der einen PDA mit Navigationskarten, er verfügt über eine Wärmekamera, um Feinde auch unter schwierigen Sichtverhältnissen zu orten, und er hat gleich drei Waffen bei sich. Ein Soldat hat sich die volle Montur geworfen, und er steht den Journalisten geduldig Rede und Antwort. Bei seinem letzten Afghanistan-Einsatz hatte er die moderne Technik noch nicht am Leib. Was sie ändern wird, wagt er noch nicht zu vermuten. Sie sei jedenfalls schön leicht. Aber Freude - Freude will auch die High-Tech nicht bringen.

Von den Soldaten, die sich hier auf ihren Dienst in der QRF vorbereiten, waren viele schon in Afghanistan. "Man kann viel trainieren, aber ob das etwas für einen ist, das weiß man immer erst da unten", sagt einer, der nun zum dritten Mal ins Ausland geht. Aber weil es eben auch tödlich zugehen kann, besitzt nicht nur die taktische und körperliche Vorbereitung Priorität. General Weigt, verheirateter Vater zweier Kinder, weiß, wie wichtig dies ist. Um Todesopfer und über Verwundung gehe es in den Lehrgängen auch, aber natürlich komme es darauf an, dass diese Gedanken gerade und vor allem in den Familien besprochen werden. "Es muss sich jeder persönlich darüber klar werden", sagt der General.