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Castortransport: Showdown im Wendland

Der Castor ist in Frankreich gestartet. Wie lange dauert der Transport? Wie stark ist der Protest? Und was ist eigentlich "schottern"? Fragen und Antworten zum Showdown im Wendland.

Wie soll der Transport ablaufen?

Elf Behälter mit hoch radioaktivem Müll aus der Wiederaufarbeitung deutscher Brennelemente in der französischen Anlage La Hague soll der zwölfte Castor-Transport in das Zwischenlager Gorleben bringen. Die Gesamtstrecke ist rund 1000 Kilometer lang und führt den 600 Meter langen Atommüllzug von Valognes in der Normandie, wo der Transport am Freitagnachmittag gestartet ist, bis in die niedersächsische Kleinstadt Dannenberg an der Elbe. Das Umladen der Behälter in Dannenberg soll dieses Jahr 15 Stunden dauern und damit länger als bei vorangegangenen Transporten. An der Umladestation werden die Behälter auf Tieflader gehoben, damit sie letzten 20 Kilometer nach Gorleben auf der Straße fahren können. Es wird erwartet, dass die Castoren am Montag im Wendland eintreffen. Durch die Vielzahl der Proteste kann sich der Transport aber deutlich verzögern.

Was planen die Gegner?

In diesem Jahr rechnen die Atomkraftgegner und die Polizei mit besonders vielen Demonstranten: Bis zu 50.000 Menschen werden im Wendland zu Protesten erwartet. Das Ganze hat zum Teil Festivalcharakter, und die Anti-Atomkraftdemonstranten sind so gut organisiert wie nie. So gibt es acht Camps, beheizbare Zelte, einen Pressebus. Die größte Einzelveranstaltung soll eine Kundgebung sein, die am Samstag um 13 Uhr am Rande von Dannenberg in Sichtweite der Umladestation stattfinden soll. Eine Demo, die für Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative Naturschutz im Landkreis Lüchow-Dannenberg, mit einem "Rockkonzert" vergleichbar ist. Bislang sind 300 Busse zum Transport von Atomkraftgegnern nach Dannenberg gechartert. Traditionell beginnen die Proteste mit einer Schülerdemo in Lüchow und der "Landmaschinenschau" in Metzingen. Dabei fahren Bauern mit ihren Traktoren querbeet über Straßen und Kreuzungen und blockieren so die Transportstrecke. Deutsche Anti-Atom-Aktivisten wollen den Transport zudem am Samstag direkt an der deutsch-französischen Grenze stoppen. Geplant ist eine Demonstration mit Sitzblockade in Berg/Pfalz nahe dem Übergang Lauterbourg. Erwartet werden zur Aktion "Südblockade" 500 bis 1000 Teilnehmer. Daneben sind rund 60 Protestkundgebungen angemeldet. Auch dieses Jahr werden Hunderte von Aktivsten versuchen, mit einer Sitzblockade die Schienen zu blockieren.

Was ist "Schottern"?

"Schottern" ist eine Protestform. Dabei werden Schottersteine aus dem Gleisbett entfernt, so dass ein sicherer Zugtransport nicht mehr garantiert werden kann. Zu der Sabotage an den Gleisen haben sich im Internet bereits mehr als 1700 Personen und Organisationen angekündigt. Die Staatsanwaltschaft Lüneburg leitete daraufhin Ermittlungsverfahren wegen des Aufrufs zu Straftaten ein. Es wird im Wendland sogar "Schotter"-Training angeboten.

Warum ist der Proteststurm in diesem Jahr so groß?

2010 ist ein schwarzes Jahr für Atomkraftgegner. Zum einen wird wieder die Erkundung des Zwischenlagers Gorleben aufgenommen, die durch den Atomkonsens von 2002 unterbrochen wurde, und zum anderen hat die Bundesregierung beschlossen, die Laufzeiten der Kernkraftwerke zu verlängern. Beide Entscheidungen mobilisieren die Gegner wie lange nicht mehr. Zudem hätten die Proteste gegen das Mammutprojekt Stuttgart 21 den Bürgerbewegungen an sich einen neuen Impuls versetzt, wie Polizeigewerkschafter Bernhard Witthaut sagte.

Wer muss das bezahlen?

Schätzungen zufolge kostet der Castortransport rund 50 Millionen Euro, die vom Bund und den Ländern bezahlt werden. Allein Niedersachsen müsse für den Polizeieinsatz Sonderkosten von etwa 25 Millionen Euro aufwenden - für Unterkünfte, Verpflegung, Sachmittel sowie die anfallenden Überstunden der Polizisten. Die Deutsche Polizeigewerkschaft und der Bund der Steuerzahler fordern daher die Energiekonzerne auf, sich an den Kosten für den zu beteiligen. Es sei nicht hinnehmbar, dass die Atomindustrie jedes Jahr Milliarden-Gewinne einstreiche, die Kosten für die Sicherheit beim Transport von Atommüll aber beim Steuerzahler ablade, sagt Polizeigewerkschafter Rainer Wendt. "Die Entsorgung von Brennstäben ist ein Teil des Betriebs von Atomkraftwerken, für den die Konzerne verantwortlich sind."

Warum wird immer wieder im Wendland protestiert?

Ende der 70er Jahre hatte die damalige niedersächsische Landesregierung beschlossen, in Gorleben eine atomare Wiederaufbereitungsanlage zu gründen. Dagegen formierte sich schnell Widerstand, der 1979 in einer Demonstration mit 100.000 Teilnehmern gipfelte. Auf dem Gelände einer Erkundungsbaustelle in der Nähe des 600-Einwohner-Dorfes Gorleben, haben Atomkraftgegner im Jahr darauf die "Freie Republik Wendland" gegründet - als dauerhafte Form des Protests. Nachdem die Pläne einer Wiederaufbereitungsanlage aufgeben wurden, sollte Gorleben als Atommüll-Zwischenlager dienen. Die Anwohner der Gegend fürchten aber, dass Gorleben de facto zum Endlager wird, wogegen sie seit nunmehr 30 Jahren regelmäßig demonstrieren. Vor allem mit Beginn der Castorlieferung 1995 nimmt der Protest wieder zu.

Was genau ist ein Castor?

Der Castor ist ein Spezialcontainer für Atommüll. Der Name kommt von einer englischen Abkürzung: "Cask for Storage and Transport of Radioactive Materials", also "Behälter für die Lagerung und den Transport radioaktiven Materials". Im beladenen Zustand wiegt der sechs Meter lange Behälter aus Gusseisen und Stahl nach Angaben der GNS rund 130 Tonnen. Gedacht ist der Behälter sowohl für den Transport als auch für die Lagerung von Atommüll. Die in Glas eingeschmolzenen hoch radioaktiven Stoffe aus der Wiederaufbereitung müssen zunächst für Jahrzehnte oberirdisch zwischengelagert werden, bis sie etwas abgekühlt sind. Zuerst herrschen nach Angaben der GNS im Inneren des Behälters Temperaturen bis zu 400 Grad; für die Endlagerung geeignet sind sie - je nach Wirtsgestein - frühestens ab einer Innentemperatur von 200 Grad. Durch Kühlrippen an der Außenhaut wird Wärme nach außen abgeleitet. Im Zwischenlager in Gorleben stehen 91 Behälter, neben den Castoren unter anderem auch vergleichbare französische Behälter.

Was macht deutscher Atommüll in Frankreich?

Seit den 70er Jahren setzten die deutsche Politik und die Energieversorger auf den sogenannten Kernbrennstoffkreislauf und damit auch auf die Wiederaufbereitung verbrauchter Brennelemente. Befürworter der Methode argumentierten, so lasse sich der kostbare Brennstoff zum Teil erneut nutzen und die Abfallmenge verringern. Auch in Deutschland wurde mit dem Gedanken gespielt, eine Wiederaufbereitungsanlage zu bauen. Als Standorte waren Karlsruhe, Gorleben und Wackersdorf im Gespräch, doch wegen massiver Proteste, wurden die Pläne wieder fallengelassen. Auch, weil es im französischen La Hague und im britischen Sellafield solche Anlagen bereits gab. Die deutschen Energieversorger schlossen langjährige Verträge mit beiden Anlagen ab und verschifften ihre Abfälle zur Aufarbeitung dorthin - mit der Maßgabe, die gleiche Menge strahlenden Mülls wieder zurückzunehmen. Kommendes Jahr soll die Rückholung aus La Hague abgeschlossen sein, danach warten noch 21 Castor-Behälter in Sellafield auf ihren Rücktransport.

Wo kommt das Symbol X her?

Auf der Atomkraft-Gegner-Seite Castor.de wird das X als Symbol der Anti-Atom-Bewegung bezeichnet, seitdem der Termin des ersten Castortransports 1995 von Aktivisten als "Tag X" bezeichnet wurde. Der Buchstabe hat sich von da an selbstständig gemacht und taucht mittlerweile in allen möglichen Zusammenhängen rund um Proteste gegen Atomkraft und Atommülltransporte auf.

nik mit Agenturen