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CDU-Wahlkampf in Niedersachsen: Wulffs Traum von der absoluten Mehrheit

Für den niedersächsischen Ministerpräsidenten gibt es eigentlich keine heiße Wahlkampfphase. Siegessicher bereist er die Städte und Gemeinden des Landes. Wo er auch hinkommt, verkörpert er den gutmütigen und omnipotenten Landes-Papa.

Von Inga Niermann, Vechta

Weiß-rot karierte Tischdecken zieren die langen Tischreihen in der Halle des Landtechnischen Lohnunternehmens Schillmöller in der niedersächsischen Gemeinde Bakum. Wo sonst Trecker, Mähdrescher und Kartoffelsortiermaschinen parken, empfangen rund 1000 CDU-Anhänger bei Blaskapellenmusik, Bier und Würstchen ihren Spitzenkandidaten für den Landtagswahlkampf am kommenden Sonntag: Christian Wulff.

Hallen-Einzug in CSU-Manier

Hier im Landkreis Vechta schlägt das Herz der Menschen rechts, ist die Macht der CDU ungebrochen. Bei den Landtagswahlen 2003 holte die Union in der Region mehr als 70 Prozent der Stimmen. Eine ideale Besetzung für Wulff also, um schon einmal den Hallen-Einzug in CSU-Manier zu proben.

Die Menge tobt jedenfalls, als Christian Wulff in Bakum eintrifft: Jeder, der kann, springt vom Stuhl auf, trommelt auf den Tisch, schwenkt CDU-Schildchen, klatscht und jubelt minutenlang. Eine Menschentraube schiebt den CDU-Spitzenmann aus Hannover schließlich Richtung Rednerbühne.

Träumen von der absoluten Mehrheit

Nirgendwo lässt es sich so gut von der absoluten Mehrheit für die CDU träumen wie hier auf dem Lande, irgendwo zwischen Cloppenburg und Vechta. Wulff winkt zufrieden der johlenden Menge zu und lässt es sich nicht nehmen, ganz besonders das bayerische Fernsehen zu begrüßen, das ja gekommen sei, um mal zu sehen, wie die CDU in Niedersachsen ihre Kandidaten feiert. Und er fügt gleich hinzu, dass er sich durchaus vorstellen könnte, bei den Landtagswahlen am kommenden Sonntag - oder sonst auch irgendwann später - ähnliche Traumergebnisse erzielen zu können wie die bayerische Schwesterpartei.

Was kümmern angesichts von so viel Optimismus die Ergebnisse bisheriger Umfragen, die Wulff und der CDU zwar einen klaren Vorsprung vor der SPD versprechen, eine derartige frohlockende Kunde für diese Landtagswahl jedoch nicht bereithalten. Zuletzt war die CDU in Niedersachsen gegenüber 2003 um 4,3 Prozent auf 44 Prozent der Stimmen abgerutscht.

Schwülstiges Wahlkampflied der CDU

Der glorreiche Einzug Wulffs wäre wohl bis zum Schluss unter frenetischem Applaus abgelaufen, wäre da nicht über Lautsprecher das recht schwülstige Wahlkampflied der CDU erklungen ("Komm mit ins Zukunftsland, es liegt in Deiner Hand"). Das hätte Dieter Bohlen sicherlich mehr mitgerissen als die bodenständige Landbevölkerung, die dann auch lieber rasch Wulffs Rede lauschen will.

Hier erinnern sich die Leute noch gerne an die Jahre, in denen Ernst Albrecht als CDU-Ministerpräsident in Hannover regierte, und der die Landwirte auf seiner Seite wusste. Auch Wulff beschwört in seiner Rede die Bedeutung der Landwirtschaft für Niedersachsen, die wichtige Rolle der Bauern als mittelständische Unternehmer und als Vertreter von Ordnung und funktionierender sozialer Strukturen.

Seine Rede würzt er hier und da mit ein paar Seitenhieben gegen den SPD-Herausforderer Wolfgang Jüttner und gegen die SPD, die mit Gerhard Schröder an der Spitze den VW-Konzern ohne Rücksicht auf Arbeitsplätze eine Luxusstrategie aufgedrängt habe.

Wulff auf Schmusekurs

Spätestens hier hätte Wulff die VW-Affäre um Lustreisen und Schmiergelder, an der auch SPD-Abgeordnete beteiligt waren, genüsslich ausschlachten können. Aber er bleibt sachlich. Kraftmeierei oder Verunglimpfung der politischen Gegner, das übliche Wahlkampfgetöse also, lässt er bewusst sein. Ein klares CDU-Profil verkörpern, das für wirtschaftlichen Aufschwung steht, bei Ortsterminen stets sympathisch und bürgernah wirken und sich vom Gegner nicht provozieren lassen - das ist Wulffs Strategie.

Ansonsten verlegt er sich auf die Rolle des kompetenten Sachpolitikers. Vor seinem Auftritt in Bakum referierte er auf einer Wahlkampfveranstaltung im ostfriesischen Aurich vor rund 400 CDU-Fans in der Stadthalle etwa eine Stunde lang über die "tolle Leistungsbilanz seiner Regierungszeit", wie es CDU-Generalsekretär Ulf Thiele aufgeregt ankündigte.

Die CDU habe Niedersachsen vom "Land des Schwächelns zum Land des Lächelns" gemacht, macht Wulff dann doch noch einen Wahlkampfslogan locker. Dann kommen gleich die Fakten: gesunkene Arbeitslosigkeit, positive Wirtschaftsentwicklung, geringere Neuverschuldung, höhere Aufklärungsrate bei Verbrechen, Bürokratieabbau, schnellere Genehmigung von Investitionsvorhaben und der geplante Tiefwasserhafen Jade-Weser-Port verbucht Wulff auf das Konto der Niedersachsen-CDU.

Minuspunkt übertüncht er nur schwer

Die Minuspunkte, die die schwarz-gelbe Regierung in der Bildungspolitik gesammelt hat, kann Wulff dagegen nur schwer übertünchen. Insbesondere in der Schulpolitik geht er deshalb auf Schmusekurs mit seinen Kritikern, nachdem es heftige Proteste wegen der Beschneidung der Gesamtschulen und der Wiedereinführung des dreigliedrigen Schulsystems gegeben hat. "Ich will keinen neue Schuldebatte, sondern sie befrieden", sagte er beschwichtigend.

Warme Worte regnete es auch für die geschundenen Hochschulen, die unter dem rigiden Sparkurs von Wulffs Regierung gelitten haben. Er entschuldigt sich "für die vielen Opfer", die insbesondere dem öffentlichen Dienst zugunsten der Haushaltssanierung zugemutet habe.

In Bakum sind derartige Beschwichtigungen überflüssig. Hier zählen Gesten mehr als Worte. Und davon gibt Wulff genug: Er schüttelt Hände. Er lässt sich für das Familienalbum fotografieren. Er überreicht Urkunden an Ehrenmitglieder der Partei. Er singt mit der Jungen Union die Deutsche Nationalhymne. Er begrüßt die Mitglieder der Blaskapelle. Wulff badet gut in der Menge.

Die Linke im Blick

Wenn ihn in diesen letzten Tagen vor der Wahl überhaupt noch etwas bedrücken sollte, ist es eine möglicherweise niedrige Wahlbeteiligung. Nicht nur der NPD könnte dadurch der Einzug in den niedersächsischen Landtag gelingen, sondern auch der Partei Die Linke. Dadurch könnten die Mehrheitsverhältnisse durcheinander geraten. "Laut zwei aktueller Umfragen liegt Die Linke bei fünf Prozent. Das macht mir schon Sorgen", sagt Wulff zu stern.de.

Deshalb beschließt Wulff seinen Auftritt in Bakum mit einem Appell an seine Anhänger, auch Familienangehörige und Freunde zu ermuntern, am Sonntag das Kreuz bei der Union zu machen. Ganz im Sinne der CDU-Helfer in Bakum, auf deren T-Shirts gedruckt stand: "Politik ist wie Fußball. Egal wie der Trainer heißt - die Mannschaft gewinnt."