VG-Wort Pixel

Lockdown-Beratungen Ärzte lehnen Lockerungen kategorisch ab – Lauterbach: "Haben die drei schlimmsten Monate der Pandemie vor uns"

Karl Lauterbach, SPD-Bundestagsabgeordneter, spricht bei einer Sitzung des Bundestages zu den Abgeordneten
Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitsexperte, sieht die schlimmsten Monate in der Pandemie noch vor uns. Dennoch hält er eine Lockerung für denkbar. 
© Kay Nietfeld / DPA
Wie geht es weiter mit dem Lockdown? Am Dienstag tagt die Politik, doch Ärzte und andere Experten machen bereits Druck: Eine Lockerung der Maßnahmen wäre in ihren Augen fahrlässig. Einzig bei den Schulen könnte es Bewegung geben.

Am Dienstag ist es wieder soweit: Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder treffen sich zu ihrer virtuellen Runde, um über die Corona-Lage zu beraten. Eine Interpretation der Zahlen der vergangenen Tage lässt bei Medizinern und Wirtschaftsexperten nur einen Schluss zu: Der Lockdown sollte über den 10. Januar hinaus verlängert werden. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnt in einem Interview mit der "Rheinischen Post": "Wir werden jetzt die schlimmsten drei Monate der gesamten Pandemie mit hohen Infektions- und Todeszahlen vor uns haben." Erst ab April sei durch eine Kombination aus besserem Wetter und mehr verfügbarem Impfstoff ein Licht am Ende des Tunnels erkennbar. 

So wie er fordern zahlreiche weitere Mediziner und Wirtschaftsexperten eine Verlängerung der Corona-Beschränkungen mit strikten Kontaktbegrenzungen und weitgehenden Schließungen von Geschäften, Freizeiteinrichtungen, Gastronomie und Hotellerie über den 10. Januar hinaus. 

Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Uwe Janssens, hält die angestrebte Zielmarke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche sogar für zu lasch. "Wir Intensivmediziner raten dringend dazu, bis zu einem Inzidenzwert von unter 25 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner und Woche keine Lockerungen in Aussicht zu stellen", sagte er der "Rheinischen Post". "Wir werden erst Ende kommender Woche in den Krankenhäusern sehen, wie stark Weihnachten zur Verbreitung von Covid-19 beigetragen hat. Die Effekte von Silvester dann noch deutlich später." Mit einer Entspannung auf den Intensivstationen rechnet er erst im Sommer.

Die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Susanne Johna, wünscht sich "eine möglichst einheitliche Verlängerung der Kontaktbeschränkungen", wie sie den Zeitungen der Funke-Mediengruppe sagte. "Das Gesundheitssystem braucht dringend eine Entlastung, die nur durch eine Verlängerung der Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung zu erreichen ist."

Auch Wirtschaftsexperten warnen vor Lockerungen. "Für die Wirtschaft muss es oberste Priorität haben, dass die zweite Infektionswelle möglichst schnell begrenzt wird", sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, der "Augsburger Allgemeinen" (Samstag). "Wirtschaftliche Lockerungen jetzt mögen kurzfristig manchen nutzen, langfristig würden sie jedoch allen schaden."

Impfungen haben zunächst kaum Einfluss auf Infektionsgeschehen

Die Ärzte-Gewerkschafterin Johna dämpfte zudem die Hoffnung auf eine rasche Entspannung durch den Start der Impfungen. "Bei allem Optimismus muss uns klar sein, dass durch die Impfung zumindest in den ersten drei Monaten des neuen Jahres kaum Entlastung für das Infektionsgeschehen zu erwarten ist."

Denn der Impfstoff ist knapp. Die Bundesregierung erwartet für das erste Quartal bis zu 12 Millionen Dosen des bisher einzigen zugelassenen Impfstoffs der Hersteller Biontech/Pfizer, mit dem sechs Millionen Menschen geimpft werden könnten. Zudem erwartet sie bereits kommende Woche die Zulassung des Präparats von Moderna. Für einen Sieg über die Pandemie in Deutschland gilt eine Immunisierung von mindestens 50 Millionen Menschen als nötig.  

Auf Vorwürfe, die Bundesregierung habe mehr vom Biontech-Impfstoff bestellen müssen, gab die Gesundheitsexpertin der Grünen-Fraktion, Kordula Schulz-Asche, in der "Welt" (Samstag) zu bedenken, dass auch das Biontech-Vakzin im Sommer erst in der Testphase gewesen sei.

SPD-Politiker Lauterbach hingegen sieht deutliche Defizite bei der bisherigen Impfstrategie. Dass Europa so wenig von dem amerikanischen Impfstoff von Moderna gekauft habe, sei sehr bedauerlich. "Schon sehr früh war klar, dass der Moderna-Impfstoff sehr stark wirkt und in Hausarztpraxen verwendet werden könnte", sagte Lauterbach. Weil so wenig davon bestellt worden sei, werde der Moderna-Impfstoff wohl auch bei einer zeitnahen Zulassung keine Rolle spielen. Außerdem könnte man jetzt schon weiter sein, wenn Deutschland selbst oder die EU von vornherein mehr Dosen des bereits zugelassenen Impfstoffs der Mainzer Firma Biontech bestellt hätte, so Lauterbach. 

Ab wann wieder ein weitgehend normales Leben möglich ist, hängt Lauterbach zufolge von der Zulassung des Impfstoffs der Universität Oxford und des britisch-schwedischen Unternehmens Astrazeneca ab. Für die nächsten Wochen dürfte es aber noch ein eingeschränktes Leben werden.  

Schulöffnung im Fokus

Neben der Impfstrategie steht weiterhin die Frage nach der Öffnung der Schulen im Fokus. Bereits am Montag, einen Tag vor Merkel und den Ministerpräsidenten, beraten die Kultusminister der Länder über die Situation. Sie halten vor allem die Öffnung der Kitas und Grundschulen für vorrangig, weil eine digitale Betreuung nicht möglich ist und jüngere Schüler für Digitalunterricht selbst bei vorhandener Technik noch zu unselbstständig sind. Auch Lauterbach befürwortet unter bestimmten Bedingungen eine Wiederöffnung von Kitas und Grundschulen ab der zweiten Januarhälfte. "Voraussetzung wäre, dass alle anderen Klassenstufen geteilt würden und wechselnd Präsenz- und Digitalunterricht erhalten. Oder der Präsenzunterricht ganz ausgesetzt wird", sagte er. 

Eine generelle Öffnung der Schulen lehnt Lauterbach jedoch ab. Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass Kinder ab zwölf Jahren genauso ansteckend seien wie Erwachsene. Es bestünde dann die Gefahr, dass der angestrebte Wert von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner und Woche trotz des Lockdowns nicht erreicht werde. "Daher wäre das ein großer Fehler", sagte er. Unter diesem Wert gilt die Pandemie als beherrschbar. Derzeit liegt er im bundesweiten Schnitt über 140.

rw DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker