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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Der Fall Wettervogel - stoppt Cybermobbing!

Im Web wurde er nach jedem Auftritt verbal durchgeprügelt. Gewehrt hat er sich nicht. Nun ist Ben Wettervogel tot. Die Lästermäuler sollten darüber nachdenken.

Von Lutz Kinkel

"Wetterstammel" war noch einer der harmlosen Schmähungen: Ben Wettervogel, Wettermoderator des ZDF-Magazins

"Wetterstammel" war noch einer der harmlosen Schmähungen: Ben Wettervogel, Wettermoderator des ZDF-Magazins

Es ist so einfach. Zuhause auf dem Sofa abhängen, die Wohnung ist warm, Glotze läuft. Man muss nur zugucken. Und kann ablästern. Öffentlich. Jeder hat einen second screen zur Hand, Smartphone, Tablet oder PC, sekundenschnell ist die eigene Meinung in den Sozialen Netzwerken gepostet. Dort wartet schon die Community der Mitlästerer, die sich eine lustvolle Schlacht liefert um die härteste Zeile, den gemeinsten Spott, das brutalste Urteil. Andersdenkende, Zurückhaltende, Sanftmütige: Bitte nicht stören!

"An alle Neuen. Lest Euch das Thema der Gruppe durch!!! Hier ist ein Lästern über das ZDF Moma erlaubt und erwünscht", schrieb Lilli Weiss über eine einschlägige Facebook-Morgenmagazin-Hassgruppe. "Sollte es jemand nicht passen, so braucht er uns nicht zu belehren!! Er darf sofort wieder diese Gruppe verlassen und seine eigene, positiv denkende Gruppe eröffnen. In diesem Sinne viel Freude!!!!"

In dieser Gruppe bezog Ben Wettervogel nach jedem vergeigten Auftritt im Morgenmagazin Prügel. Aber nicht nur dort. Es gab auch eine "Ersetzt Ben Wettervogel" Facebook-Gruppe. Shitstorms auf Twitter. Hier ein Nackenschlag. Dort ein Leberhaken. Manchmal auch ein Tritt zwischen die Beine. Was die Kritik für Wettervogel besonders schwierig gemacht haben muss: Sie war zum Teil berechtigt. Ja, er hatte ein Alkoholproblem. Er wurde immer fahriger, bewegte sich eckig, verhaspelte Moderationen. Darüber schrieben einige. Andere schnitzten Giftpfeile daraus. "Wetterstammel" war noch einer der harmlosen Schmähungen.

Wie ein Angriff mit der Drohne

Nun lässt sich argumentieren: Jeder, der in der Öffentlichkeit steht, muss mit digitalen Bösartigkeiten rechnen. Es gibt so viel Trolle und Irre da draußen, die werden sich nie an die Leine legen lassen. Prominente aller Gewichtsklassen sind deshalb gut beraten, sich einen seelischen Schutzpanzer zuzulegen. Und sich über ihre guten Honorare zu freuen, in die eine Schmutzzulage für dreckige Anwürfe schon eingepreist ist. Wettervogel jedoch konnte das nicht. Alkohol und Depression hatten ihn geschwächt, verwundbar gemacht. Die Kollegen merkten, dass ihm die Shitstorms zusetzten, an seiner Selbstsicherheit nagten, seine Existenz noch fragiler machten, als sie ohnehin schon war. Aber er sprach mit niemandem darüber. Als könnte er etwas totschweigen.

Eine Kollegin hier im Berliner stern-Büro verglich das Cybermobbing mit Drohnenangriffen. Der Pilot der Drohne hat einen Monitor vor sich, die Bilder sind schwarzweiß. Er kennt sein Zielobjekt und versucht es so präzise wie möglich zu treffen. Gelingt das, hat der Pilot ein Erfolgserlebnis. Als hätte er in einem Computergame das nächste Level erreicht. Die Konsequenzen im wahren Leben bekommt er nicht mit voller Wucht zu spüren. Er hört nicht die Schreie, riecht nicht das Blut, weiß nichts vom Leid der Angehörigen. Und wenn die Realität doch plötzlich ins Gehirn einbricht, ist es zu spät, übrig bleiben Scham, Betroffenheit, Ratlosigkeit. Nachdem sich Wettervogel das Leben genommen hatte, löste sich die Facebook-Gruppe "Ersetzt Ben Wettervogel" sofort auf.

Es ist so einfach. Wir haben nicht nur eine Verantwortung für das, was wir tun. Sondern auch für das, was wir sagen und schreiben.

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… lesen Sie im aktuellen stern, der ab 18 Uhr als E-Mag und ab Donnerstag am Kiosk erhältlich ist: "Tragisches Ende - Die zwei Leben des Ben Wettervogel."