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Schlag 12 - der Mittagskommentar Deutschland - Land der Kinderfeinde

Ein Ehepaar mit zwei Kindern
Ein Ehepaar mit zwei Kindern
© Frank Leonhardt/dpa
Kindern gehört die Zukunft. Nur in Deutschland nicht. Warum die deutsche Gesellschaft kinderfeindlich ist und staatliche Maßnahmen nicht helfen.
Von Gesa Steeger

Kinder in Deutschland haben es schwer. Sie werden nicht gemocht. Aus öffentlichen Parkanlagen werden sie verbannt, aus Museen rausgeworfen und in manch ein Restaurant gar nicht erst reingelassen.

Wer heute Kinder bekommt, ist ständig alarmiert. Spricht das Kind im Restaurant zu laut, muss man es ermahnen. Schmeißt es Dinge auf den Boden, muss man es ermahnen. Ermahnt man das Kind nicht, wird man von seinen Mitmenschen ermahnt. Zeigt man diesen Menschen den Vogel, gilt man als rücksichtslos. Die Kinder als verwöhnt. Die Ermahner machen vor nichts halt. Nicht mal vor Säuglingen.

Kein Witz und kein Pardon

Das Lenbachhaus in München schmiss vor Kurzem einen Säugling aus den Ausstellungsräumen, weil der sich an der Brust seiner Mutter labte. Essen in den Ausstellungen verboten. Da kann man leider nichts machen. Kein Witz und kein Pardon. Erst, als der Säugling ins Treppenhaus getragen wurde, weit weg von all denen, die sich gestört fühlen könnten, gaben die Ermahner Ruhe.

Ähnlich erging es einem Dreijährigen in Berlin, der von einer alten Dame aus einer öffentlichen Toilette verwiesen wurde. Weil er nicht schnell genug pinkeln konnte. Die Frau hatte sich den Klo-Schlüssel von einem angrenzenden Restaurant ausgeborgt und war nicht gewillt, ihre Zeit mit einem pinkelnden Kleinkind zu verplempern. Ein anderes Kind, diesmal in Rostock, wurde von Hundebesitzern gerügt, als es zu laut sprach. Der empfindlichen Ohren der Hunde wegen. Da sich das Kind nicht zügeln konnte, musste es schließlich gehen.

In einer Studie aus dem Jahr 2013, zur Frage nach der Kinderfreundlichkeit europäischer Länder, belegt Deutschland den letzten Platz. Während neun von zehn Dänen ihre Heimat als kinderfreundlich einstufen, glaubt in Deutschland nur jeder Siebte, dass die deutsche Gesellschaft ein schöner Ort für Kinder sei. Auch das Deutsche Kinderhilfswerk attestiert der Bundesrepublik eine anhaltende Kinderfeindlichkeit. Dabei gibt der deutsche Staat so viel Geld für seinen Nachwuchs aus wie noch nie. Kindergeld, Elterngeld, Betreuungsgeld. Sogar ein Anrecht auf einen Kita-Platz verspricht der Staat dem Nachwuchs. Eigentlich die besten Voraussetzungen, um einen Haufen Kinder in die Welt zu setzen.

Störfaktor Kind

Dass junge Menschen trotzdem zögern, liegt nicht am Staat, sondern an der deutschen Gesellschaft. Wenn das Wohl von Haustieren über dem von Kindern liegt, dann läuft was falsch. Wenn Kinder nur als Störfaktoren wahrgenommen werden, dann läuft was falsch. Wenn die Ermahner die Oberhand haben, läuft was falsch. Daran ändern auch staatliche Maßnahmen nichts. Was Eltern und Kinder brauchen, ist eine Gesellschaft, in der Kinder und Eltern gern gesehene Gäste sind. Die ihrem Nachwuchs Verständnis und vor allem Geduld entgegenbringt.

Kinder sind laut, nerven und sind langsam. Aber sie sind toll. Sie gehören zum Leben dazu. Außerdem bezahlen sie später unsere Renten. Kinder sind, wie es gemeinhin heißt: die Zukunft. Ohne sie geht Deutschland bald ein. Wem das nicht passt, der kann gern aussterben.

Gesa Steeger hat einen Sohn und genug von Menschen, die ihre schlechte Laune an Kindern auslassen. 

Sie können der Autorin bei Twitter folgen: @GesaSteeger


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