Deutschland Stimmen gegen Sterbehilfe


Die Forderung von Hamburgs Innensenator Roger Kusch, aus Nächstenliebe die Sterbehilfe zu legalisieren, hat eine bundesweite Debatte ausgelöst. Der stern befragte Menschen, die sich persönlich mit Schmerzen und Tod haben beschäftigen müssen.

Trude Unruh, Gründerin der Senioren-Schutzbewegung "Graue Panther" und ehemalige Bundestagsabgeordnete: "Ich habe immer gesagt, ich bin gegen eine Sterbeverlängerung. Es ist eine Quälerei, wenn schwerkranke Menschen an Geräten nur noch dahin vegetieren. Als Mitglied der Deutschen Gesellschaft für humanes Sterben setze ich mich dafür ein, dass jeder nach seinen eigenen Vorstellungen sterben können soll und dabei notfalls auch Hilfe beanspruchen darf. Ich habe notariell verfügt, dass ich nur unter ganz bestimmten Umständen für höchstens 14 Tage an Geräte möchte."

Margret Hamm, Geschäftsführerin des Bundes der Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten:

"Es darf keine Sterbehilfe in Deutschland geben, weil sie ein Türöffner für eine neue Euthanasie ist. Alte, Schwache und Kranke geraten in unserer Gesellschaft immer mehr unter Druck. Man vermittelt ihnen das Gefühl, dass sie der Allgemeinheit zur Last fallen und nur noch ein Kostenfaktor sind. Kein Notar kann garantieren, dass ein schwerkranker Patient nicht von solchen Überlegungen geleitet wird, wenn er angeblich freiwillig darum bittet, aus dem Leben scheiden zu dürfen. Die Erfahrungen aus der Sterbebegleitung zeigen: Der Mensch hängt bis zuletzt am Leben. Dass Herr Kusch allen Ernstes sagt, es sei ein später Sieg der Nazis, dass die Sterbehilfe in Deutschland mit einem Denkverbot belegt sei, ist ein Schlag ins Gesicht der Opfer. Und wir sollten eins nicht vergessen: Auch die Nazis sprachen bei der Euthanasie vom "schönen Tod'".

Hans-Peter von Kirchbach, Ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr, Präsident der Johanniter-Unfallhilfe

"Ich bin absolut gegen Sterbehilfe – gleich welcher Art, weil das mit meinem Glauben als Christ in keiner Weise zu vereinbaren ist. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass es zur aktiven Sterbehilfe bessere Alternativen gibt. Wir müssen die Paliativ-Medizin ausbauen und die Hospitzbewegung stärken. Die Johanniter-Unfallhilfe unterhält ein Hospitz in Wiehl am Rhein. Wir leisten keine Hilfe zum Sterben, sondern wir helfen den Menschen beim Sterben. Ich glaube, dass der Mensch kein Verfügungsrecht hat über das Leben. Nicht über sein eigenes. Und nicht über das Leben seiner Mitmenschen. Das sage ich auch als Soldat. Im Krieg muss man zwar damit rechnen, zu töten. Das ist eine Ausnahmesituation und eine andere Güterabwägung. Aber wenn man es vermeiden kann, sollte man es tun. "

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, FDP, Justizministerin a.D. "Wir sollten ernsthaft überlegen, wie weit man – auf ganz schwere Fälle bezogen – eine aktive Sterbehilfe zulässt. Ich bin für eine offene Debatte. Deshalb begrüße ich die Niederlassung von Dignitas in Deutschland. Wer sich mit konkreten Einzelfällen befasst, erkennt, dass unsere momentane rechtliche Situation der Lebens- und Sterbewirklichkeit nicht gerecht wird. Ich habe durch Professor Julius Hackethal schon vor vielen Jahren von einigen solchen Schicksalen erfahren. Die FDP-Bundestagsfraktion hat 2005 eine Anhörung mit Dignitas, der Hospiz-bewegung und anderen durchgeführt. Nach ausführlicher, kontroverser Diskussion bin ich der Überzeugung, dass notwendige Verbesserungen der Palliativmedizin nicht ausreichen. Ich bin für eine Lockerung des Tötungsverbotes auf Verlangen, wenn jemand so schwer krank ist, dass er sagt: 'Das Leben ist für mich unerträglich und bietet keinerlei gesundheitliche Perspektive mehr. Ich bin nicht in der Lage, aus eigener Kraft meinem Leben ein Ende zu setzen.'"

Frank Ulrich Montgomery, Radiologe, Vorsitzender des Marburger Bundes:

"Herr Kusch irrt, wenn er meint, dass es etwas mit Würde zu tun hat, einen Menschen umbringen zu dürfen, wenn er schwerkrank ist und sich dies angeblich wünscht. Die Würde eines Menschen wird gewahrt, wenn wir ihm ein würdiges Sterben ermöglichen – in angenehmer Umgebung, ohne Schmerzen und im Bewusstsein, dass wir den Tod als natürlichen Teil des Lebens betrachten. Ich habe oft erlebt, dass Patienten gesagt haben: Wenn es mit mir zu Ende geht, bitte leistet Sterbehilfe. Aber wenn der Tod naht, wollen sie bis zum Schluss kämpfen. Wenn man diesen Patienten die Gewissheit gibt, dass sie keine Schmerzen erdulden müssen, dass sie nicht abgeschoben werden, sondern einen Platz im Hospiz bekommen, ihre Angehörigen bei ihnen sein dürfen, legen sie keinen Wert mehr auf Sterbehilfe. Die Menschen haben in der Regel keine Angst vorm Tod, sondern vor den Schmerzen und vor dem Alleingelassenwerden."


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