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Deutschland: "Nicht der Tod, das Sterben ist das Tabu"

Die Forderung von Hamburgs Justizsenator Roger Kusch, aus Nächstenliebe die Aktive sterbehilfe zu legalisieren, hat eine bundesweite Debatte ausgelöst. Ärzte, Kirchen und viele Politiker lehnen seine Vorschläge ab - wie Katrin Göring-Eckardt von den Grünen, die den CDU-Mann zum Streitgespräch traf. Dazu befragte der stern Menschen, die sich persönlich mit Schmerzen, Leid und dem Tod haben beschäftigen müssen.

Herr Kusch, bis vor wenigen Tagen waren Sie als CDU-Politiker außerhalb Hamburgs wenig bekannt - inzwischen spricht ganz Deutschland über Sie und Ihre Anregung, die aktive Sterbehilfe zu legalisieren. Echtes Anliegen oder kalkulierter Tabubruch?

Kusch: Sie meinen, ich mache das aus Eitelkeit? Den Politiker möchte ich sehen, der den Vorwurf der Eitelkeit völlig zurückweisen kann. Wenn man in der Politik ist, geht es nicht ohne Öffentlichkeit. Mit kalkuliertem Tabubruch hat mein Vorschlag aber nichts zu tun. Und Ihr Magazin hat ja gerade in einer Umfrage festgestellt, dass ich 74 Prozent der Deutschen hinter mir habe.

Was genau wollen Sie ändern?

Kusch:

Ich will, dass Sterbehilfe generell in Deutschland ermöglicht wird - unter ganz bestimmten, gesetzlich geregelten Voraussetzungen. Dazu müsste der Paragraph 216 Strafgesetzbuch geändert werden, der Tötung auf Verlangen bestraft. Derzeit wird nämlich keine Rücksicht darauf genommen, aus welchen Gründen jemand die Tötung verlangt: Ohne Wenn und Aber gibt es zwischen sechs Monaten und fünf Jahren Freiheitsstrafe. Diese Regelung wird Konfliktfällen am Ende des Lebens nicht gerecht - etwa wenn ein Mensch unheilbar krank ist und um Sterbehilfe bittet. Wieso maßt sich der Staat an, die Erfüllung dieses Wunsches zu bestrafen?

Göring-Eckardt:

Wenn wir aktive Sterbehilfe einführen, verändert das unsere Gesellschaft. Ich halte Ihre Forderungen für falsch. Eine solche Regelung würde den Druck auf todkranke Patienten, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, enorm erhöhen. Man muss sich ja nur einmal anschauen, wie in der Bevölkerung schon heute über die Kosten des Gesundheitswesens diskutiert wird.

Kusch:

Was genau meinen Sie?

Göring-Eckardt:

Viele alte Leute sagen doch jetzt schon: Ich falle meiner Familie und dem Gesundheitssystem nur noch zur Last. Wir sollten es nicht so weit treiben, dass sie sich genötigt fühlen, sozusagen sozial verträglich abzuleben. Und die Gefahr sehe ich, wird Ihr Vorschlag umgesetzt.

Kusch: Ich nehme Ihren Einwand ernst. Aber für die Straflosigkeit der Sterbehilfe müssen drei Voraussetzungen erfüllt sein: Ein Arzt muss bescheinigen, dass es sich um eine tödliche, unheilbare Krankheit handelt. Zweite Bedingung ist ein intensives ärztliches Beratungsgespräch, bei dem es neben den medizinischen auch um psychologische Fragen gehen sollte. Und drittens: die notariell beglaubigte Willenserklärung des Betroffenen bei vollem Bewusstsein. Menschen, die nicht todkrank sind, nur meinen, zur Last fallen, können diese Hürden gar nicht nehmen. Ich sehe unsere Gesellschaft auch nicht als eine, die an ältere Menschen die unanständige Forderung erhebt, endlich Platz zu machen.
Göring-Eckardt: Ich auch nicht, von Ausnahmen abgesehen. Trotzdem, fürchte ich, würde sich das Klima mit Einführung der aktiven Sterbehilfe verschärfen.
Kusch: Auch bei der heutigen Rechtslage kann der Druck ziemlich intensiv sein. Wer garantiert uns heute, dass bei einer Patientenverfügung nicht der geldgierige Erbe den Füller geführt hat? Mein Vorschlag, den Willen notariell niederschreiben zu lassen, wäre die größere Sicherheit dafür, dass der Wille des Patienten eigenverantwortlich zustande gekommen ist.
Göring-Eckardt: Ich glaube nur nicht, dass einer sagen wird: ,Ich bin mir jetzt 100-prozentig sicher, dass ich sterben will." Ich hatte einige Male mit Sterbenden zu tun und niemanden getroffen, der nicht bis zum Schluss an Wunder geglaubt hätte.

In der Schweiz ist aktive Sterbehilfe verboten, der begleitete Suizid erlaubt. Warum gehen Sie über diese Regelung hinaus?

Kusch:

Sie erscheint mir nicht vorbildlich. Die Rechtslage sollte so sein, dass ein Verein wie Dignitas überflüssig ist. Außerdem halte ich es für unehrlich, zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe zu unterscheiden. Hilfe ist immer aktiv.

Sie haben bei Ihrer Forderung auf § 218a Strafgesetzbuch verwiesen. Glauben Sie wirklich, man kann einen Ungeborenen, der nicht zur Welt kommt, vergleichen mit einem lebenden Menschen, der getötet wird?

Kusch: Diese juristische Herleitung erscheint vielleicht etwas kühl und sachlich. Bei der Abtreibung wird das Rechtsgut Leben des Kindes unter bestimmten Bedingungen dem Rechtsgut der Autonomie der Schwangeren untergeordnet. Nichts anderes möchte ich bei der Änderung der Tötung auf Verlangen auch einführen. Autonomie vor Leben.
Göring-Eckardt: Wir sollten nicht so tun, als handele es sich hier um ein rein juristisches Problem. Was, Herr Kusch, machen Sie, wenn ein solches Gesetz zum Dammbruch führt? In den Niederlanden, wo aktive Sterbhilfe für Erwachsene vor drei Jahren eingeführt wurde, wird jetzt schon darüber diskutiert, das Gesetz auf schwerstkranke Kinder und Jugendliche auszudehnen. Diese Debatte ist nur möglich, weil sich die gesellschaftliche Stimmung in den Niederlanden mit Einführung der aktiven Sterbehilfe so sehr verändert hat. Solche Diskussionen will ich hier nicht erleben. Kusch: Das ist auch für mich indiskutabel. Mein Vorschlag bezieht sich ausschließlich auf Erwachsene. Und Sie haben Recht, Sterbehilfe ist keine rein juristische Frage. Die ethisch-religiöse Ebene ist sehr wichtig.

Sie sind gläubiger Christ?

Kusch:

Ja.

Was ist mit "Du sollst nicht töten?"

Kusch:

Es tötet niemand. Es leistet jemand Hilfe bei einem Todkranken, der nicht mehr weiterleben möchte.

Der Arzt, der die Spritze verabreicht, tötet der nicht? Schließlich steht der § 216 im Strafgesetzbuch im Abschnitt Straftaten gegen das Leben, in direkter Nähe zu Mord und Totschlag.

Kusch:

Ich billige jedem, der sich christlichen Werten verpflichtet fühlt, zu, so zu argumentieren. Aber ich verweise dann auch auf den Paragraphen 218a. Und frage meine Kritiker, wie sie den denn sehen.

Göring-Eckardt:

Als Christin bin ich der Auffassung, dass einer über das Leben nicht verfügen darf. Wir haben natürlich die Aufgabe, unser Leben selbst zu gestalten. Aber es gibt Dinge, die ich als Mensch nicht ermessen kann. Es gibt Leute, die fallen plötzlich ins Koma. Ich habe gerade von so einem Fall gehört. Der Mann hatte eine Patientenverfügung gemacht: Maschinen nach drei Wochen Koma abschalten. Seine Frau hat die Maschinen nicht abschalten lassen. Er ist nach sechs Monaten aus dem Koma erwacht. Das war medizinisch nicht zu erklären. Es sind Ausnahmefälle, aber es gibt sie.

Kusch:

Ein wesentlicher Ratgeber für meinen Erkenntnisprozess war das Buch ,Menschenwürdig sterben", das Hans Küng mit Walter Jens geschrieben hat. Küng weist darauf hin, dass auch unter der Annahme, dass das Leben von Gott geschenkt ist, die Details - insbesondere der Anfang und das Ende - in Menschenhand gelegt sind. Man braucht sich nur den Beginn des Lebens zu betrachten: Ein Geschenk Gottes, aber der Zeugungsakt ist Menschenwerk und nicht der Vollzug eines göttlichen Plans. Und genauso, wie es für mich Menschenwerk ist, am Ende eines Lebens eine Maschine an- oder abzustellen, ist es für mich Menschenwerk, wenn ein Sterbenskranker feststellt, dass seine Leidensfähigkeit überschritten ist.

Fast drei Viertel der Deutschen will aktive Sterbehilfe. Muss Politik diesen Wunsch umsetzen?

Göring-Eckardt: Der Staat hat nicht nur passende Gesetze zu liefern. Politik ist auch Gestaltung. Politiker werden gewählt, weil man ihnen zutraut, bestimmte Dinge entscheiden zu können, weil sie einen weiteren Blick haben als Leute, die individuell von einer Frage betroffen sind. Es gibt immer wieder Bereiche, in denen der Staat ganz bestimmte gesellschaftliche Meinungen ganz bewusst nicht nachvollzieht. So war das auch mit der Stammzellenforschung.
Kusch: Wer glaubt, er könne mit Schweigen gesellschaftliche Prozesse verhindern, der irrt.
Göring-Eckardt: Wir brauchen eine öffentliche Debatte. Aber das Tabu in Deutschland ist nicht die aktive Sterbehilfe, sondern das Sterben, das hinter verschlossenen Türen stattfindet und oft auch ohne Familienmitglieder. Wann sind in Deutschland noch Kinder bei Beerdigungen. Wie viel mehr würden wir wohl erreichen, wenn wir die Palliativmedizin und die Hospizbewegung stärken. Darauf kommt es doch an.
Kusch: Mein Vorschlag spiegelt nicht nur die Stimmung der Menschen wider, sondern auch die gesellschaftliche Realität. Wir haben in Hamburg Jahr für Jahr 100 bis 160 Ermittlungsverfahren wegen Tötungsdelikten und etwa zehn Verfahren wegen Abtreibung. Die Zahl der Verfahren wegen Tötung auf Verlangen schwankt zwischen null und eins. Nun kann man aus dieser Zahl verschiedene Schlüsse ziehen. Meine Interpretation ist, dass schon heute die Gesellschaft sich um den § 216 so wenig kümmert, wie sie sich vor zehn Jahren um den alten Abtreibungsparagraphen 218 gekümmert hat. Der Staat verliert an Autorität, wenn er Straftatbestände im Gesetzbuch stehen lässt und sie nicht anwendet.

Frau Göring-Eckardt, würden Sie aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen?

Göring-Eckardt:

Heute sage ich, dass ich mir das nicht vorstellen kann. Aber ich weiß nicht, was ich machen würde, wenn ich schwer krank bin und da der Giftbecher steht. Ich müsste jetzt eigentlich sagen - auf gar keinen Fall! Ich hoffe, dass ich immer bei dieser Haltung bleibe, die ich als Christin habe. Meine Mutter ist gestorben, als ich 17 war. Sie lag eine Woche im Koma. Ich saß jeden Tag an ihrem Bett. Und dann hat man die Apparate abgeschaltet. Ich hatte damals nichts zu entscheiden, war mir aber sicher, dass es falsch ist. Es war meine erste Begegnung mit dem Tod. Das hat mich sehr geprägt.

Kusch:

Ich bin mir, ähnlich wie Sie, nicht so sicher, wann ich im Leben welche Angst wovor haben werde. Im Moment beschäftigt mich der Tod nicht. Meine Erfahrungen damit habe ich als Student gemacht. Ich habe als Pfleger im Krankenhaus gearbeitet und war für zwei Stationen zuständig. Da habe ich einige Menschen beim Sterben begleitet.

Göring-Eckardt:

Haben Sie auch eine Patientenverfügung, Herr Kusch?

Kusch:

Nein. Aber ich werde darüber nachdenken.

Göring-Eckardt:

Machen Sie das.

Kusch:

Aber sicher erst dann, wenn es uns gemeinsam gelungen ist, die Rechtslage so zu klären, dass wir auch wissen, was wir überhaupt verfügen dürfen.

Interview: Anette Lache, Oliver Link
Mitarbeit: Ingrid Eissele, Gerd Elendt, Christian Ewers, Dieter Krause, Christian Parth, Kerstin Schneider, Joachim Rienhardt

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