DFB-Präsident bei den Grünen Vom Rasen ins Grüne


Zum Auftakt ihres Parteitages in Nürnberg kam ein überraschender Gast: Theo Zwanziger, DFB-Präsident und nicht gerade für sein ökologisch-progessives Gedankengut berühmt, stattet den Grünen einen Besuch ab.
Von Sebastian Christ

DFB-Präsident Theo Zwanziger muss sich wie Neil Armstrong gefühlt haben. Sein Raumschiff war Hunderttausende Gedankenweltenkilometer von der Heimat entfernt auf dem Bundesparteitag der Grünen gelandet - einem blühend kreativen, doch bisher fußballfunktionärsfeindlichen Mond im linken Spektrum der deutschen Politgalaxis.

Der Deutsche Fußballbund genießt wegen seines Strukturkonservatismus bei einigen grünen Fundamentalisten ungefähr dasselbe Ansehen wie Exxon oder die US-Waffenlobby. Umgekehrt sieht es ähnlich aus: Die einzigen Grünen von Gnaden des Deutschen Fußballbunds waren die Kicker des SV Werder Bremen. Und zeigten sich die Spieler der Nationalmannschaft mal in Grasfarben, dann spielten sie meistens auswärts. Zwanziger selbst saß für die CDU im rheinland-pfälzischen Landtag. Sein Amtsvorgänger Gerhard Meyer-Vorfelder war persönlicher Referent von Hans Filbinger und später unter Unions-Ministerpräsident Erwin Teufel sogar baden-württembergischer Finanzminister.

Allein deswegen ist es schon bemerkenswert, dass der grüne Bundestagsabgeordnete Winfried Hermann eine kleine Ode an Zwanziger vom Pult textet, bevor er ihn auf die Bühne holt: "Für ihn ist Fußball nicht nur ein Spiel von reichen Männern auf grünem Rasen", sagt er. "Und er engagiert sich seit Jahren gegen Rassismus im Sport." Der DFB-Präsident ist gerührt: "Nach dieser Begrüßung muss ich ja fast sagen: 'Liebe Freunde'. Und eigentlich sollte mir Herr Hermann noch einen Mitgliedsantrag unter die Weste schieben. Ich kann sagen, dass ich gerne hier hinkomme."

Erste schwarz-grüne Koalition auf Sportebene

Vielleicht empfindet Zwanziger schon zu diesem Zeitpunkt jene politische Schwerelosigkeit, die sich wie ein roter Faden durch seine Rede zieht. Für eine Viertelstunde erleben die Besucher im Messezentrum ein historisches Ereignis: Die erste schwarz-grüne Koalition auf Sportebene. Der DFB-Präsident versucht, ein neues Bild von seinem Verband zu vermitteln. Weniger Struktur-, mehr Wertkonservatismus. Und dafür erhält er überraschend viel Applaus.

"Sport muss Werte vermitteln. Wenn man Sport nur wegen des Kommerzes betreibt, dann ist es nicht das, was wir wollen." Oder: "Wir wollen einen Sport, der frei ist von allen unlauteren Mitteln." Noch besser kommt sein etwas kompliziert formuliertes Statement gegen Rassismus an: "Ich habe noch nie einen Ball gelesen: 'Nur für Jungs', oder 'Nur für Mädchen', 'Nur für Christen', oder 'Nur für Moslems'. Der Ball ist für alle da. Und dem Ball ist egal, wer ihn tritt."

Anschließend redet er über die Frauen-WM, die der DFB in vier Jahren ausrichten wird. Und er lobt Grünen-Vorsitzende Claudia Roth, die von Pressevertretern der Grünen als "die einzige Politfrau Deutschlands mit Fußballverstand" beworben wird. Angela Merkel wird da nicht widersprechen, und doch hätte sie sich die Augen gerieben.

Die Gefühle der Frau Roth

Einst hatte Bayern-Manager Uli Hoeness bei Sabine Christiansen postuliert: "Die Grünen braucht kein Mensch". Und jetzt wagt ausgerechnet der wackere Sportsmann Zwanziger einen Seitensprung nach links. Seine warmen Worte für Roth klingen fast ein wenig verträumt: "Sie hat Emotionen, sie ist intelligent, sie versteht was von Fußball." Der Parteitag kichert.

Claudia Roth tritt auf die Bühne, die Miene verklärt, und na ja, sie hat Emotionen. "Die Herzen fliegen dir hier zu", duzt sie den deutschen Oberfußballer. Und dann, staatstragend: "Wir werden dafür sorgen, dass in den Stadien, in den Städten, auf den Straßen dem Rassismus die rote Karte gezeigt wird. Da kannst du dich auf diese Partei verlassen."

Für das Finale des Kurzauftritts hat sie die Parteitagsregie noch eine kleine Überraschung ausgedacht: Zwanziger bekommt vom Vorstand ein grünes Fußballtrikot geschenkt. Wer weiß, was sich der DFB-Präsident in diesem Moment gedacht hat. Denn die Nationalmannschaft hat ihre grünen Ausweichtrikots schon vor vier Jahren in die Altkleidersammlung geworfen. Sie trägt mittlerweile rote Jerseys. Was natürlich kein politisches Statement ist. Oder?


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