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DGB-Kundgebung zum 1. Mai: "Wir lassen uns nicht verramschen"

Am Tag der Arbeit kritisiert DGB-Chef Michael Sommer die Bundesregierung scharf. Er forderte auf der DGB-Hauptkundgebung eine "harte Regulierung des Finanzsektors" und strengere Eigenkapitalregelungen bei der Kreditvergabe.

"Wenn der weiße Flieder wieder blüht", tönt es über den Essener Kennedyplatz. Die Bergmannskapelle Niederrhein spielt passend zum Wetter und zum Publikum auf: Es ist die Generation "60 plus", die das Bild am Samstagvormittag dominiert. Knapp 1.000 Besucher haben sich zu Beginn der bundesweiten DGB-Hauptkundgebung am Tag der Arbeit in der Innenstadt versammelt.

Die größte Aufmerksamkeit bei den aufgestellten Infoständen erregen die Verkäufer verschiedener Billig-Ketten. Kik, Lidl, Netto und Schlecker werfen sie auf Plakaten vor, Hungerlöhne zu zahlen und ihre Profite auf Kosten der Beschäftigten zu machen. Auch die Essener Karstadt-Beschäftigten protestieren: "Wir lassen uns nicht verramschen!"

In das Evergreen-Medley der Bergmannskapelle fällt plötzlich eine Jugend-Blaskapelle ein. Sie führt einen Zug von rund 2.000 weiteren Aktivisten an, mit denen DGB-Chef Michael Sommer in die Essener Innenstadt einzieht. Zumindest im Fahnenmeer des Zugs herrscht lückenlose Geschlossenheit zwischen dem Deutschen Gewerkschaftsbund und der SPD. Die Linke dagegen geht weitgehend unter.

Für den obersten Gewerkschafter setzen die Bergleute vom Niederrhein schnell ihre gefederten Knappenhüte auf und begrüßen ihn mit dem Steigerlied: "Glück auf, der Steiger kommt." Mit dem Tross, der Sommer begleitet, sinkt der Altersschnitt der Kundgebung merklich. Doch die Jungen bleiben in der Unterzahl. Entsprechend ruhig geht es auch bei Sommers Rede zu: Einig ist man sich in der Zustimmung. Es wird solidarisch-freundlich geklatscht, nur selten frenetisch. Zwischenrufe oder Protest gibt es gar nicht.

Große Zustimmung erhält Sommer für seine Kritik an Ex-Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick, ohne allerdings dessen Namen zu nennen: "Sie haben viel zu lange auf Lohn verzichtet", richtet er sich zunächst an die Karstadt-Beschäftigten. Die Gewerkschaften würden aufpassen, damit sie nicht betrogen würden. Man dürfe nicht zulassen, dass sich Manager nach einem halben Jahr schlechter Arbeit mit einer dicken Abfindung "in die VIP-Lounge von Bayern München verabschieden".

Jubel erntet Sommer auch mit der Forderung nach einer größeren Beteiligung der Banken an den Kosten der Finanzkrise. Die von der Bundesregierung vorgeschlagene Bankenabgabe sei "so lächerlich gering, dass sie nicht einmal den Bankrott einer Dorfsparkasse auffangen könnte". Es gehe bei den Kosten der Krise aber "um Hunderte von Milliarden". "Das müssen die zahlen und nicht wir!", fordert Sommer unter dem Applaus seiner rund 3.000 Zuhörer.

Scharf kritisiert er die Bundesregierung, die trotz des inzwischen dritten Krisenjahres noch keine weitergehende Regulierung des Finanzmarkts beschlossen habe. "Die Lehmschicht aus Bankenlobby und willfährigen Politikern zeigt sich resistent. Das ist verantwortungslos", grollt er. Doch die Interessen des Kapitals dürften nicht vor die der arbeitenden Menschen gestellt werden, die den Reichtum des Landes Tag für Tag erarbeiteten: "Arbeit geht vor. Und nicht Spekulantentum", sagt Sommer, und verweist damit auf das diesjährige Motto der traditionellen DGB-Kundgebungen zum Tag der Arbeit, "Wir gehen vor!".

Karsten Mark, APN / APN