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Die Bundespräsidentenwahl und Twitter: Die falschen Wahrsager aus dem Netz

Schon wieder hat der Zwitscherdienst Twitter die öffentliche Wahrnehmung einer Bundespräsidentenwahl durcheinander gewirbelt. Besonders schön haben sich diesmal die ARD-Kenner blamiert.

Von Florian Güßgen

Ja, richtig. Die etablierten Medien sind alle immer mehr Getriebene. Getrieben von der atemberaubenden Schnelligkeit des Nachrichtenflusses im Netz, getrieben von der atemberaubenden Geschwindigkeit, mit der über soziale Medien aber vor allem über die, nun ja, wie nennt man das Ding, über die Kurznachrichtenplattform Twitter vermeintliche Neuigkeiten verbreitet werden. Besonders bei Wahlen zwitschert es aus allen Ecken und Enden des Universums, werden Kommentare, Zahlen, Ergebnisse, Neuigkeiten in die Welt hinausgewispert. Was stimmt? Was stimmt nicht? Wie kann man den Autor überprüfen? Ist der überhaupt echt? Alle, die mit ihren Nachrichten schnell dabei sein wollen, können die Zwitscher-Maschinerie nicht aus den Augen lassen.

"Twitter-Verbot" war zwecklos

Denn manchmal gibt's bei Twitter veritable Scoops, exklusive Informationen. So geschehen bei der Wahl des mittlerweile geflüchteten Horst Köhler zum Staatsoberhaupt. Damals, im 2009, schickten zwei Abgeordnete die Ergebnisse vorab über Twitter. Bei den Offiziellen war der Ärger darüber mächtig, alle Wahlprüfer haben versprochen, bei dieser Wahl vorsichtiger zu sein. Ein "Twitter-Verbot" wurde ausgesprochen, auch wenn niemand genau erklären konnte, wie das jemals durchgesetzt werden sollte. Alle Vorsicht fahren lassen haben dagegen manche Medien, trotz aller Skepsis, die mittlerweile gegen über den "Tweets" angebracht wäre. So berichtete der rasende Reporter Ulrich Deppendorf, ansonsten gesitteter und honoriger ARD-Büroleiter im politischen Berlin, weniger Minuten vor Bekanntgabe des Ergebnisses des ersten Wahlgangs atemlos davon, dass über das "Twitternetz" gemeldet werde, dass Wulff es geschafft habe. Klar, Vorsicht sei angebracht. Aber in Windeseile schienen alle Kommentatoren die Nachricht für bare Münze zu nehmen. Irgendwas ist ja immer dran an so einem Gerücht, oder?

Twitter-Account erst ein Tag alt

Was war passiert? Ein Twitterer oder eine Twitterin mit dem Namen "martinagedeck" hatte folgende Nachricht abgesetzt: "ok busemann (CDU) hat ne sms bekommen leute :-) also kein zweiter wahlgang". Dazu die Hashtags (Doppelkreuze) "Bundesversammlung" und " bpw" für Bundespräsidentenwahl. Auf den ersten Blick schien das durchaus möglich zu sein. Die Schauspielerin Martina Gedeck ist von den Grünen als Wahlfrau in die Bundesversammlung entsandt – und so einer Künstlerin traute man anscheinend durchaus zu, "illegal" aus der honorigen Veranstaltung zu twittern. Doch schon ein zweiter Blick auf "martinagedeck" hätte ausgereicht, um Zweifel aufkommen zu lassen. Der Twitter-Account war erst gestern angelegt worden und bis zur Bundespräsidentenwahl mit meist belanglosem und teilweise kruden Postings befüllt worden, Rechtschreibfehler inklusive: "Veronica Ferres hat echt schön symmetrisch Brüste. Muß man einfach neidlos anerkennen." Aber anstatt spätestens hier innezuhalten, wurde der SMS-Tweet von "martinagedeck" einfach weiterkolportiert. Und aus dem "Gerücht" wurde wie beim "Stille-Post-Spiel" die superexklusive News.

Andere Tweets vermeldeten, dass Wulff sechs mehr Stimmen erhalten hatte, als für die absolute Mehrheit notwendig sind. Die Kollegen von "faz.net", der seriösen und an sich sehr sorgfältigen Website der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hoben eine Meldung mit dem Titel "Twitter: Wulff im 1. Wahlgang gewählt" auf die Seite - und zogen sie kurze Zeit später wieder zurück. Höhepunkt des absurden Schauspiels war der Reporter der ARD, der noch kurz vor dem zweiten Wahlgang behauptete, die Tweets der Martina Gedeck seien wohl eine Fehlinformation gewesen. Wohl gemerkt, nur die Meldungen, nicht der ganze Spuk und Fake drum herum.

Häme ist bei diesen Fehlern nicht angebracht - kein Journalist kann sagen, ob er nicht schon morgen einem fantastischen Fake aufsitzt und er sich so zur Lachnummer macht. Eher eine vernünftige Fehleranalyse. Das Netz und seine Phänomene scheint Journalisten alter Schule wie Deppendorf trotz allem bisweilen immer noch so fremd, dass sie nicht in der Lage sind, ihre ansonsten voll funktionsfähigen kritischen Reflexe anzuwenden. Twitter ist kein Orakel, das Wahrheiten verkündet, sondern veröffentlicht Informationen von Autoren, deren Aussagen geprüft werden müssen. Zumindest fundierte Skepsis wäre angebracht gegenüber der Authentizität dieser Botschaften - gerade weil Fälschungen und Tricksereien, die darauf angelegt sind, die Medien zu foppen, nicht neu sind. Im vergangenen Jahr fiel die Nachrichtenagentur DPA auf einen grandios inszenierten angeblichen Terroranschlag in der amerikanischen Stadt Bluewater herein, der von langer Hand von Berlin aus geplant war. Die DPA hat daraufhin ihre Regeln zur Überprüfung von Nachrichten erheblich verschärft. Bei der gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen ARD hat man offenbar bislang noch nicht erkannt, dass das Netz zwar vielstimmiger ist, aber hier im Prinzip keine anderen Regeln gelten als in der analogen Welt.