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Die Folgen der Entvölkerung (Teil 7 und Ende): Die Rentner-Sause in Görlitz

Görlitz ist wunderschön, aber viele herrliche Altbauwohnungen stehen leer. Bis vor einigen Jahren litt die Stadt an der Neiße unter einem dramatischen Bevölkerungsschwund. Jetzt ziehen Hunderte West-Rentner nach Görlitz. Ein unerwarteter Glücksfall für die Stadt.

Von Sebastian Christ

Görlitz ist die östlichste Stadt Deutschlands. Sie hat fast 57.000 Einwohnern, mehr als 40 Kirchen und eine wunderbare Altstadt, die jährlich zehntausende Touristen aus ganz Europa anzieht. Es gibt hier außerdem laut Gelbe Seiten 25 Allgemeinmediziner, vier Augenärzte, zwei Urologen, mehr als ein halbes Dutzend Alten- und Pflegeheime, sechs ambulante Pflegedienste, mehrere Seniorentreffs und darüber hinaus noch vier Brücken nach Polen, wo das Einkaufen noch ein wenig billiger ist. Görlitz wird immer beliebter. Bei Senioren aus dem Westen: Hunderte von ihnen ziehen jedes Jahr in die schlesische Oberlausitz.

Die Stadtverwaltung von Görlitz sucht nach Antworten auf das Phänomen: Hinter einer wuchtigen Natursteinfassade, hinter dem Rathaus, in einer Jahrhunderte alten Jägerkaserne. Margitta David kennt sich bestens mit den neuen, alten Görlitzern aus. Sie legt Wert darauf, dass sich die Stadt bisher nie aktiv um die Westrentner bemüht hat. "Wir haben nicht vor, um Senioren zu werben", sagt die Sachbearbeiterin. Das ist einerseits richtig: Eine Image-Kampagne wie etwa Leipzig hat die Görlitzer Stadtverwaltung nie in Auftrag gegeben. Andererseits: Wenn sich Senioren für die Stadt interessieren, werden sie mit offenen Armen empfangen. Eine von Davids Aufgaben ist es, Infopakete zu verschicken. Etwa 500 davon legt sie jedes Jahr in den Postausgang. Broschüren mit schönen Bildern sind darin enthalten und auch eine aktuelle Zeitungsseite mit Anzeigen vom Immobilienmarkt. "Meistens gehen die Pakete an ältere Menschen, die schon einmal in Görlitz waren", sagt sie. Und wenn sie Post von Frau David bekommen, zieht es sie in vielen Fällen auch wieder zurück.

Gute Versorgung

Die westdeutschen Senioren machen mittlerweile zehn Prozent aller Zuwanderer nach Görlitz aus. Doch im Gegensatz zu anderen Neubürgern wie Studenten und Angestellten, die ihren Wohnsitz berufsbedingt in die Stadt verlagern, bleiben Rentner dauerhaft und sorgen so für eine bemerkenswert nachhaltige Wirkung auf die Bevölkerungsentwicklung. Die gestiegene Lebenserwartung und die gute Versorgung mit medizinischen Einrichtungen tun ihr Übriges. Noch 2003 hatte die Bertelsmann-Stiftung in ihrer Studie "Wegweiser demografischer Wandel" einen Schwund von damals 58.518 Einwohnern auf 46.827 Einwohner im Jahr 2020 prognostiziert. Schon 2010 sollten demnach nur noch 52.278 Menschen in Görlitz leben. Tatsächlich verzeichnete die Stadt jedoch, nicht zuletzt Dank der ost-affinen Senioren, in den vergangen zwei Jahren mehr Zu- als Wegzüge. Ende 2007 lebten sogar 600 Menschen mehr in Görlitz als noch im Jahr 2006.

Seit 2003 führt die Stadt Statistiken über die zugezogenen Rentner. Demnach meldeten bis 2006 etwa 1000 Menschen über 60 Jahren ihren Wohnsitz in Görlitz an, die meisten davon kamen aus dem Westen. Noch nicht erfasst ist das Jahr 2007, in dem das Phänomen von vielen Medien aufgegriffen wurde und somit breiteren Bevölkerungsschichten bekannt wurde. Ein Ende der Zuzugswelle ist damit noch nicht absehbar.

Altstadt steht teilweise leer

Der Wohnungsmarkt in Görlitz hat noch einiges Potenzial. Seit den 90er Jahren wurde die historische Altstadt für etwa eine halbe Milliarde Euro saniert. Sie ist das größte Flächendenkmal in der Bundesrepublik. Und doch leidet sie unter Bewohnermangel: Von den bereits renovierten Wohnungen stehen 20 Prozent leer. Nimmt man die unsanierten Häuser hinzu, dann ist fast jede dritte Wohnung in der Altstadt ohne Mieter. Dabei liegen die Vorzüge auf der Hand - es gibt hier viele alte Bürgerhäuser mit hohen Decken für maximal sechs Euro Kaltmiete pro Quadratmeter, dazu eine gute Infrastruktur. "Görlitz ist die Stadt der kurzen Wege", sagt David. "Wir hatten schon immer eine sehr gute Ausstattung für die ältere Zielgruppe."

Es ist vor allem das historische Flair, was viele West-Senioren fasziniere. Hinzu komme, dass Görlitz sehr übersichtlich sei, so David. "Es sind viele Menschen dabei, die im Berufsleben sehr aktiv waren, und die es jetzt ein wenig ruhiger haben wollen." Viele seien immer noch sehr engagiert, sogar im Stadtrat sitzen jetzt schon die ersten von ihnen.

Die alteingesessenen Görlitzer dagegen machen es sich lieber in den Plattenbauwohnungen am Stadtrand gemütlich. Die Mietpreise sind dort zwar nicht immer günstiger, doch für viele ist es eine Gefühlsfrage. Wer den erbärmlichen Zustand der Altstadt zu DDR-Zeiten erlebt hat, war froh, in die relativ komfortablen Neubauten zu ziehen. Sie zurückzulocken ist da schwierig, trotz aller Investitionen in die Infrastruktur.

So füllen die Senioren eine Lücke. "Die suchen nach dem Berufsleben noch eine Herausforderung", sagt Margitta David. Und finden sie dort, wo vor allem junge Menschen der Region den Rücken kehren. Auch wenn es kurios klingt: Vielleicht ist Görlitz gerade deswegen ein Zukunftsmodell.

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