Elbphilharmonie Ein prächtiges Traumschiff auf riskantem Kurs


Eine fixe Idee wird Realität: Der Bau der Hamburger Elbphilharmonie hat begonnen. Kann das Konzertprogramm das Versprechen der Architektur einlösen?
Von Anja Lösel

Ein Konzerthaus auf einen alten Kakaospeicher mitten im Hamburger Hafen zu setzen: grandiose Idee. Verrückte Idee. Teure Idee. Nun wird sie Wirklichkeit: Am 2. April begann der Bau der neuen Elbphilharmonie. Und wenn alles klappt, wird das gläserne Glitzerding auf dem Backsteinsockel 2010 wie ein Diamant über der Elbe strahlen, um Musikfreunde und Architekturfreaks aus aller Welt anzulocken.

Bis dahin gibt es allerdings noch einige Hindernisse zu überwinden. Denn das 241 Millionen Euro teure Mammutprojekt ist knapp kalkuliert und kompliziert zu bauen. Und was dort einmal zu hören sein wird, weiß noch kein Mensch. Jahrhundertbau oder Millionengrab? Glanzvoller Musikpalast oder defizitäres Haus für elitäre Klassikliebhaber? Eines steht fest: Architektonisch wird die Elbphilharmonie etwas nie Dagewesenes, Exzentrisches. Ein Wunderwerk, entworfen von den Baseler Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron. Ein Ausnahmebau wie die Oper in Sydney oder das Guggenheim Museum in Bilbao. Bürgermeister Ole von Beust (CDU) sieht die Elbphilharmonie schon als neues Wahrzeichen der Stadt. Und insgeheim wohl auch als Chance, sich selbst ein Denkmal zu setzen.

Neu und kompliziert ist eigentlich alles an dem Bau - von der Finanzierung bis zur Akustik. Noch nie haben Herzog & de Meuron ein Konzerthaus entworfen. Noch nie wurde eine Philharmonie in 37 Meter Höhe auf einem Speicher errichtet. Noch nie gab es eine so anspruchsvolle Fassade aus mehreren Schichten Glas, bedruckt und mit Blasen, die sich wölben wie beim Schweizer Käse.

Die Kosten stiegen auf 241 Millionen Euro

Das größte Risiko aber liegt nicht in der Architektur, sondern bei den Hamburgern: Niemand weiß, ob genügend Leute kommen werden, um den großen Konzertsaal mit 2150 Plätzen und die beiden kleinen Säle mit zusammen 700 Plätzen zu füllen. Trotzdem beschlossen Senat und Bürgerschaft 2005: Wir bauen die Elbphilharmonie. Im Februar 2007 genehmigten sie auch die Finanzierung. Einstimmig. Obwohl die Kosten inzwischen von geschätzten 90 Millionen Euro auf 241 Millionen gestiegen waren. Und obwohl eine Wählerumfrage ergeben hatte, dass 68 Prozent der Hamburger lieber mehr Kindergartenplätze hätten.

Michael Naumann, frisch gekürter Bürgermeisterkandidat der SPD, mahnt, die Stadt könne sich "einen Rolls-Royce" wie die Elbphilharmonie nicht leisten. Zur Abschreckung beschwört er ein Bau-Desaster wie am Potsdamer Platz in Berlin: "Da fallen bereits die ersten Glasscheiben runter." Aber auch Naumann weiß: Es gibt kein Zurück. Würde die Elbphilharmonie nicht gebaut, "läge der Schaden für Hamburg bei 27 Millionen", sagt Projektkoordinator Hartmut Wegener. "Vom Imageverlust nicht zu reden." Vier Jahre Planung wären dann vergebens gewesen.

Elbphilharmonie soll unter den Kosten bleiben

Wegener ist der oberste Bauherr des Mammutprojektes, eingesetzt von der Stadt. Er gilt als harter Hund. "Sie sind hier in der Höhle des Löwen", sagt er zur Begrüßung. An der Wand seines Büros lehnt der Spaten, mit dem Wegener den ersten Stich für die Erweiterung der Hamburger Airbus-Werft gemacht hat. "20 Millionen unter den Kosten" ist er geblieben. Und mit der Elbphilharmonie soll's genauso gut laufen: "Ich bin bekannt dafür, dass ich knallhart verhandle."

Mit hundert Experten hat er den 2000 Seiten dicken Vertrag ausgearbeitet, in dem einfach alles festgelegt ist: von der Finanzierung in Public Private Partnership bis hin zur Reinigung der Rolltreppen. Damit die Stadt sich die Elbphilharmonie leisten kann, lässt sie eine "Mantelbebauung" zu, die Geld in die Kassen spült. Nicht ganz ideal, denn die Konzertbesucher werden sich das Haus teilen müssen mit einem Fünf-Sterne-Hotel (247 Zimmer), zwei Restaurants, einem Café, einer Bar. Und 45 Apartments mit Panoramablick, die Wegener "Millionärswohnungen" nennt und die zu Quadratmeterpreisen um die 7000 Euro weggehen sollen: "Hamburgs große Familien haben sich schon vormerken lassen, die wollen da alle rein."

Und wenn das Geld trotzdem nicht reicht? Unwahrscheinlich, sagt Wegener, weil seit Vertragsunterzeichnung alle Risiken die Investoren Hochtief und Commerz Leasing tragen. Gar nicht so unwahrscheinlich, fürchtet Kultursenatorin Karin von Welck: "Ausschließen kann man nie, dass die Stadt noch Geld geben muss." Aber die Senatorin will die Elbphilharmonie und ist fest davon überzeugt, dass "alle mitgezogen werden", wenn sie erst mal steht. "Ohne Projekte wie dieses können wir die Stadt nicht zukunftsfähig machen."

Zum Glück gibt es ja auch noch die Stiftung Elbphilharmonie. Das Ziel, einen Teil der städtischen Kosten bei privaten Spendern einzuwerben, hat sie längst erreicht. Geschäftsführerin Wibke Kähler-Siemssen strahlt, wenn sie von der allerersten Spende 2005 erzählt: "30 Millionen vom Ehepaar Hannelore und Helmut Greve." Je 10 Millionen von Otto und von der Reemtsma-Stiftung sowie drei Millionen von der Körber Stiftung folgten. Insgesamt sind bisher fast 64 Millionen Euro von mehr als 5000 Spendern eingegangen. Ein Bürgerprojekt in bester hanseatischer Tradition. Jetzt sammelt Kähler-Siemssen für den laufenden Konzertbetrieb. Zwölf Millionen Euro darf der im Jahr kosten. Zu einem großen Teil soll das Geld aus Kartenverkäufen und Vermietungen erwirschaftet werden, 3,8 Millionen will die Stiftung aufbringen - als Unterstützung für den Intendanten.

Harry Potter auf Hamburg-Urlaub

Der heißt Christoph Lieben-Seutter, ist 42, Vater von drei Töchtern und zurzeit noch Chef des Wiener Konzerthauses. Wie er so in der gediegenen Halle des Hotels Vierjahreszeiten sitzt, schlaksig, mit Hornbrille und kariertem Jackett, sieht er aus wie Harry Potter auf Hamburg-Urlaub. Aber dann legt er in geöltem Managerdeutsch los. Spricht von der "Top-Qualitätsmarke" Elbphilharmonie und dass sie werden muss "wie Apple: jedes Produkt super durchdacht, gutes Image und Lebensgefühl".

In Wien hat Lieben-Seutter sein Haus innerhalb kurzer Zeit zu einer hervorragend besuchten Institution gemacht. Mehr als 40 Abo-Reihen bietet er an - von Klassik über Pop bis zu Weltmusik -, und das ist wohl einzigartig in Europa. Hinzu kommen Gastspiele und Vermietungen. Ohne die wird er auch in Hamburg nicht auskommen. Nur ein Viertel des Gesamtprogramms von Elbphilharmonie und Laeiszhalle darf er laut Kulturbehörde selbst gestalten. 80 Prozent davon soll Klassik sein, aber neben Beethoven, Bruckner und Brahms hat er auch "mit Hafenliedern oder Vicky Leandros kein Problem".

"Die Elbphilharmonie ist Schwachsinn"

Nach einem ausgereiften Konzept, das dem Jahrhundertbau auch inhaltlich Gewicht geben wird, klingt das alles vorläufig noch nicht. Superstars wie AnneSophie Mutter oder Anna Netrebko, die garantiert das Haus füllen, kosten mindestens 50.000 Euro pro Abend. Da bleibt für den Rest des Programms wenig Geld übrig. Musikkritiker Reinhard Brembeck von der "Süddeutschen Zeitung" drückt es drastisch aus: "3,8 Millionen Zuschuss sind eine lächerlich kleine Summe. Lieben-Seutter wird viel Dreck veranstalten müssen, um sein Haus vollzukriegen." Sein Fazit: "Die Elbphilharmonie ist Schwachsinn."

Wolfhagen Sobirey, Präsident des Hamburger Landesmusikrates, würde so etwas nie sagen. Aber auch er findet: "Die Betriebskosten sind ein Problem. Da drückt sich die Stadt gern. Sie muss aber Geld freimachen, damit auch Kinder und Schulklassen das Haus nutzen können. Nur dann wird die Elbphilharmonie leben - und sich ganz nebenbei ein junges Konzertpublikum heranziehen." Hans-Werner Funke und sein Sohn Pascal, Konzertveranstalter in Hamburg, glauben nicht an den großen Musikrausch. Seit fast 50 Jahren ist Vater Funke im Geschäft, er kennt die Hamburger als eher konservatives Publikum. Am Anfang, klar, da werden alle die Elbphilharmonie stürmen. Aber der Hype um das Gebäude "hält höchstens zwei Jahre". Die Funkes fühlen sich bedroht. Und Lieben-Seutter gibt zu: "Ein bisschen was nehme ich denen schon weg."

Einen der zehn besten Konzertsäle hat Hamburg in Auftrag gegeben. Architekt Jacques Herzog glaubt sogar, "dass es der beste der Welt wird". Ist so etwas überhaupt planbar? Akustisch jedenfalls schon. Der Japaner Yasuhisa Toyota hat schon 50 Konzertsäle eingerichtet, er gilt als der weltbeste Akustikplaner. Gerade lässt er ein begehbares Modell des großen Saales im Maßstab 1:10 bauen. Darin wird demnächst der Sound getestet. Wie eine gigantische Höhle sieht der Konzertsaal aus: mit zeltartiger Decke, geschwungenen Emporen und einem steilen Zuschauerkessel. Das Orchester spielt in der Mitte, vom Publikum umringt. Nicht einfach für den Akustiker.

Robert Hille, Geiger und Geschäftsführer des privaten Kammerorchesters "Hamburger Camerata", ist zuversichtlich. "In der Berliner Philharmonie ist das Orchester auch vom Publikum umgeben - eine wunderbare Sache! Ich hatte nie das Gefühl, dass die Töne nach allen Seiten flüchten. Man hört die Kollegen sehr gut und auch sich selbst." Und was, wenn es in der edlen, teuren Elbphilharmonie ein akustisches Desaster gibt wie 1985 im Münchner Gasteig? Dort hatte Leonard Bernstein nach seinem ersten Konzert gewütet: "Burn it!" - fackelt es ab. "Blödsinn", sagt Jacques Herzog. "So etwas kann heute nicht mehr passieren. Die Technik ist viel ausgereifter."

Im Sommer 2010 werden wir wissen, ob die Elbphilharmonie wirklich den besten Konzertsaal der Welt birgt. Dann werden Menschen in Abendkleidern und Smokings auf der 85 Meter langen Rolltreppe durch den Kaispeicher hinauf auf die "Plaza" fahren, 37 Meter über der Elbe den Ausblick auf Stadt und Hafen genießen und einen Cocktail trinken, bevor sie im großen Saal dem Gesang von Anna Netrebko oder Cecilia Bartoli lauschen. Die Frage, ob Hamburg eine Elbphilharmonie braucht, wird sich dann hoffentlich erledigt haben. So oder so. Christoph von Dohnanyi, dessen NDR-Symphonieorchester zum Hausorchester des neuen Gebäudes ernannt wurde, findet die Frage jetzt schon albern: "Brauchten wir etwa Beethovens Neunte? Oder Coca-Cola?" Na also.

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