ESCHEDE Der Lokführer des Todes-Zuges sagt aus


»Ich habe nur einen Ruck gespürt«, berichtete der 61- Jährige. Über Funk wurde er informiert. »Du bist hier allein vorbeigefahren. Du bist entgleist.«

Im Strafprozess um die ICE-Katastrophe von Eschede hat am Mittwoch erstmals ein Überlebender des Zugunglücks mit 101 Todesopfern ausgesagt. Der letzte Lokführer des ICE 884 »Wilhelm Conrad Röntgen« berichtete vor dem Landgericht Lüneburg in Celle, er habe im Führerstand vom Geschehen im hinteren Teil seines Zuges fast nichts mitbekommen. »Ich habe nur einen Ruck gespürt«, sagte der 61- Jährige sichtlich bedrückt bei seiner Schilderung der dramatischen Augenblicke im Triebkopf des ICE. »Plötzlich fiel der Strom ab, dann bekam ich eine Zwangsbremse.« Er habe versucht, den Zug wieder mit Strom zu versorgen. Über Funk habe ihn der Fahrdienstleiter vom Bahnhof Eschede dann über die Katastrophe informiert. »Du bist hier allein vorbeigefahren. Du bist entgleist.« Der Triebkopf hatte sich vom Zug gelöst und war noch rund zwei Kilometer weiter gerollt.

Nachdem er den Zug in Kassel übernommen hatte, sei die Fahrt am 3. Juni 1998 zunächst normal verlaufen. Den letzten Bahnhof in Hannover habe der ICE pünktlich verlassen. Nach einer Baustelle nahe Celle habe er den Zug von 90 Kilometern pro Stunde wieder auf Tempo 200 beschleunigen wollen. Bei dem Unglück in Eschede sei der Zug nach seiner Erinnerung etwa 180 gefahren, gab der Lokführer in seiner nur wenige Minuten dauernden Aussage an.

Nach Worten eines leitenden Bundesgrenzschutz-Ermittlers sei der Radreifen als Unfallursache schon wenige Stunden nach dem Unglück klar gewesen. Beim Anheben des ersten Waggons des Unglückszuges mit einem Kran sei den Beamten der im Drehgestell verkeilte Radreifen aufgefallen, sagte der Leiter des Ermittlungsdienstes des Bundesgrenzschutzes (BGS). Mit einer Brechstange sei das aufgedrehte Metallteil herausgehebelt worden. Zunächst hatten die Ermittler angenommen, das ein Autounfall auf der eingestürzten Brücke als Unglücksursache in Frage kommen würde.

Insgesamt seien in den ersten Tagen nach dem Unglück fünf Ermittlungsteams aus BGS-Beamten, Polizei und Fachleuten des Eisenbahnbundesamtes am Unglücksort unterwegs gewesen. Mehr als 2500 Fotos aus der Luft, als Übersicht vom Boden und von Details wurden gemacht. Die Videobänder von dem Unfall sind mehr als 15 Stunden lang. Am 6. Juni seien die ersten Gutachter in Eschede eingetroffen. »Es war schnell klar, dass wir Gutachter brauchen, weil das Dimensionen hatte, die wir (mit den Ermittlungsteams) nicht mehr leisten konnten«, sagte der Beamte.

In dem Verfahren sind drei Ingenieure wegen fahrlässiger Tötung in 101 Fällen und fahrlässiger Körperverletzung in 105 Fällen angeklagt. Sie sollen die Belastbarkeit des Radsystems bei der Einführung 1992 nicht ausreichend geprüft haben.


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