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EU verbietet Pestizide: Erst stirbt die Biene, dann der Wähler

Die EU hat drei Pestizide verboten: Das ist nicht nur wichtig für das Überleben der Bienen, sondern auch für das der Menschheit.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Mag sein, dass die deutschen Bienenvölker gesungen haben: Summ, summ, summ – die EU ist doch nicht dumm. Gut so! In Brüssel hat man jetzt auf Albert Einstein gehört, der nicht nur unendlich viel von Quantenphysik verstand, sondern schon vor sechzig Jahren offensichtlich auch mehr von Bienen als der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) heutzutage. Seine Bienen-Lehre im Jahr 1949 war: "Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben."

Mit Einsteins Augen gesehen war der jetzt getroffene Beschluss der Europäischen Union, drei Pestizide für den Anbau von Mais, Sonnenblumen, Raps und Baumwolle zu verbieten, nicht nur eine Überlebensgarantie für das Bienenvolk. Aber auch unser gesamtes Ökosystem wird davon profitieren. Nicht nur die Bienen benötigen den Nektar der Pflanzenblüten zum Überleben, sondern auch wir brauchen die Bienen zum Überleben. Ein Drittel der Nahrung der Welt hängt von der Bestäubung ab.

Lobbyisten am Werk

Seit Jahren ist es in der Bundesrepublik immer wieder zu dramatischen Bienensterben gekommen, der Schuldfrage ist immer nur sehr zurückhaltend nachgegangen worden. Völlig geklärt sind die Ursachen bis heute nicht. Mitverantwortlich an der Misere sind aber ohne Zweifel die einflussreichen Lobbyisten der Chemieindustrie, jene vom Bayer-Konzern vorneweg, deren Pestizide mit den Wirkstoffen der sogenannten Neonicotinoide die Natur in eine bienenfeindliche Agrowüste zu drehen scheint. Nach dem ersten großen Bienensterben am Oberrhein im Jahr 2008 wurde zwar das Bayer-Pestizid Clothianidin verboten, dann aber alsbald wieder zugelassen. Vertreter der Industrie saßen in den mit der Untersuchung beauftragten Gremien. Auch als Sponsoren bei der Parteienfinanzierung waren sie immer sehr geschätzt. Das wog mehr als der Kampfruf der Ökologen - weg mit der Chemie in der Landwirtschaft.

Der Bestäubungswert der Biene

Obwohl in Brüssel sich nur 15 Staaten für das Verbot ausgesprochen haben und immerhin noch acht dagegen stimmten, wird es den Agrochemiekonzernen nicht noch einmal gelingen, durch die Hintertür irgendwie wieder in das lukrative Geschäft zu kommen. Denn das ist die Lieferung von Pestiziden zweifellos. Experten schätzen den weltweiten Umsatz auf mindestens 1,5 Milliarden Euro.

Es ist gut, dass auch Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner für das Verbot stimmte. Sie selbst und die Bundesrepublik hatten sich bei früheren Abstimmungen in der EU immer sehr zögerlich gezeigt und sich meist enthalten. Zwar gilt die jüngste Entscheidung für ein EU-Verbot gilt zunächst nur für zwei Jahre. Aber der neue EU-Gesundheitsminister Tonio Borg ist ein leidenschaftlicher Bienenfreund, der den volkswirtschaftlichen Wert der Bestäubungsarbeit der Bienen auf 22 Milliarden Euro im Jahr schätzt.

Er wird alles tun, damit die deutschen Bienenfreunde nicht noch einmal, wie bereits geschehen, vor dem Kanzleramt gegen das große Bienensterben demonstrieren müssen. Wenn Einstein noch leben würde, hätte er für Angela Merkel und Ilse Aigner (CSU) seine Bienenweisheit wahrscheinlich politisiert: Erst stirbt die Biene, dann der Wähler. Für das Pestizid-Verbot sind immerhin drei Millionen Unterschriftengesammelt worden. Das zählt in Wahljahren!