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Ex-Pussy-Riot-Aktivistinnen in Berlin: Vom Knast in die Politik

Eigentlich dürfen sie sich nicht mehr "Pussy Riot" nennen. Aber egal. Masha und Nadia lassen sich Berlinale feiern. Sie wollen jetzt Politikerinnen werden.

Von Anja Lösel

Da sitzen sie nun mitten im Kapitalismus, die schöne, dunkelhaarige Nadia und die blonde, engelsgleiche Masha, besser bekannt als "Pussy Riot". Beide ganz in schwarz, blass und ernst. "Rowdytum" hatte man ihnen in Russland vorgeworfen und "Anstachelung zu religiösem Hass". Weil sie in einer russischen Kathedrale ein "Punk-Gebet" gegen Putin sangen, waren die beiden Aktivistinnen Marija Aljochina und Nadeschda Tolokonnikova, so ihre korrekten Namen, für zwei Jahre ins Gefängnis gewandert. Nun sind sie wieder frei - und lassen sich auf der Berlinale feiern.

Was haben ihre Bilder aus Russland uns bewegt! Masha auf der Anklagebank, bleich und schmal mit engelsgleichen Locken. Nadia hinter Gittern, mit glühenden Augen, die Hände um die Eisenstäbe geklammert. Es gab Berichte von ihrem Hungerstreik im Gefängnis. Für den Westen waren sie die perfekten Opfer. Seht her, wie Putin mit diesen armen Mädchen umgeht, ist es nicht brutal?

"Die Zone des Rechts"

Nun wohnen Nadia und Masha, wie ihre Freunde sie nennen, im Berliner Regent Hotel am Gendarmenmarkt. Es ist eines der besten am Platz, mit Doorman und Zwei-Sterne-Restaurant. Am Abend gibt's eine Gala, auf der die Russinnen sprechen wollen. Jetzt geben sie schon mal einen Vorgeschmack auf ihr neues Leben. Vorbei die Zeiten, als sie mit kurzen Kleidchen und bunten Skimützen Punkmusik machten und mit ihren Freundinnen als "Pussy Riot" provozierten. Jetzt werben sie für ihre neu gegründete Organisation "Zona Priva" (Zone des Rechts), kämpfen für die Rechte von Gefangenen und erwägen allen Ernstes, in die Politik zu gehen und im Moskauer Stadtparlament zu agieren.

"Wir nehmen keinen Eintritt"

Aber der Name "Pussy Riot" klebt an ihnen. Auf der Berlinale ist ein Dokumentarfilm mit dem Titel "Pussy Riot - A Punk Prayer" zu sehen, er ist für den "Cinema for Peace Award" nominiert und zeigt ihre Aktion in der Kathedrale, unterlegt mit schwülstig-schöner Musik. Nur deshalb sind sie hier eingeladen. Alle wollen "Pussy Riot". Dumm nur: So dürfen Nadia und Masha sich gar nicht mehr nennen. Die restlichen Mitglieder der Band haben sich von ihnen losgesagt. "Wir sind ein rein weibliches Kollektiv", sagen die echten "Pussy Riot". "Wir sind antikapitalistisch und nehmen keinen Eintritt für unsere Kunst, all unsere Videos stellen wir kostenlos im Web zur Verfügung." Und weiter: " Wir verhüllen unsere Köpfe, weil wir dagegen sind, dass Frauengesichter als Marke dienen, um irgendwelche Dinge zu verkaufen."

"Jeder kann Pussy Riot sein"

Masha und Nadia sind zur Marke geworden, und absurderweise genau unter dem Namen, den sie nicht mehr benutzen sollen. Er ist so prima und so zugkräftig, dass im Westen keiner davon lassen will. Madonna nicht, die sie in New York als "Pussy Riot" auf die Bühne holte. Amnesty International nicht, die sie einluden. Und klar, auch die Macher der Berlinale-Gala "Cinema for Peace" nicht, die sie nach Berlin geholt haben und heute Abend auf ihrer Gala ehren. Aber vielleicht ist es auch egal. "Jeder, der für unsere Ideale einsteht, kann ein Mitglied von Pussy Riot sein", sagt Nadia. Jetzt wollen sie erst mal ein deutsches Gefängnis besichtigen und gucken, was es da an Kulturprogrammen für die Häftlinge gibt. Und dann das Moskauer Stadtparlament aufmischen: "Das ist einen Versuch wert." Viel Glück, "Pussy Riot"!

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