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Fall Maddie: Die riskante Kampagne der Eltern

In einer Pressekonferenz in Berlin haben die Eltern der entführten Madeleine McCann deutsche Urlauber um Hilfe gebeten. Doch die europaweite Medientour der Eltern birgt auch Risiken für das Kind.

Von Stefanie Hellge

Auf einer Pressekonferenz in Berlin haben die Eltern der am 3. Mai in Portugal entführten Madeleine McCann einen flehenden Appell an die Deutschen gerichtet: "Wir bitten deutsche Touristen, die in der Zeit vor der Entführung nahe dem Ferienort Praia de Luz in Portugal waren, ihre digitalen Fotos auf die Internetseite www.madeleine.ceopupload.com zu laden", sagte Madeleines Vater Gerry. Die Eltern hoffen, dass auf den Bildern im Hintergrund vielleicht Menschen zu sehen sind, die in einem Zusammenhang mit der Entführung stehen. Das Ehepaar McCann hat vergangene Woche bereits den Papst besucht und wird von Berlin aus zuerst nach Amsterdam und anschließend nach Marokko reisen, um den Entführungsfall weiterhin in den Köpfen der Bevölkerung zu halten.

Dabei ist gar nicht sicher, dass diese bislang einzigartige Medienpräsenz überhaupt sinnvoll ist. "Ich halte die Aktion für kontraproduktiv", so Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. "Die Polizei wird jetzt überschwemmt mit Hinweisen, die nicht weiterführen, weil aufgrund des allgemeinen Mitgefühls viele Leute einfach gern helfen wollen und sich eventuell an Dinge erinnern, die so nicht stattgefunden haben. In der Regel sind nur Aussagen, die innerhalb einer Woche gemacht werden, wirklich brauchbar. Jeder, der wirklich helfen konnte, hat es inzwischen längst getan."

Irreführende Hinweise

Neben der Flut an irreführenden Hinweisen birgt der Medienrummel um Maddy auch erhebliche Risiken. Sollten die Entführer Pädophile sein, könnten sie das Kind umbringen, weil ihnen der Fall zu heikel wird. "Auch wenn das Mädchen im Auftrag adoptionswilliger Eltern entführt wurde, bedeutet seine Bekanntheit für die kriminellen Adoptiveltern, dass sie das Kind viel länger unter Verschluss halten müssen als eigentlich geplant. Das ist für das Kind schlecht. Die Hoffnung, dass diese Eltern das Kind entnervt aussetzen, besteht natürlich, ich halte sie aber für gering", so der ehemalige niedersächsische Justizminster Pfeiffer. Die Wahrscheinlichkeit, dass Madeleine irgendwo bei einer Familie als adoptiertes Kind lebt, ist aufgrund Maddies Alters ohnehin sehr gering. Ab vier Jahren erinnern sich Kinder nämlich meist daran, wo sie herkommen. Jüngere Kinder vergessen in der Regel ihre Entführung. Für die Theorie des Adoptionsraubs spricht allerdings, dass Maddy für eine 4-Jährige eher klein ist (92cm) und deutlich jünger aussieht.

Medientour als Trauerbewältigung

In der ständigen Medienpräsenz der Eltern muss man sicherlich auch eine Form der Trauerbewältigung sehen. "Ich glaube, dass die Eltern mit erheblichen Schuldgefühlen kämpfen", so Pfeiffer. "Sie haben etwas getan, was man als Eltern eines so kleinen Kindes nicht tun sollte: Sie haben es in fremder Umgebung allein schlafen lassen, anstatt 20 Euro für einen Babysitter auszugeben. Man wünscht den Eltern jetzt einen guten Freund, der ihnen einfühlsam sagt, dass sie mit ihrer Medientour aufhören müssen, um die Risiken für Madeleine zu verringern."

Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes Heinz Hilgers ist nicht der Meinung, Maddys Eltern hätten ihre Aufsichtspflicht verletzt. Gegenüber stern.de sagte er: "Nach allem was ich weiß, haben die beiden ihrer Sorgfaltspflicht genüge getan. Und einen 1000prozentigen Schutz gibt es eben nicht."