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FDP in Baden-Württemberg: Wie die Wahl "zwischen Pest und Cholera"

An Tagen wie heute, hat die FDP verdient, dass die Wähler sie aus dem Bundestag wählen wollen. Die Liberalen haben Birgit Homburger wieder zur ihrer Landesvorsitzenden gekürt.

Ein Kommentar von Laura Himmelreich

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, wusste schon Hermann Hesse. Und weil das Anfangen so schön ist, verkündet die FDP seit einem Jahr im Wochentakt den "Neuanfang". Heute in ihrem Stammland Baden-Württemberg. Die heutige Lichtgestalt für den Aufbruch der Liberalen heißt: Birgit Homburger!

Äh, Lichtgestalt? Birgit Homburger?

So ist es: Die alte Landesvorsitzende im Ländle wird die neue sein. Birgit Homburger soll weiter den zweitgrößten Landesverband führen. Homburger, die Wahlverliererin, die unbeliebte Fraktionsvorsitzende, das rhetorische Desaster. So sieht Hoffnung in blau-gelb aus. Den Liberalen fiel es offensichtlich selbst schwer, an den Neuanfang zu glauben. Mau fiel der Applaus aus, als der Parteitagsleiter das Ergebnis verkündete: 199 Stimmen für Homburger, 192 für ihren Gegenkandidaten, den EU-Abgeordneten Michael Theurer. Beim ersten Wahlgang lagen Homburger und Theurer mit 180 Stimmen sogar exakt gleich auf. Ein Delegierter fasste es so zusammen: Es sei eine Wahl "zwischen Pest und Cholera".

Keiner der beiden Kandidaten vermochte es, die Delegierten zu überzeugen. Homburger versprach, sich um die Alltagssorgen der Menschen zu kümmern, um Pflege und gerechte Löhne. Michael Theurer versprach mehr Bürgerbeteiligung. Nachdem die beiden Kandidaten ihre Reden beendet hatten, fragte ein Delegierter nach, was sie denn konkret verändern wollten, als könne er nicht glauben, dass das schon alles gewesen sein soll: "Wie gewinnen wir wieder Wählerstimmen?" wollte er wissen.

Aber da kam nichts mehr von den Kandidaten.

"Spiel mir das Lied vom Tod"

Was die beiden FDP-Führungskräfte zu bieten hatten, wirkte fast wie Hohn, in anbetracht der Diskussion, die sich die 400 Liberalen in der Stuttgarter Carl-Benz-Arena zuvor lieferten. Es war ein Wundenlecken, das nicht mehr enden wollte. Zweieinhalb Stunden lang zählten Dutzende Redner all die Fehler und Schurken auf, die ihre Partei an den Rande der Existenz gebracht haben: die Hotelsteuer, die böse Merkel, der böse Schäuble, der böse Mappus, ein missglückter Koalitionsvertrag, Stuttgart21, der EnBW-Deal. Sogar die Fotos auf den Wahlplakaten mussten als Sündenbock herhalten. Die Liberalen zelebrierten ihren Abgesang auf sich selbst, so dass sich der frühere Landeschef Walter Döring bemüßigt fand, aufzuspringen und der Menge zurief: "Wir laufen Gefahr, dass die Melodie nicht High-Noon wird, sondern Spiel mir das Lied vom Tod."

Am lautesten applaudierten die Delegierten schließlich, als gefordert wurde die Totenmesse zu beenden und die Rednerliste endlich zu schließen. "Wir sind in der (zumindest gefühlt) längsten Aussprache der Welt", twitterte ein Liberaler.

Es ist eben müßiger geworden. Denn jetzt, wo Guido Westerwelle entsorgt ist, reicht es nicht mehr, ihm allein die Schuld zu geben. Das Problem ist: Nur weil Westerwelle weg ist, taucht die Lösung für die Krise auch nicht auf. Homburger redet von Neuanfang, ohne zu verraten, was sie mit ihrer Macht Neues anfangen will. Homburger wurde heute nicht wiedergewählt, weil die FDP an sie als Hoffnungsträgerin glaubt. Homburger wurde nur gerettet, weil die Süd-West-FDP um ihren Regionalproporz fürchtet.

Raus mit der FDP aus dem Bundestag

Denn hätte Homburger den Landesvorsitz verloren, wäre sie schnell auch den Fraktionsvorsitz in Berlin losgeworden. Eben diese Bedrohung hat ihr jetzt den Posten gesichert. Homburgers baden-württembergische Kollegen wollten nicht, dass der einflussreiche Fraktionsvorsitz an die innerparteiliche Konkurrenz aus Nordrhein-Westfahlen geht. Sie befürchten, der dortige Landesvorsitzende Daniel Bahr lauere auf den Posten.

Aber eine Partei deren Ziel nur der eigene Machterhalt ist, eine Partei ohne Themen, hat keine Existenzberechtigung. So denken die Wähler und würden deshalb, wäre heute Wahl, die FDP mit vier Prozent aus dem Bundestag schmeißen. So sähe der Neuanfang demokratisch aus - auch ein Anfang, dem ein Zauber innewohnt.