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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Macht die Gehälter öffentlich!

Frauen wissen oft gar nicht, dass sie schlechter verdienen als ihre männlichen Kollegen. Sie sollten es aber wissen - um härter verhandeln zu können.

Von Laura Himmelreich

Wenn's ums Geld geht: Misstrauen

Wenn's ums Geld geht: Misstrauen

In Schweden kann jeder mit einem einzigen Anruf herausfinden, wie viel sein Nachbar oder Kollege verdient. Tageszeitungen veröffentlichen regelmäßig Listen mit den reichsten Ehepaaren Stockholms oder den bestverdienenden Stars. Die Logik dahinter ist einfach: Je transparenter Einkommen sind, desto schärfer wird der Blick für Ungerechtigkeiten. In Deutschland dagegen wissen selbst viele Paare erst beim Zusammenziehen wie viel der Partner verdient. Freunde und Bekannte reden offener über ihr Sexleben als über ihren Gehaltszettel. Manche Arbeitgeber versuchen sogar mit Verschwiegenheitsklauseln in Arbeitsverträgen zu verbieten, dass sich Kollegen über ihren Lohn unterhalten. Wenn es um Geld geht, herrscht in Deutschland eine Kultur, die von Misstrauen, Statusangst und Verklemmtheit geprägt ist. Das schadet vor allem Frauen. Und deshalb ist es richtig, dass Familienministerin Manuela Schwesig daran etwas ändern will.

In Deutschland verdienen Frauen im Schnitt 22 Prozent weniger als Männer. Innerhalb der 28 EU-Staaten sind die Gehaltsunterschiede nur in Österreich und Estland noch größer. Die Schlusslichtposition Deutschlands bei der Gleichberechtigung hat viele Gründe. Mangelnde Transparenz ist nicht der wichtigste. Aber es ist ein psychologisch entscheidender.

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Mehr wissen, besser verhandeln

Der Großteil der Lohndifferenz entsteht, weil Frauen häufiger Teilzeit arbeiten als Männer, schlechter bezahlte Dienstleistungsberufe wählen und seltener in die Chefbüros einziehen. Hinzu kommt, dass sie längere Pausen für die Kindererziehung einlegen und dadurch schlechtere Aufstiegschancen haben. Nur ein kleiner Rest, so die Berechnung des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut, 2,3 Prozent, könnte auf tatsächliche Diskriminierung zurückzuführen sein.

Und dennoch ist es wichtig, auch hier anzusetzen. Je mehr Informationen Frauen über ihre finanzielle Benachteiligung besitzen, desto besser können sie verhandeln. Es würde Frauen motivieren, mehr Geld einfordern, wenn sie wissen, dass ein männlicher Kollege in ähnlicher Position deutlich mehr verdient. Sie können aber auch ihr Privatleben besser planen, wenn ihnen bewusst ist, wie viel schlechter sie nach zwei Jahren Erziehungszeit verdienen werden im Vergleich zu einem durchgehend arbeitenden männlichen Kollegen. Je bewusster Frauen die negativen Folgen von Erziehungszeiten und Teilzeit sind, desto besser können sie mit ihrem Partner besprechen, wie man als Paar fair die Folgen der Kindererziehung aufteilen kann. Und je mehr Frauen individuell ihre Benachteiligung spüren, desto mehr werden sie auf den Staat Druck machen, Kitaplätze und Ganztagsbetreuung zu schaffen und das Steuersystem zu reformieren, das noch immer verheiratete Frauen belohnt, wenn sie Teilzeit oder überhaupt nicht arbeiten.

Schweden light

Deutschland wird mit ein wenig mehr Transparenz nicht zum gläsernen Staat nach schwedischem Vorbild werden. Denn laut Schwesigs Plänen soll es nicht möglich werden, das Gehalt einzelner Kollegen zu erfragen. Möglich soll es nur sein, zu prüfen, ob man im Vergleich zu Kollegen mit ähnlichen Positionen auch ähnlich bezahlt wird. Doch allein das wird in Betriebskantinen und Pausenräumen für Diskussionen sorgen. Es wird Frauen stärken, ihre Rechte einzufordern, im Büro, zu Hause und gegenüber dem Staat.

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