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OECD-Studie zu Lohngefälle: Das deutsche Frauen-Dilemma

Deutschland ist Schlusslicht. Nirgendwo in Europa bekommen Frauen laut OECD-Studie so viel weniger Gehalt als Männer. Warum ist das gerade hierzulande so? Eine Spurensuche.

Von Swantje Dake

In keinem anderen europäischen Land ist der Gehaltsunterschied zwischen Frauen und Männern so ausgeprägt wie in Deutschland." Das Fazit der OECD-Studie zum Lohngefälle der Geschlechter ist ein herber Schlag in die Magengegend eines jeden Gleichstellungsbeauftragten der Republik.

In die schon lange schwelende Frauen-Quoten-Diskussion, die seit einigen Tagen von Frauen aus der Medienbranche und von der Politik neu befeuert wird, platzt diese Studie, die das weitverbreitete Gefühl schwarz auf weiß belegt: Der deutsche Arbeitsmarkt ist ungerecht. Vollzeitbeschäftigte Frauen verdienen in Deutschland im Schnitt 22 Prozent weniger als die Männer. Musterschüler sind Norwegen (8,7 Prozent Lohnunterschied) und Belgien (8,9 Prozent). Die kennt man schon aus der Mehr-Frauen-in-Führungspositionen-Diskussion als Vorbilder. Aber dass Staaten wie Griechenland (9,6 Prozent), Italien (12 Prozent) oder Spanien (12 Prozent), die in unserer Vorstellung stärker vom Patriarchat gelenkt werden, Deutschland locker ausstechen, verwundert doch sehr.

83 Tage länger arbeiten

In Deutschland kann Lieschen Müller noch so fleißig ackern und an die Türen der Führungsetagen pochen. Es hilft nicht: In Deutschland müssen Frauen 83 Tage länger arbeiten, um das durchschnittliche Jahresgehalt eines Mannes zu erreichen. Darauf macht seit 2008 der Equal-Pay-Day am 23. März, 83 Tage nach Silvester, aufmerksam. Der europäische Tag wird bereits am 2. März begangen, denn durchschnittlich sind es in Europa 62 Tage, die Frauen länger arbeiten müssten.

Das deutsche Dilemma hat viele Gründe. Dass Frauen in Deutschland seltener in Führungspositionen kommen ist nur einer. Ein weiterer: 46 Prozent der Frauen arbeiten hierzulande Teilzeit. Im EU-Durchschnitt sind es knapp 31 Prozent. Die OECD-Studie klammert beide Gründe aus. Sie vergleicht nur Vollzeit-Gehälter und lässt Beruf und Position vollkommen außer Acht. Zwei Drittel der sogenannten Gender Pay Gap lassen sich dadurch erklären.

Sie verdient hinzu – und hat die Kinder

Bleiben noch 7 bis 8 Prozent Lohnlücke, die auf das Geschlecht zurückzuführen ist. "Selbst in Tarifverträgen erhalten Frauen im Rahmen einer Gehaltsspanne oftmals einen geringen Betrag als ihre Kollegen. Häufig wird Frauen in Bewerbungsgesprächen eine geringere Summe als den männlichen Konkurrenten angeboten", sagt Simone Denzler, Sprecherin des Vereins Business and Professional Women, der den Equal Pay Day initiiert. Und laut Tarifarchiv der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung haben Frauen auch bei Sonderzahlungen wie Weihnachts- und Urlaubsgeld das Nachsehen. Dies mithilfe von repräsentativen Statistiken, Zahlen und Fakten zu erklären, fällt schwer. Man hört es von Betroffenen, Personaler erzählen es hinter vorgehaltener Hand. Der Sündenbock ist in diesem Fall die Gesellschaft als Ganzes - Männlein, Weiblein, Politiker, Arbeitgeber, Eltern.

Zementiert sind selbst im Jahr 2012 noch immer die Rollenstereotypen, womöglich mehr als in anderen Ländern. "In Deutschland gilt der Mann noch immer als Hauptverdiener. Die Frau wird oftmals als Hinzuverdienerin gesehen", sagt Denzler. Diese Einstellung wird zum einen von Familien gelebt, zum anderen aber von den gesetzlichen Rahmenbedingungen gefördert. Seit 1958 können Eheleute in der deutschen Steuererklärung zusammen veranlagt werden. Dieses Konstrukt begünstigt Einverdiener-Ehen – im Gegensatz zum Familiensplitting wie es in Frankreich angewendet wird. "Das Ehegattensplitting sowie die Diskussion über Betreuungsgeld sind Fehlanreize", so Elke Holst, Forschungsdirektorin für Gender Studies am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Sie fordert von der Politik zukunftsorientierte und moderne Konzepte. Ohne diese bewege sich die Wirtschaft nicht wie man an dem Beispiel Frauenquote sehe. Seit mehr als zehn Jahren gibt es bereits eine freiwillige Selbstverpflichtung zur Erhöhung des Frauenanteils in Führungspositionen. Geändert hat sich aber wenig.

Auch die Rahmenbedingungen für Frauen, die Kinder und Beruf vereinbaren wollen, müssten sich ändern. Frauen unterbrechen für die Familiengründung ihren Berufsweg. Müssen sie zwangsläufig. Aber damit sie nach Schwangerschaft und Geburt wieder arbeiten gehen können, muss die Betreuung der Kinder geregelt sein. Dass 45 Prozent der deutschen Frauen Teilzeit arbeiten, liegt häufig daran, dass es nicht genügend Kindertagesstätten und Kindergartenplätze gibt. In Skandinavien, aber auch in Frankreich stehen deutlich mehr Betreuungsplätze zur Verfügung – und mehr Frauen stehen in Lohn und Brot zu besseren Bedingungen. Ein Phänomen, das auch in Ostdeutschland zu beobachten ist, wo die Betreuung von Kindern seit Jahrzehnten umfassender ist und Frauen deutlich häufiger arbeiten.

Warten auf den Aufstand der Frauen

All das Lamentieren hilft jedoch wenig, wenn die Frauen es nicht anpacken. Mehr als 17 Millionen Frauen arbeiten in Deutschland. Das Fazit der OECD-Studie müsste einen ohrenbetäubenden Aufschrei zur Folge haben. Doch man hört kaum etwas. Kein Jammern, kein Stöhnen, nur geräuschloses Achselzucken. Ist das Resignation? Oder generelles Desinteresse an Gehaltsfragen? Kann eigentlich nicht sein: Laut einer gemeinsamen Studie des Frauenmagazin "Emotion" und einer Bank legen Frauen darauf wert, dass ihr Partner nicht weniger verdient als sie selbst.

Dann sollte das Interesse künftig auch dem Gehalt des Kollegen gelten. Denn vielfach wüssten die Frauen gar nicht, was diese verdienen, behauptet Denzler. Den Schuh müssen sich die Damen der Berufswelt leider anziehen. Die Informationen liegen offen: Tabellen, Studien und Angebote des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gibt es zu genüge. Und womöglich müssen Frauen über ihren Schatten springen und dürfen sich nicht unter Wert verkaufen. Nicht schon bei der Gehaltsverhandlung einpreisen, dass sie pünktlich den Arbeitsplatz verlassen müssen, weil das Kind abgeholt werden muss oder krank ist. Auf die Idee würde ein Mann nie kommen, meine Damen!

Und es kann auch nicht die Lösung sein, auf den demographischen Wandel zu hoffen. Der, so die Bundesagentur für Arbeit in einer Pressemeldung pünktlich zum Weltfrauentag, spiele den Frauen in die Hände. "Wir werden älter und weniger. Die Arbeit bleibt, aber die Arbeitskräfte gehen aus", so Vorstandsmitglied Heinrich Alt. Da seien Frauen doch eine "gut qualifizierte Reserve für den Arbeitsmarkt". Für die Reservebank sind Frauen jedoch viel zu gut.

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