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Forschungsreaktor Garching: Leuchtturm oder Waffenschmiede?

Der Forschungsreaktor Garching läuft. Begleitet von Protesten, in Anwesenheit politischer Prominenz und mit kirchlichem Segen ist das jahrelang umstrittene Projekt offiziell in Betrieb genommen worden.

"Ich würde mich freuen, wenn ein Wissenschaftler einmal so eine Resonanz bekommen würde wie die Fußballer bei der Europameisterschaft", sagte Bayerns Ministerpräsident Stoiber (CSU) beim Eröffnungsfestakt. Er spielte damit vor allem auf den immer wieder verzögerten Bau von Garching an.

Sollen wieder Atomkraftwerke gebaut werden - sei es für Forschung oder Energiegewinnung?

Seit dem Votum des Wissenschaftsrates seien 15 Jahre vergangen, sagte Wolfgang Herrmann, Präsident der Technischen Universität München. "Und acht Jahre nach dem ersten Spatenstich kann der FRM-II nun endlich seine Arbeit aufnehmen. Das ist viel zu lange."

Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) beschränkte sich beim Festakt nur auf die Bedeutung des 435 Millionen Euro teuren Projekts für den Wissenschaftsstandort Deutschland. Schily sagte, der Reaktor sei für Deutschland ein Garant für eine Führungsstellung in der Neutronenforschung. "Die Bedenken, die noch von einigen gegen die Neutronenquelle geltend gemacht werden, teile ich nicht."

Reaktor ist "Leuchtturm der Innovation"

Edmund Stoiber bezeichnete den Reaktor als "Leuchtturm der Innovation" und mahnte weitere Anstrengungen für eine konkurrenzfähige Wissenschaft an. Spitzentechnologische Einrichtungen wie der neue Reaktor kämen in Deutschland zu kurz, so der CSU-Chef, "exzellente Forschung braucht exzellente Köpfe, und exzellente Köpfe suchen exzellente Rahmenbedingungen."

Stoiber nannte als Beispiel den US-Konzern General Electric, der in Garching sein neues Forschungszentrum baut. "Damit zeigen wir, dass wir zukunftsfähige Arbeitsplätze in Deutschland erhalten können."

Proteste kamen von rund 60 Atomgegnern und Anwohnern. Sie befürchten, dass aus dem Uran nicht nur Neutronen für die Forschung erzeugt, sondern auch Atombomben gebaut werden könnten. Außerdem werde die Umgebung verstrahlt, und der Schutz gegen einen Flugzeugabsturz sei mangelhaft.

Grüne kritisieren Einsatz von atomwaffenfähigem Uran

Die bayerischen Grünen kritisierten den Einsatz von atomwaffenfähigem hoch angereichertem Uran als "unverantwortlich". Die umweltpolitische Sprecherin Ruth Paulig sagte: "Der Reaktor hätte von Anfang an mit niedrig angereichertem Uran betrieben werden können." Nun müsse er bis 2010 nach Auflagen des Bundesumweltministeriums auf weniger angereichertes Uran umgerüstet werden.

Der Reaktor wird der Forschung als Hochleistungsquelle für Neutronen dienen. Im Herbst soll die volle Leistung von 20 Megawatt erreicht sein und der Normalbetrieb beginnen. Die Neutronenquelle wird von der Technischen Universität (TU) München betrieben und soll neue Möglichkeiten in der Materialforschung und der Medizin eröffnen.

Koch fordert, nicht auf den Bau von AKW zu verzichten

Unterstützung für die Atomwirtschaft kommt auch vom hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU). Er hat die Stromwirtschaft aufgefordert auf den Bau neuer Kernkraftwerke nicht freiwillig zu verzichten. Der Vorsatz der Industrie, den Neubau eines Atommeilers nur zu beantragen, wenn er im Parlament von vornherein breite Unterstützung findet, sei "völlig überkommen", sagte Koch in der Mittwochsausgabe der "Berliner Zeitung".

Das CDU-Präsidiumsmitglied stellte, wie zuvor andere Unionspolitiker, den Bestand des von der rot-grünen Bundesregierung mit den Energieversorgern vereinbarten Atomausstiegs in Frage. "Der Ausstieg war nie vernünftig und ist nicht zeitgemäß", so der hessische Ministerpräsident. "Der Betrieb sollte vom technischen Stand der Wissenschaft und der Sicherheit des einzelnen Kernkraftwerks abhängig sein. Es ist ideologischer Unsinn, es einfach abzuschalten."

Traditionell gibt es zur Eröffnung von öffentlichen, aber auch privaten Gebäuden in Bayern einen kirchlichen Segen. So auch in Garching. Kardinal Friedrich Wetter und Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler erteilten ihren Segen. Breit-Keßler betonte jedoch, dass er ausdrücklich nicht dem Reaktor gelte, sondern den Menschen und einschließe auch Kritiker.

DPA/AP / AP / DPA