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Meinung

CDU-Parteitag: Wie Friedrich Merz letztlich an seiner eigenen 15-jährigen Auszeit scheiterte

Dass Friedrich Merz in der CDU große Unterstützung genießt, ist auf dem Hamburger Parteitag sehr deutlich geworden. Viel fehlte nicht und der Mann aus den 1990ern wäre zur Zukunft der Union geworden. Doch dann hielt er eine Rede aus einer anderen Zeit.

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Das Momentum lag eigentlich bei Friedrich Merz. Je näher der Hamburger CDU-Parteitag rückte, umso größer schienen die Aussichten des Mannes aus dem Sauerland zu sein, die Nachfolge seiner alten Widersacherin Angela Merkel an der Parteispitze anzutreten - und das, obwohl die Umfragen eher Annegret Kramp-Karrenbauer vorne sahen. Mit nur 35 Stimmen Vorsprung ging die neue Vorsitzende schließlich durchs Ziel; heißt umgekehrt: Merz fehlten ganze 18 Stimmen, um sein Ziel zu erreichen. Nicht schlecht für jemanden, der nach rund 15 Jahren aus dem Off wieder auf die politische Bühne sprang, um sich mit einer - noch dazu erfolgreichen - Vollblut-Politikerin zu messen.

Trotz des knappen Ergebnisses: Dass es nicht reichen würde, dieser Eindruck stellte sich während seiner Rede rasch ein - wie zu hören war offenbar auch zum Entsetzen der Merz-Fans im Saal. AKK hatte kämpferisch vorgelegt, mit viel Engagement die Gestaltung der Zukunft beschworen und die Delegierten mitgerissen - deutlich hörbar am hellen und anhaltenden Applaus. Nun aber stand da ein staatstragender Mann, der in gesetzten Worten und ruhigem Ton versuchte, den Parteitag von sich zu überzeugen.

Was er sagte, unterschied sich inhaltlich kaum von dem, was Kramp-Karrenbauer beschworen hatte, in Bezug auf die internationale Politik war er sogar stärker als die später gewählte neue Vorsitzende, doch sein Vortrag wirkte wie aus der Zeit gefallen, wie eine durchaus gute Rede aus den 90ern, doch vor allem zu Beginn manchmal auch wie eine Power-Point-Präsentation vor zehn Finanzvorständen - die ihm zuletzt sicher vertrauter war als der politische Diskurs. In Hamburg aber galt es, rund 1000 Delegierte eines Parteitages im Jahr 2018 zu überzeugen.

Friedrich Merz vergaß, die Delegierten mitzunehmen

Was Friedrich Merz offenbar bis zuletzt nicht verstanden hat, ist, dass sich seit seiner aktiven Zeit einiges verändert hat im Polit-Betrieb. Vor allem, dass Parteimitglieder, Wähler und politisch Interessierte nicht zuletzt dank der sozialen Medien Partizipation einfordern, was in einer Demokratie auch absolut legitim ist. Dass all diese Menschen nicht nur überzeugt, sondern auch mitgenommen werden müssen und mitgenommen werden wollen. Merz lieferte dagegen eine klassische Problemanalyse, an die sich die Delegierten im Saal spürbar gewöhnen mussten. Zeitweise hatte der 62-Jährige den durch AKK aufgepushten Saal geradezu wieder sediert.

Dass Friedrich Merz dennoch so stark abgeschnitten hat, liegt an all jenen, die nach Angela Merkel auf eine Art "Zurück in die Zukunft" der CDU gehofft hatten. Davon gibt es in der Partei sichtlich immer noch sehr viele, inwiefern dies für Annegret Kramp-Karrenbauer zum Problem werden wird, muss sich zeigen. Um zu gewinnen, hätte Merz einige von denen mitnehmen müssen, die er im alten Stil lediglich aufforderte, zu folgen. Das hat er nicht getan. Ihm fehlte offensichtlich die Erfahrung aus 15 Jahren im Polit-Off. Nach seiner Niederlage gratulierte er artig und empfahl dem Parteitag, seinen Konkurrenten Jens Spahn ins Parteipräsidium zu wählen. Es klang trotz Beteuerungen, sich weiter einzubringen, wie ein erneuter Abschied. Dann sicher für immer.