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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin Lasst G7 tagen! Und messt sie an Ergebnissen!


Schweigen ist Silber. Reden ist Gold. Die Frage, ob der G7-Gipfel in Elmau Sinn hat, sollte nicht vorher, sondern danach beantwortet werden. Es wird schon genug zu kritisieren geben.
Ein Kommentar von Axel Vornbäumen

Ein paar Zahlen für den schnellen Leser: Etwa 360 Millionen Euro wird der G7-Gipfel, der am Sonntag auf Schloss Elmau beginnt, die Bundesrepublik Deutschland kosten. Gut 20.000 Polizisten sind im Einsatz, damit Angela Merkel die Mächtigen dieser Welt in jener Form von Abgeschiedenheit empfangen kann, die nötig ist, wenn man sich mal für ein paar Stunden in Ruhe über die Weltläufe unterhalten will. Ein gut sieben Kilometer langer Sicherheitszaun tut das Seine dazu. Der Wildwechsel in den Wäldern rund um Schloss Elmau ist bis auf Weiteres blockiert. Naturschützer monieren das. Schön ist das alles nicht.

Es ist ein beliebter Sport, bei solchen Gelegenheiten auszurechnen, was man mit 360 Millionen Euro alles kaufen könnte. Ein paar Kindergärten, zum Beispiel. Oder den FC Barcelona. Ach, nein, den nicht. Der ist schon zu teuer. Und die Vergleichsgrößen sollten ja auch aus der Tiefe jenes Raumes kommen, in der die Verbesserung der Welt zu Hause ist.

Muss dieser Aufwand wirklich sein?

Dahinter steht die natürlich berechtigte Frage, ob das alles nötig ist? Und zwar: genau so? Der Aufwand, die Abschottung, die ins autoritär-staatliche abdriftende Trennung von Weltregierern und Regierten? Es ist ja, paradoxerweise, so, dass beide Welten, die da am Wochenende #link;2198774;in Bayern aufeinanderprallen#, für sich reklamieren, diese eine Welt verbessern zu wollen. Gerechter zu machen. Friedlicher. Sozialer. Ökologischer.

Die Kanzlerin nimmt das für sich in Anspruch – (zumindest ist sie der Ansicht, dass sie vom Zwischenmenschlichen unter den Mächtigen, das in den Stunden auf Schloss Elmau entsteht, lange profitieren wird). Und jene G7-Gegner, die auf den Wiesen rund um Garmisch-Partenkirchen ihre Zelte in den Protestcamps aufschlagen auch.

Wer die Frage also aufwirft, ob das "Format" noch taugt, wie es in der Politikersprache heißt, der muss die Gegenfrage zulassen, nach welchen Kriterien er das eigentlich bewertet haben will. Zur Kostenfrage allein sollte man das nicht erklären. Allein die Themen, die auf Schloss Elmau an diesem Wochenende behandelt werden – Außen- und Sicherheitspolitik, Entwicklungspolitik und Flüchtlinge, Klimawandel, Meeresverschmutzung, Ebola, Antibiotikaresistenz, Vereinfachte Arbeitsstandards - haben jedes für sich allein genommen meist ein mehrstelliges Milliardenvolumen.

Sollte es beim einen oder anderen Punkt Annäherung, Einigkeit oder gar konkret verabredete Ziele geben, ist das Geld für Elmau also einigermaßen gut angelegt. Jedenfalls dann, wenn man die These vertritt, dass es andernfalls so nicht oder nicht so schnell so gekommen wäre. Kurzer Exkurs: In der Vergangenheit war das übrigens schon öfter der Fall. So hat es beispielsweise schon 1979 auf einem G7-Gipfel ein Bekenntnis zur Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen gegeben.

Lohnt sich der G7-Gipfel auf Schloss Elmau?

Wahrscheinlich stört uns alle ohnehin eher das Ritual. Dass etwas so sein muss, weil es sich so entwickelt hat – und nun die Fantasie fehlt, es aufzubrechen. Wenn man ehrlich ist, gilt das für andere Gipfel auch. Ob auf Nato- oder EU-Ebene. Es gilt für IWF-Tagungen, Tarifverhandlungen (mit oder ohne Weselsky). Und für Bundestagsdebatten leider auch. Überall gibt es jenes Quantum von "Das muss so sein", was sich Außenstehenden nur schwer erschließt.

Ob sich der G7-Gipfel auf Schloss Elmau lohnt? Wer das vorher schon verneint, dem fehlt danach die Legitimation, die Ergebnisse kritisch zu bewerten. Der läuft Gefahr, den Ritualen, die er beklagt, mit eigenen Ritualen zu begegnen.

Deshalb: Schloss jetzt! Lasst sie tagen. Gern bis tief in die Nacht. Und dann prüfen, was dabei rumgekommen ist. Es wird sich vermutlich schon genug finden, was substanziell kritisiert werden kann.

Axel Vornbäumen wird mit mehreren stern-Kollegen in Elmau vor Ort sein, was man in diesem Fall für die meiste Zeit durchaus wörtlich nehmen kann: vor Ort. Man kann dem Autor auf Twitter unter @avornbaeumen folgen.


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