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G8-Gipfel: Kurort hinter Gittern

100 Tage vor dem G8-Treffen in Heiligendamm macht die Sicherheit der Staatschefs den Organisatoren die wenigsten Sorgen - dafür sorgt schon ein millionenteures Zaun-Ungetüm. Doch was tun mit den zigtausend Demonstranten, die zum Treffen erwartet werden?

Vier Monate lang wird um das Ostseebad Heiligendamm herum auf jeden Kilometer eine Million Euro verbaut. Dafür gibt es Stahlgitter auf Betonelementen, Stacheldraht, einen Haufen Kameras und Bewegungsmelder. Wenn das fast 13 Kilometer lange Ungetüm im April fertig gestellt ist und 2,50 in die Höhe ragt, soll es die Führer der acht größten Industrienationen der Welt vor Anwohnern, Demonstranten und Terroristen schützen.

Für gerade einmal eine Woche. Für 12,5 Millionen Euro. Anschließend wird er wieder abmontiert. Der Zaun ist nicht nur wegen seiner enormen Kosten umstritten, bei vielen Ortsansässigen weckt er unschöne Erinnerungen an längst vergangene Zeiten.

In genau 100 Tagen beginnt der G8-Gipfel im mecklenburgischen Nobelbad und die Polizei hat deutschlandweit schon jetzt mehr als 70 Straftaten registriert, die im Zusammenhang mit dem Spitzentreffen stehen soll - inklusive des Farbanschlags, den Globalisierungsgegner im Dezember auf die Tagungsstätte verübt hatten, der Verfassungsschutz rechnet mit weiteren Aktionen.

Die Sonderkommission, die für den Schutz während des Gipfels zuständig ist, heißt "Kavala", wie die Stadt in Nordgriechenland. "Kavala" hat das Gebiet von Heiligendamm für die Zeit des Treffens in eine äußere und eine innere Sicherheitszonen eingeteilt. Die innere Sicherheitszone umfasst dabei die eigentlich Tagungsstätte, also die Gebäude des Grand Hotels und das dazugehörige Gelände. Dort ist das Bundeskriminalamt zuständig, und das Betreten wird nur Gipfelteilnehmern sowie Personal gestattet.

Nur Ortsansässige und Postboten erwünscht

Die äußere Sicherheitszone umfasst den gesamte Ort Heiligendamm, begrenzt vom neuen Sicherheitszaun. Über zwei Kontrollstellen sollen Ortsansässige, Grundstückseigentümer, Postboten oder angemeldete Besucher die äußere Sicherheitszone betreten.

Doch die Leute, die da hingehören, sind nicht das größte Problem der Organisatoren. Denn zum G8-Treffen werden zigtausende von Demonstranten und Globalisierungsgegner erwartet. Die Soko "Kavala" ist sich über deren genaue Zahl noch unschlüssig, Schätzungen schwanken zwischen 50.000 und 250.000. Darunter auch einige, die " außerhalb der demokratischen Rechtsnormen protestieren könnten", wie Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier sagt.

Doch wohin mit ihnen? Noch immer streiten sich die Gipfelgegner mit Polizei und den Organisatoren über das Camp. Der von den Sicherheitskräften so genannte erweiterte Maßnahmenraum hat einen Umkreis von zehn Kilometer um den Tagungsort. Dort soll sich kein Demonstrant aufhalten, auch die Errichtung von Unterkünften sei "problematisch" heißt es. Zur Schutzzone gehört auch das Wunschgebiet der Anti-G8-Protestler, der Bereich zwischen Bad Doberan und Rostock.

Die meisten der Anti-G8-Aktionen wie Großdemonstration, Konzerte oder Alternativgipfel werden in der etwa 30 Kilometer von Heiligendamm entfernten Hansestadt Rostock über die Bühne gehen. Dass den Gipfelgegnern Campplätze westlich der Schutzzone um Heiligendamm angeboten wurden, besänftigt die Gegner nicht. "Die Distanz ist schlicht zu groß", sagte Monty Schädel, Sprecher des Rostocker Anti-G8-Bündnisses. Er befürchtet ein Chaos, wenn die Leute nachts in Rostock umherschwirren. Sie müssten in Parks schlafen, was sich negativ auf die Stimmung auswirken werde.

Hoffnung auf Hotel-Übernachtungen

Einige in der Gegend können der Veranstaltung auch positive Seiten abgewinnen. Wie etwa der Tourismusverband, der mit einer Wertschöpfung von mindestens 25 Millionen Euro rechnet. Es würden rund 100.000 zusätzliche Übernachtungen in Hotels erwartet und etwa 400.000 in Camps, sagt Verbandspräsidentin Sylvia Bretschneider. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband rechnet für Anfang Juni mit einer Reservierungsquote von über 80 Prozent für die Hotels und Pensionen rund um Heiligendamm.

Niels Kruse mit DPA/AP/Reuters / AP / Reuters