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Gabriele Pauli: Zwischen Land und Latex

Sie war die Frau, die Edmund Stoiber stürzte, die sich als furchtlose Rebellin wider die CSU-Herren inszenierte. Am Sonntag will Gabriele Pauli in den bayerischen Landtag einziehen, für die Freien Wähler. Bei einem Auftritt in Nürnberg machte sie dafür sogar einem früheren Erzfeind ein Angebot.

Von Tobias Lill

Gerti Schilling kann ihr Glück kaum fassen. Schnell hat sie noch eine der begehrten Autogrammkarten ihres Idols ergattert. "Das ist echte Frauenpower", ist die Verkäuferin überzeugt. Um Gabriele Pauli zu sehen, nimmt die Frau Anfang 40 sogar die winterliche Kälte, die an diesem Septemberabend Nürnberg fest im Griff hat, gerne in Kauf. "Die ist eine, die sagt, was sie denkt. Die anderen Politiker lügen doch nur", glaubt Schilling. Für welche politischen Inhalte Pauli steht? "Das kann ich jetzt nicht genau sagen", sagt die Fränkin, blickt gebannt in Richtung der Kandidatin, die auf dem Podest vor der Nürnberger Lorenzkirche steht, und fährt dann fort: "Aber mir gefällt ihre Art".

Solche Momente erlebt Gabriele Pauli, die im vergangenen Jahr Edmund Stoiber als CSU-Chef und Ministerpräsidenten stürzte und nun für die Freien Wähler (FW) in den Landtag einziehen will, derzeit oft. Viele Menschen wollen die einstige Fürther Landrätin sehen. Bierzelte mit hunderten Plätzen füllt sie locker. Doch in Nürnberg sind an diesem Abend nur einige Dutzend Neugierige gekommen. Schließlich kennt man sie in der Frankenmetropole längst.

"Politik ist kein Sandkasten"

Bei denen, die vor der Lorenzkirche zuhören, kommt die Show der schönen CSU-Gegnerin an. "Wir wollen, dass die Menschen bei den Entscheidungen wieder gefragt werden", ruft die 51-Jährige, die ihre langen roten Haare offen trägt. Vielen Politikern der etablierten Parteien gehe es nur mehr darum, sich "irgendwelche Positionen zu schnappen". Die Freien Wähler seien dagegen für die Menschen da.

Sie verurteilt auch die Kreuzzugsrhetorik der CSU. Da spiele "männliches Gehabe" eine Rolle, sagt sie und ruft: "Wir sind hier kein Sandkasten." Das Publikum klatscht. Auch als sie die massiven Verluste der Bayerischen Landesbank thematisiert, kommt das bei den Menschen an. Bei der Landesbank, so Pauli, entfaltete der "Filz" der CSU seine Wirkung.

Beckstein: "Das Programm passt auf eine Briefmarke"

"Bayern muss wieder offen und tolerant werden", sagt sie. Sie redet ruhig. Später fordert sie, den bayerischen Ministerpräsidenten in Zukunft direkt vom Volk wählen zu lassen. "Ein direkt vom Volk gewählter Ministerpräsident wäre in keinem Beziehungsnetzwerk und nicht abhängig von den Fraktionen", sagt sie. Der Fränkin gefällt ihr Image als Querdenkerin. Für Aufsehen hatte auch ihr Vorschlag gesorgt, eine Ehe auf Zeit einzuführen. Im noch immer stark katholisch geprägten Bayern stieß diese Meinung auf viele Proteste.

An diesem Abend kommt Pauli, die beige Winterjacke und eine braune Ledertasche trägt, ebenfalls nicht bei jedem an. Ein älterer Mann poltert über Paulis Forderungen nach ausreichenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten und einem gebührenfreien Studium: "Die verspricht doch nur Sachen und weiß nicht, wie sie sie umsetzen soll." Kein inhaltliches Profil und keine Finanzierungsvorschläge - so charakterisieren politische Gegner die Freien Wähler gern. Auch Ministerpräsident Günther Beckstein sagt auf Anfrage von stern.de: "Eine Partei, in der jeder treiben kann, was er will, kann keine verantwortungsvolle Politik machen. Das Programm der Freien Wähler passt auf eine Briefmarke und selbst da ist zu viel Platz." Für eine derartige Gruppierung gebe es auf Landes- und Bundesebene keine Zukunft, so der CSU-Politiker weiter.

Pauli gibt sich dagegen gegenüber der Partei, die sie wie einen Paria behandelte, vor Journalisten versöhnlich: "Politik macht man nicht, um sich zu rächen". Selbst gegen ihren Intimfeind, den Europaminister Markus Söder, hege sie mittlerweile keinen Groll mehr. Und das, obwohl sie der CSU-Nachwuchspolitiker vergangenes Jahr beim Parteitag der Christsozialen in Passau regelrecht gedemütigt hatte: Das Mikro hatte er ihr abstellen lassen, als sie sich zu Wort meldete. Eine mögliche Koalition mit der CSU solle jedenfalls nicht an ihrem schlechten Verhältnis zu Söder scheitern, versichert Pauli nach ihrer Rede auf Rückfrage. "Es gibt in jeder Partei vernünftige Leute."

Sie könne es sich durchaus gut vorstellen, Ministerin unter einer CSU geführten Regierung zu werden, sagt sie. Dies gelte auch, wenn Beckstein bei einem schlechten Ergebnis zurücktrete und im Zuge einer Verjüngung Söder Ministerpräsident werde.

Das klang noch vor kurzem ganz anders: Bei einer mittelfränkischen Wahlkampfveranstaltung hatte sie einem raunenden Publikum verkündet, sie sei gegen Koalitionen zwischen Parteien. "Die besten Köpfe sollten sich zusammentun", forderte sie. Schließlich blieben aus Machtkalkül und Parteipolitik "zu viele gute Gedanken auf der Strecke". Die Wunden sind noch längst nicht verheilt.

Und auch, als sie in ihrer Nürnberger Rede über die Geschehnisse beim Passauer Parteitag spricht, und ihre Stimme lauter wird, klingt das nicht versöhnlich. "Wenn man das alles als Landrätin und langjähriges Mitglied in einer angeblich demokratischen Partei erlebt, dann ist es verständlich, dass man einen Schritt macht, den ich dann getan habe", sagt sie und ballt ihre Faust. Die Buh-Rufe, die Schmähungen vieler Delegierter, mit offensichtlicher Duldung der Parteiführung – sie hat sie noch gut in Erinnerung. Bereits vor dem Parteitag hatte ihr Beckstein empfohlen, zu einem Psychiater zu gehen. Kaum einer ihrer ehemaligen CSU-Kollegen möchte noch mit ihr reden.

Widerspruch von Land und Latex

Doch auch bei den Freien Wählern ist sie noch nicht richtig angekommen, versucht mit teils widersprüchlichen Aussagen auf sich aufmerksam zu machen. Wie schwierig sie es in der neuen Partei zum Teil hat, zeigt sich etwa daran, dass ihr Nürnberger Auftritt von der örtlichen Basis nicht einmal plakatiert wurde. Manche bei der bunten Truppe sehen sie offenbar nur als Steigbügelhalterin, um die Freien Wähler in den Städten wählbar zu machen. Denn dort ist die Basis der Wählergruppierung noch immer schwach. Eine erhöhte Medienaufmerksamkeit, für die Pauli garantiert, verspricht da Abhilfe.

Doch vor allem auf dem Land, wo die Freien Wähler schon lange stark verankert sind, begegnen die Parteimitglieder Pauli noch immer kritisch. Dort sind die Menschen konservativ und katholisch. Ehen auf Abruf und sexy Frauen mit Latex-Handschuhen im Hochglanzformat passen nicht in die bäuerliche Welt von Heimat und Hof. "Das ist keine von uns", schimpft auch ein oberbayerischer FW-Gemeinderat. Selbst FW-Spitzenkandidat Aiwanger hatte sich anfangs gegen einen Beitritt Paulis gewehrt. Gegenüber stern.de sagt er mittlerweile diplomatisch: "Sie holt auch in den Großstädten, in denen wir schwach sind, Stimmen". Ein Dreamteam sieht anders aus.

Auch deshalb ist es keineswegs sicher, ob sich Pauli bei den Freien Wählern, falls die Gruppierung von der CSU zwei Ministerposten bekommt, also überhaupt durchsetzen kann. Doch die parteiinternen Kritiker wissen auch: Ohne Pauli wären die Freien Wähler nicht bei sieben bis acht Prozent in den Umfragen. Denn ihre Art kommt bei vielen urbanen Wählern an. Standlverkäuferin Schilling weiß jedenfalls, wem sie bei der nächsten Wahl ihre Stimme gibt.