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Gauck wird Bundespräsident Merkels 180-Grad-Drehung


Sie wollte ihn nicht. Dann musste sie ihn wollen. Gauck ist jetzt auch Merkels Mann - weil sie Wulffs Scheitern nicht zu ihrem eigenen machen wollte.
Ein Kommentar von Lutz Kinkel

Selbst die Sozialdemokraten waren erstaunt. "Wer hätte gedacht, dass die schwindsüchtige FDP die Merkel noch mal so vorführen kann, wie wir es heute erlebt haben", twitterte Hubertus Heil am Sonntag. Um ehrlich zu sein: niemand. Eigentlich war das Verfahren vorprogrammiert: Die Kanzlerin einigt sich mit der Opposition auf einen Kompromisskandidaten, der nicht Joachim Gauck heißt, und die FDP schluckt diese Entscheidung herunter. Aber der FDP blieb dieses Verfahren im Halse stecken, sie würgte, spuckte es wieder aus und betonierte mit dem Mut der Verzweiflung ihre Position: Gauck soll es werden, der Mann, den SPD und Grünen vorschlagen, den - alle Umfragen zeigen es - die Mehrheit der Bürger will.

Nun konnte sich Angela Merkel überlegen, was ihr wichtiger ist: einen Gesichtsverlust vermeiden, die Koalition platzen lassen und damit Christian Wulffs Scheitern zu ihrem eigenen zu machen. Oder in einer schon eingeübten, geschmeidigen, machtpolitischen Drehung um 180 Grad Gauck zu akzeptieren. Wie zu hören ist, dachte Merkel nur wenige Minuten nach. Und sprang dann mit Anlauf über den großen Kanzlerinnenschatten. Es fiel ihr nicht leicht. Wer die Bilder der abschließenden Pressekonferenz am Sonntag gesehen hat, hat ihre verstörte Miene noch vor Augen.

trial and error

Natürlich ist jetzt die Empörung in der CDU zu vernehmen, dass die FDP die Kanzlerin so brutal unter Druck gesetzt hat. Aber wen interessiert's? Wie oft hat die Kanzlerin die FDP brutal unter Druck gesetzt? Ausnahmsweise sind die Liberalen als Gewinner aus dem Koalitionspoker hervorgegangen. Das schadet nicht, auch nicht der Union, die hoffen muss, dass die FDP die kommende Bundestagswahl überlebt. Das aber geht nur, wenn sie Erfolge vorweisen kann. Auszulöffeln hat diese Entscheidung vor allem die CDU-Basis. Sie musste nach der Energiewende den Wählern erklären, warum Atomkraft gestern unabdingbar war und heute überflüssig ist. Nun hat sie darzulegen, warum Gauck gestern der falsche Mann war und heute der richtige. Das ist eben Merkels Politik: trial and error, immer im Kanzleramt bleiben, und möglichst wenig riskieren.

Denkbar, dass diese Strategie auch diesmal aufgeht. Etabliert sich Gauck als guter Präsident, ist Merkels Gesichtsverlust bald vergessen. Und dass sich ausgerechnet die FDP für Gauck stark gemacht hat, ist nicht nur taktisch zu verstehen: Gauck ist ein Liberal-Konservativer, ein Mann, der schwarz-gelb tickt, nicht rot-grün. Er war 2010 von der Opposition auserkoren, das Regierungslager zu spalten und die Linken zu demaskieren, beides hat bestens funktioniert. Inhaltlich war er nie ein Mann der SPD und der Grünen. Nun wird er tatsächlich Präsident und in der Rückschau wird Wulff bald wie eine rote Socke wirken. Kurz: Gauck wird etwas zur Identitätsstiftung der Konservativen beitragen. Und Merkel damit einen unliebsamen Job abnehmen.


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