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Gaza-Streifen: Warum die Hamas gewinnen könnte

Es ist ein asymmetrischer Krieg: Die israelische Armee ist 500.000 Mann stark und technologisch hoch gerüstet, die Hamas bastelt Raketenabschussrampen aus Regenrinnen. Doch so überlegen das israelische Militär auch sein mag - am Ende könnte die Hamas als Sieger dastehen.

Von Sebastian Christ und Mandy Schünemann

Die Hamas hat den Konflikt im Gaza-Streifen offenbar bewusst provoziert. Ihre Kämpfer feuerten immer wieder Raketen auf israelisches Gebiet - solange, bis Israels Regierung zum Gegenschlag ausholte. Nun stehen sich zwei Gegner gegenüber, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Hier die hoch technisierte, 500.000 Mann starke israelische Armee. Dort geschätzt 20 bis 25.000 Guerilla-Kämpfer der radikal-islamischen Hamas mit einem eher schlichten Waffenarsenal. Und trotzdem wird es Israel schwer haben, die Bedrohung für die eigene Bevölkerung endgültig auszuschalten. Ohne es verhindern zu können, tappt eine der am besten ausgerüsteten Armeen der Welt derzeit in die Falle der asymmetrischen Kriegsführung: Ein Konflikt mit ungleichen Kräfteverhältnissen, in dem selten die stärkere Partei gewinnt.

"Die Gewinnchancen sind für den schwächeren, nicht-staatlichen Gegner immer größer als für den Staat. Das sieht man sehr deutlich an der Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hamas. Ein demokratischer Staat wie Israel kämpft immer mit einer Hand auf dem Rücken, weil er Regeln einhalten will und muss", sagt Carlo Marsala, Professor für Politik an der Bundeswehr-Uni in München. "Eine Gruppierung wie die Hamas kämpft dagegen in der Regel nicht im klassischen Sinne. Und wenn sie kämpft, dann mit anderen Mitteln. Das heißt, sie kann Zivilisten als Schutzschilder benutzen. Sie kann die Medien benutzen, was die Hamas sehr gut macht."

Von Clausewitz über Mao

Oft wird in diesen Tagen das Wort "Krieg" verwendet, wenn vom Gazastreifen die Rede ist. Die Bilder von einschlagenden Raketen und den Opfern mag diesen Eindruck vermitteln. Auch die schiere Dauer des Konflikts, der jetzt schon viel länger verläuft als ein herkömmlicher Militärschlag. Doch was sich momentan im Nahen Osten abspielt, hat wenig mit dem alten Bild von zwei sich bekämpfenden Staaten zu tun, das immer noch die Vorstellung vieler Europäer von "Krieg" prägt. Im asymmetrischen Krieg kann die schwächere - und oftmals nicht-staatliche - Partei allein schon dadurch zum Sieger werden, wenn sie nicht völlig aufgerieben wird. Beispiel Gaza: Der Militärschlag der Israelis könnte mittelfristig zu einer Radikalisierung der palästinensischen Bevölkerung führen. Jeder Palästinenser, der von den israelischen Streitkräften getötet wird, steigert die Wut. Jeder Bombeneinschlag liefert Bilder, die in die ganze Welt transportiert werden können - um auch im Ausland die Ablehnung der israelischen Politik zu schüren. Die asymmetrische Kriegsführung ist keine arabische Erfindung. Bereits im 19. Jahrhundert schrieb der preußische General Carl von Clausewitz in seinem Hauptwerk "Vom Kriege" über die "Volksbewaffnung". Mao systematisierte verschiedene Ansätze in den 20er und 30er Jahren, als seine kommunistischen Truppen gegen das republikanische China kämpften. Das Ziel: Wenn die schwächere der beiden Konfliktparteien schon keinen militärischen Sieg davon tragen kann, muss sie alles daran setzen, um den Feind durch Nadelstiche gezielt zu schwächen. Dazu gehört auch, dass man den Feind genau studiert. Dieser Ansatz ging als "Guerilla-Theorie" in die Geschichte ein. Die USA verloren in Vietnam einen asymmetrischen Krieg, bei dem zwei Millionen Vietnamesen, aber nur 60.000 Amerikaner starben.

Das Ziel: überall und nirgends

Die Kampfhandlungen sind für die überlegene Kriegspartei schwer planbar - weil das Ziel überall ist und doch nirgendwo. Das erlebten die USA im Dschungel Vietnams, auch in Gaza ist es kaum anders, wo die Israelis in verlustreiche Häuserkämpfe verwickelt werden könnten. "Die Kämpfer der Hamas sind nicht organisiert wie eine Brigade einer Armee. Ihnen fehlt zum Beispiel eine Uniform. Sie wissen nicht, wer Kämpfer ist", sagt Carlos Marsala. "Sie werden nie in der Lage sein, diejenigen, die für die Hamas bereit sind zu kämpfen, zu vernichten. Sie können die Hamas nur schwächen."

Zudem sind Bilder und Nachrichten in der Mediengesellschaft zum adäquaten Waffenersatz geworden. Das weiß auch die Hamas. "Auf der Ebene des Propagandakriegs verliert der Staat immer. Er hätte nur Chancen, wenn er alle moralischen Bedenken in der Kriegsführung beiseite legen würde und auf eine komplette Vernichtung des Gegners abzielen würde. Das wird aber von keiner Gesellschaft mehr akzeptiert", so Marsala. "Das meist diskutierte Thema sind doch die toten Zivilisten im Gaza. Die israelische Gesellschaft befürwortet den Einsatz im Gaza mehrheitlich, aber in dem Moment, in dem die Zivilisten getötet werden, bekommt sie Skrupel."

Keine Patentlösung

Eine Patentlösung gibt es in solchen Konflikten nicht. Nur wenn die Hamas vernichtet würde oder den Rückhalt in der Bevölkerung verlöre, könnte Israel einen Hebel in die Hand bekommen. Doch das ist momentan unwahrscheinlicher denn je. "Eine Option ist, dass man eine internationale Friedenskonferenz einberuft, unter Einbeziehung der Hamas", sagt Carlo Marsala. "Aber auch das wäre ihr Sieg, weil sie als politische Organisation gestärkt wird".

  • Sebastian Christ