Gesundheitspolitik Viele Psychiater, viele Depressionen


Mit dem Gesundheitsfonds treten neue Honorarregeln für niedergelassene Ärzte in Kraft. Künftig bekommen sie mehr Geld, je mehr Menschen in ihrer Region krank werden. Die Konsequenz lässt sich jetzt schon erahnen. Die Statistik belegt: Ärzte schaffen sich ihre Kundschaft mitunter selbst.
Von Andreas Hoffmann

Mit dem Gesundheitsfonds, der am 1.1.2009 in Kraft treten soll, werden auch die Krankenkassenbeiträge steigen - auf etwa 15,5 Prozent. Wozu braucht brauchen Kassen und Regierung das zusätzliche Geld? Zum Beispiel für die niedergelassenen Ärzte. Für sie sollen vom gleichen Zeitpunkt an neue Honorarregeln gelten. Bislang hängen die Honorare davon ab, wie viel die Menschen in einer Region verdienen. Wuchsen die Löhne, wuchs auch das Honorar der niedergelassenen Ärzte. Künftig erhalten die Mediziner mehr Geld, wenn die Menschen kränker werden. Erleiden etwa mehr Menschen in Hamburg eine Grippe, strömt mehr Honorar.

Eigentlich ist das vernünftig. Ein Arzt, der sich aufwendig um viele Rheumakranke kümmert, sollte dafür gut bezahlt werden. Aber das Prinzip ist auch verführerisch, weil es auf den Behandlungsdaten der Ärzte basiert, meint der frühere Vorsitzende des Bundestags-Gesundheitsausschusses Klaus Kirschner. Diagnostizierten viele Ärzte eine einfache Erkältung als Bronchitis, gilt der Mensch als kränker, was die Honorare steigen lässt. "Die Ärzte können den Geldschrank selbst öffnen", sagt er. Auch der Honorarfachmann vom Spitzenverband der gesetzlichen Kassen, Manfred Partsch, hält das Verfahren für manipulationsanfällig. "Irgendwann könnten wir ein Volk von Kranken sein."

Depressionen im Süden

Wie stark die Ärzte bereits heute die Häufigkeit von Krankheiten beeinflussen, zeigt das Beispiel Depression. Die Seele erkrankt aus verschiedenen Gründen. Der eine leidet, weil er an sich und seinen Fähigkeiten zweifelt. Der andere, weil er generell mutlos ist. Manchmal ist es auch einfach vererbt. Deswegen müsste sich die Zahl der Depressionskranken mehr oder weniger gleichmäßig über das Land verteilen.

Tut sie aber nicht, wie Erhebungen der Barmer Ersatzkasse zeigen. Deren Experten haben anhand von Arzt-Diagnosen und Arzneimittelabrechnungen ermittelt, wo die Krankheit hierzulande auftaucht. Nach ihren Berechnungen gibt es ein Nord-Süd-Gefälle. Im Osten und Norden Deutschlands leben wenig Depressive, dafür aber viele in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen sowie in Bremen, Hamburg und Berlin. Warum? Es sind vor allem die Psychiater. Berlin hat pro Bürger fast achtmal so viele wie das angrenzende Brandenburg, Hessen noch dreimal so viele wie Sachsen.

Kommt der Gesundheitsfonds, sollen die neuen Honorarregeln kommen - und dann wird sich dieser Trend wohl noch einmal deutlich verschärfen.

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