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Grüne feiern 30. Geburtstag: Kuschelparty ohne Rocker

Kreuzbieder, mit klassischer Musik und Chicorée-Salat, haben die Grünen in Berlin ihren 30. gefeiert. Viele ergraute Parteirabauken blieben der Party fern. Und auch Joschka Fischer hatte demonstrativ Besseres zu tun. stern.de hat ihn und seine politischen Erben beobachtet

Von Lutz Kinkel und Jens König

Joschka Fischer, 61, Ex-Außenminister, Ex-Obermotz der Grünen, Ex-Marathonläufer, steht gut im Futter, wie die Hessen so sagen. Unter seinem edlen braunen Anzug wölbt sich ein stattlicher Bauch. Diese Leiblichkeit erlaubt ihm allerdings, eine klassische Joschka-Fischer-Pose noch bequemer einzunehmen: Er legt seinen rechten Arm über den Bauch, stützt den Ellenbogen des linken Arms darauf und vergrübelt mit der linken Hand sein Kinn. In seinen Augen spiegeln sich Nachdenklichkeit, Distanziertheit, Ironie. Das passt. Denn an diesem Sonntag feiern die Grünen den 30. Jahrestag ihrer Gründung. Ohne Fischer.

Fischer, es ist kaum zu glauben, redet stattdessen auf dem Neujahrsempfang eines Gesellschaftsclubs, des Berliner Lions Districts "111 Ost-Nord", im Schöneberger Gasometer - eine Veranstaltung, auf die nie auch nur ein Mensch aufmerksam geworden wäre, wenn sich Fischer nicht angesagt hätte. Eine geschlagene Stunde muss er an einem der kleinen Bistrotischchen ausharren, während diverse Präsidenten der versammelten Lions-Clubs Ansprachen halten, Charity-Projekte vorstellen, die Neujahrstombola erklären, Herrn "Außenminister a. D." Fischer" begrüßen, sich bedanken und die allfälligen guten Wünsche für 2010 abwerfen. Fischer liest ein Flugblatt der Berliner Stadtmission, die diese Veranstaltung für die Spendenwerbung nutzt, blickt in die Runde, wer so da ist, und nimmt wieder seine Joschka-Fischer-Pose ein. Da kommt Friedbert Pflüger, Urgestein der Berliner CDU, den Fischer in seiner politisch-aktiven Phase gerne mit beißendem Spott überzogen hat, und reicht dem Grünen die Hand. Fischer schenkt ihm ein gnädiges Lächeln.

China, Leute denkt an China!

Endlich tritt er ans Redepult - nicht als Grüner, sondern als Vertreter des "Europäischen Energieforums", das rund um das Gasometer einen Campus bauen will, auf dem über die Energieversorgung der Zukunft nachgedacht werden soll. Fischer spricht frei, schlägt den ganz großen Bogen von der demografischen Entwicklung zum Ressourcenverbrauch bis hin zur Entwicklung Chinas und trichtert den etwa 200 anwesenden Lions-Freunden ein: "Energie wird die Zukunftsfrage werden". Nach zehn Minuten hat Fischer fertig. Er läuft zur Garderobe und holt seinen Mantel. Zeit für ein kurzes Gespräch.

stern.de: "Herr Fischer, warum sind Sie nicht bei der 30-Jahr-Feier der Grünen?"
Fischer: "Ich habe mich entschieden, einige Jahre voll Abstand zu nehmen."
stern.de: "Waren Sie etwa nicht eingeladen?"
Fischer: "Das weiß ich nicht. Aber selbst wenn ich eingeladen gewesen wäre, hätte ich abgesagt."
stern.de: "Aber warum? Das ist doch eine Feier, keine wirklich politische Veranstaltung."
Fischer: "So bin ich halt: stur."
stern.de: "Ich dachte, das Alter macht milde."
Fischer grinsend: "Bin ich auch."

Bio-Dünger und schwarzes Granulat

Es ist ist nicht nur Joschka Fischer, der auf der parallel stattfindenden Geburtstagsparty in der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung fehlt. Auch andere grüne Urgesteine lassen sich nicht blicken: Antje Vollmer, Otto Schily und Daniel Cohn-Bendit; Jutta Ditfurth, Angelika Beer und Thomas Ebermann. Alle fehlen. Das ruft in Erinnerung, wie stark der Aufstieg der Grünen von politischen Grabenkämpfen, persönlichen Rivalitäten und fehlendem gegenseitigen Respekt geprägt war. So haben nicht wenige der grünen Protagonisten von einst - wie Schily, Ditfurth und Beer - ihre Partei mittlerweile sogar verlassen.

Auch deshalb gerät die 30-Jahr-Feier zu einer harmonischen, gut bürgerlichen Sonntagsmatinee mit vielen Festreden und einem begleitenden Klavierkonzert; es ist eine besondere Ironie der Parteigeschichte, dass am Flügel die Konzertpianistin Agnes Krumwiede sitzt, die seit ein paar Monaten Bundestagsabgeordnete der Grünen ist. Ton, Steine, Scherben - auch das war gestern.

Die Verwandlung der Grünen von der einstigen "Anti-Parteien-Partei" in eine seriöse, hochkompetente, ein wenig langweilige regierungsfähige Partei ist ohnehin das Leitmotiv des Geburtstages. Die beiden Parteivorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir reflektieren das in ihren kurzen Reden auf ihre jeweils eigene Art. Die Linke Roth mit der Mahnung an die Partei, wieder "lauter und radikaler" zu werden, der Realo Özdemir mit dem Hinweis, dass in Zukunft mehr schwarz-grüne Koalitionen möglich sind, "wenn Leute von der rechten Mitte auf uns zukommen". Dazu passt, dass neben dem sozialdemokratischen Ex-Minister Olaf Scholz auch CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe einen Geburtstagsgruß überbringt. Gröhe schenkt den Grünen einen Bonsaibaum - mit Bio-Dünger und ein wenig schwarzem Granulat.

Beinahe eine Liebeserklräung vom CDU-Mann

Der Festredner des Tages, DFB-Präsident Theo Zwanziger, hob zuvor die Rolle der Grünen bei der Bekämpfung von Diskriminierung im Sport hervor und lobte ihren Widerspruchsgeist. Der CDU-Mann Zwanziger ("Ich bin 1970 in die CDU eingetreten. Damals gab es die Grünen ja noch nicht") hat die Ökopartei und seine Freundin Claudia Roth offenbar so sehr ins Herz geschlossen, dass er gleich zweimal in seiner amüsanten Rede eine schwarz-grüne Koalition auf Bundesebene ins Spiel bringt - obwohl er doch eigentlich nur gekommen ist, "um zu sehen, wie Doppelspitzen funktionieren". Es bleibt an diesem Tag dem grünen Gründungsmitglied Lukas Beckmann überlassen, an die Anfänge der Grünen und die daraus folgenden Konsequenzen für die Zukunft zu erinnern: Angesichts der ökologischen Bedrohung der Welt gehe es immer noch um eine "Transformation des Kapitalismus", die sich nicht auf Parteien, sondern auf die Kreativität und Eigenständigkeit der Bürger stützen solle. Spontaner Applaus.

Abgang Beckmann, das Buffet ist eröffnet. Grünen-Chefin Claudia Roth tummelt sich neben den Silberplatten mit Sellerie-Schnitzel, Pesto-Baguette und Chicorée-Salat. Zeit für ein kurzes Gespräch.

stern.de: "Frau Roth, warum ist Joschka Fischer nicht hier? War er nicht eingeladen?"
Roth: "Er war natürlich eingeladen."
stern.de: "Und warum ist er Ihrer Ansicht nach nicht gekommen?"
Roth: "Das ist mir egal. Ich hätte mich sehr gefreut, wenn er gekommen wäre. Aber das war immer seine Position: Jetzt sind die anderen dran und die muss man auch machen lassen."
stern.de: "Hätte er dann auch reden können?"
Roth: "Joschka hätte bestimmt etwas gesagt. Aber er ist nun mal nicht da. Das muss man respektieren: Selbstbestimmung ist ein hohes Gut in unserer Partei."

Rock'n'Roll war es auch mal.