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Grünen-Parteitag Fliegende Teppiche in Freiburg


Auf der Bundesdelegiertenkonferenz in Freiburg demonstrieren die Grünen Geschlossenheit. Angesichts steigender Umfragewerte stellt sich die Frage, welche Wege die Partei künftig nehmen wird.
Von Mathias Becker, Freiburg

Die gute Nachricht zuerst: Auch 2010 wird noch gestrickt auf einem Grünen-Parteitag. Die schlechte hinterher: Von den rund 750 Delegierten auf dem Bundestreffen schwingen nur zwei oder drei die Nadeln. Eine von ihnen ist Monika Hanke. Die 49-jährige Deutschlehrerin, strenger Kurzhaarschnitt zu buntem Halstuch, sitzt in der letzten Reihe von Halle 3 der Messe Freiburg und widmet sich purpurnen Stulpen. Weil Weihnachten vor der Tür steht, und, weil sie findet, dass ein selbstgemachtes Geschenk " Individualität ausdrückt".

Man sagt, es sei so ein "Wohlfühlfaktor" der die Grünen in Umfragen derzeit durch die Decke gehen lässt. 20 Prozent und mehr auf Bundesebene: Während Regierung, SPD und Linke jeweils an sich selbst scheitern, profitieren die Grünen möglicherweise auch von dem diffusen Gefühl, dass nachhaltiger Lifestyle irgendwie ganz okay ist. Doch es bleibt der Verdacht, dass ein Gutteil dieser Umfrage-Grünen Ökostrom toll findet, Tempo 120 aber für eine Spaßbremse hält. Werden die Biogemüse-Fans wieder abwandern, wenn die Vermögenssteuer vor der Tür steht? Möglicherweise droht den Grünen der Spagat zwischen ihren Kernthesen und denen der Neuwähler aus wohlhabenden Milieus.

Hausbesitzer und grüne Grundsatzfragen

Dass die Frage, wie "grün" umsetzbar ist, erst noch beantwortet werden muss, zeigte auch der kurze Auftritt einer kleinen charismatischen Frau aus Marzahn-Hellersdorf am Rande von Berlin. Drei Minuten Redezeit hatte Bernadette Kern - Zeit genug, ihre Parteifreunde daran zu erinnern, dass Ökoreformen sich nicht per Dekret verordnen lassen. Die Delegierte aus dem Problembezirk muss es wissen. Wo sie lebt, ist der Ökoboom noch nicht angekommen, die Grünen dümpeln bei fünf Prozent und in ihrem Job erlebt die 56-jährige Energieberaterin jeden Tag, dass das Prinzip "Strom sparen" vielen Menschen völlig fremd ist. "Wir müssen die Leute mitnehmen", sagt Kern und auch im Hinblick auf die Pläne zur Wärmedämmung. "Gerade die älteren Hauseigentümer im Osten haben kein Geld für die notwendigen Sanierungen", sagt sie.

Doch 30 Jahre nach ihrer Gründung rückten die vielen offenen Fragen zur Finanzierbarkeit grüner Forderungen in den Hintergrund. Lieber übte man sich in Nabelschauen, der Konferenzort bietet dazu gleich eine ganze Reihe von Anlässen. In seiner Begrüßungsrede erinnert Freiburgs grüner Oberbürgermeister Dieter Salomon an das Grüppchen, das 1975 nur 30 Kilometer nördlich von hier, im kleinen Örtchen Wyhl, mit den Protesten gegen den Bau eines Kernkraftwerks begann. Aus dem Grüppchen wurde die Anti-Atom-Bewegung. Sie verhinderte den Bau des Kraftwerks von Wyhl - und legt den Grundstein für den Atomausstieg ein Vierteljahrhundert später.

Rangelei unter Pazifisten

Und weil dieser kürzlich durch die von Schwarz-Gelb beschlossene Laufzeitverlängerung für AKWs verschoben wurde, erhielt eine Rednerin ganz besonderen Applaus. Martina Lammers, Grünen-Delegierte aus Gorleben, war nach fünf Tagen auf der Straße von der "Castor-Grippe" sichtlich geschwächt. Einen grellgrünen Schal um den Hals gewickelt und mit brüchiger Stimme bedankte sie sich bei ihrer Partei für die Unterstützung der Castor-Blockaden. "Wir haben einen langen Atem beweisen", sagte sie. "Und es hat sich gelohnt." Erleichterung war ihr auch angesichts der klaren Absage der Parteiführung zur Zukunft des Atommüllendlagers in Gorleben anzumerken. "Das ist vom Tisch", so Lammers. Nicht vom Tisch sind freilich die Fragen nach alternativen Standorten für den Atommüll sowie für Stromtrassen und Speicheranlagen, die beim Ausbau erneuerbarer Energien notwendig werden.

Von der ehemals so lebendigen Streitkultur der Grünen ist auf der diesjährigen Delegiertenkonferenz nicht viel zu spüren. Einzig eine kurze Sequenz auf der Leinwand erinnert an die vergangenen Zeiten. Die Szene ist Teil aus einem Film mit dem der Parteitag des im August verstorbenen bayrischen Landtagsabgeordneten Sepp Daxenberger gedenkt: Jemand schüttet Daxenberger ein Glas Wasser in den Nacken, prompt kommt es zur Rangelei. Ein paar Sekunden, die zeigen, wie es aussieht, wenn Pazifisten sich vergessen.

Roth zieht sich aus Olympia-Kuratorium zurück

Einzig bei der Frage nach der Olympiabewerbung von München tut sich ein kleiner Graben auf. Bei ihrer Bewerbung um den Parteivorsitz muss Claudia Roth ihre Zustimmung zu dem Projekt rechtfertigen. Die große Mehrheit der bayrischen Grünen kann sie nicht überzeugen. "Es gibt 160 Bauern, die nicht bereit sind ihre Grundstücke für den Bau von Spielstätten zu verkaufen", sagt die Münchner Delegierte Anna Seliger. Zudem sei der Standort nicht hoch genug gelegen, der Schnee müsste mit importiert werden. "Kritische Fragen habe ich dazu noch nicht vernommen", so Seliger. Schließlich kassiert Roth eine Schlappe: Die Mehrheit der Delegierten spricht sich gegen die Bewerbung für die Spiele im Jahr 2018 aus. Nach dem Nein kündigt die Parteichefin an, sich aus dem Olympia-Kuratorium zurückzuziehen.

Bei der Wahl zur Bundesvorsitzenden muss Roth sich schließlich mit 79,3 Prozent der Stimmen zufrieden geben. Ihr Amtskollege Cem Özdemir kommt auf 88,5 Prozent. Im Hinblick auf das Umfragehoch hatte der zu Beginn des Parteitags gesagt: "Wir bleiben auf dem Teppich, auch wenn die Thermik ihn nach oben treibt." Dank seiner orientalischen Wurzeln kenne er sich mit fliegenden Teppichen aus. Ob es, wie bei der Thermik, nur heiße Luft ist, von der die Grünen derzeit nach oben getrieben werden, kann keiner sagen. Aber das Superwahljahr 2011 kommt bestimmt.


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