HOME

Grünen-Vorsitz: Özdemir setzt auf Bildungspolitik

Volker Ratzmann zieht zurück, nun hat Cem Özdemir freie Bahn: Aller Voraussicht nach wird er neben Claudia Roth zum Bundesvorsitzenden der Grünen gewählt. Wohin will der Deutsch-Türke seine Partei steuern? Und wie denkt er über die heikle Frage, mit wem die Grünen koalieren sollten?

Von Hans Peter Schütz

Liebevoller kann ein politischer Kampf nicht zu Ende gehen. Volker Ratzmann zog seine Kandidatur für den Bundesvorsitz der Grünen zurück. Der Grund: Er wird im März kommenden Jahres Vater und möchte seine neue Rolle voll ausleben. Auch weil die Mutter die grüne Bundestagsabgeordneten Kerstin Andreae ist, die 2009 erneut für den Bundestag kandidieren will. Der schwäbisch-türkische Grüne Cem Özdemir kann sich jetzt konkurrenzlos um das Spitzenamt der grünen Bundespartei bewerben.

Ein Ergebnis, mit dem die Grünen vermutlich gut leben können. Claudia Roth ist und bleibt die Frau in der grünen Partei-Doppelspitze. Ihr jetziger Mitspieler Reinhard Bütikofer wird nächstes Jahr für das Europaparlament kandidieren. Sein Nachfolger Özdemir sagt gerne über Roth, sie sei "das Herz der grünen Partei." Und Cem Özdemir somit der Kopf?

Natürlich würde Özdemir dergleichen nicht öffentlich sagen. Aber vielleicht denken. Allerdings weiß er zu gut, dass die Doppelspitze der Grünen nur als Team funktioniert und garantiert schief läuft, wenn einer versucht, sich auf Kosten des anderen zu profilieren. Also wird die künftige Führungswelt der Grünen wieder in bewährter Weise ausbalanciert sein: Hier die emotional-linksgrüne Claudia Roth, dort der ausgewiesene Realo Cem Özdemir.

Hunzingers Kredit

"Bei uns gibt es kein lebenslänglich", hat der grüne Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Fritz Kuhn, einmal über Özdemir gesagt. Sollte heißen: Er hat genug gebüßt für alte politische Sünden. 2002 war Özdemir über einen besonders zinsgünstigen 80.000-Mark-Kredit des dubiosen PR-Managers Moritz Hunzinger gestolpert - und über die private Nutzung von Bonusmeilen, die er auf Dienstflügen gesammelt hatte. Özdemir legte daraufhin sein Bundestagsmandat nieder und nahm eine Auszeit. 2004 zog er für die Grünen im Europaparlament. Sehr zufrieden war er damit nie, denn anders als in Berlin kann man als Grüner in Brüssel und Straßburg kaum öffentlichkeitswirksame Akzente setzen.

Das wird jetzt in Berlin für ihn sehr viel leichter werden. Denn reden kann er brillant. Der öffentliche Auftritt liegt ihm. Der bundesweit bekannte Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer schwärmt förmlich über seinen Freund Cem. Er sei der "geradezu ideale Kandidat, weil er der Partei ein Gesicht geben kann und über ein großes Maß an praktischer Politik-Erfahrung verfügt". Offen ist allerdings noch, ob Özdemir in Baden-Württemberg einen sicheren Platz auf der Landesliste ergattern kann, um neben dem Parteivorsitz auch ein Bundestagsmandat zu bekommen, was er unbedingt möchte.

Eine Bleibe in Kreuzberg

Özdemir scheint mit einem Sieg über Ratzmann fest gerechnet zu haben. Denn er lebt mit Frau und Kind schon seit einiger Zeit in Berlin. Nicht irgendwo in feiner Gegend, sondern mitten in Kreuzberg, unmittelbar am berüchtigten Kottbusser Tor, wo Junkies, Hartz-IV-Empfänger und Immigranten das Straßenbild prägen. "Wenn mich die Taxifahrer nach Hause bringen, fragen sie mich oft: Soll ich hier nicht auf sie warten, bis sie haben, was sie suchen", sagt er.

Auch thematisch hat sich Özdemir in den vergangenen Monaten bereits gründlich auf seine Rückkehr in die Bundespolitik vorbereitet. "Das Wählerpotenzial der Grünen beträgt 30 Prozent - in der Theorie," sagt er. Um es besser auszuschöpfen, setzt er neben der Klimapolitik vor allem auf die Bildungspolitik. "Wir Grünen müssen in diesem Bereich zur Anlaufadresse werden," fordert er. Nicht länger dürfe akzeptiert werden, dass schon im vierten Grundschuljahr mit fortan getrennten Schulwegen über die Lebenschancen entschieden werde. "Wir müssen ein Schulsystem schaffen," sagt der im baden-württembergischen Bad Urach 1965 als Sohn türkischer Eltern geborene Politiker, "das auf die ökonomischen Verhältnisse im Elternhaus und die Herkunft der Kinder Rücksicht nimmt." Nicht akzeptabel sei es, dass beispielsweise in Bayern die Kinder von Eltern aus dem Mittelstand sechsmal größere Chancen hätten auf das Gymnasium zu kommen als Kinder aus sozial schwachen Familien.

Hessen ist für die Grünen schwierig

Mit sehr gebremster Begeisterung blickt Özdemir auf die hessischen Verhältnisse. Man müsse sich genau anschauen, wie sich die Dinge dort entwickelten. Ihn beschäftigt vor allem eine Frage: "Wie schaffen wir es, dass trotz des Vordringens der Linkspartei die Unverwechselbarkeit der Grünen gewahrt wird?" Problematisch sei für die Grünen, dass sie in so vielen politischen Konstellationen arbeiteten - mit der CDU in Hamburg, mit der SPD in Bremen und möglicherweise in einem Linksbündnis in Hessen - dass ein verschwommenes Bild seiner Partei entstehen könne. Gleichwohl denkt auch Özdemir über ungewohnte Bündnisse nach - Jamaika, zum Beispiel. "Die FDP ist für uns die größere Kröte als die CDU", sagt er mit Blick auf die Bundestagswahl 2009.

Für das Profil seiner Partei will Özdemir nun kämpfen. Und zwar an der Seite von Volker Ratzmann. Denn dessen Rückzug aus der vorderen Reihe bedeutet keineswegs einen Rückzug aus der Politik.