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Viraler Facebookpost: "Nicht ansatzweise richtig" – Polizist schreibt emotionalen Brief zum Hambacher Forst

Wie denken Polizisten selbst über die Räumung des Hambacher Forsts? Ein anonymer Polizist hat in einem offenen Brief seine Gedanken aufgeschrieben haben. Der Inhalt wird im Netz kontrovers diskutiert.

Video: Vorbereitungen für Rodung des Hambacher Forstes laufen

Erst vor wenigen Tagen hat die mitgeteilt, dass das letzte Baumhaus im Hambacher Forst geräumt wurde. Wochen hatte die teilweise gewalttätige Auseinandersetzung zwischen Umweltaktivisten und der Polizei, die auch vom Todesfall eines Journalisten überschattet wurde, angedauert. Nun ist der Weg für den Energiekonzern RWE frei, den umkämpften Wald für die Braunkohleproduktion zu roden. Im Zuge der Berichterstattung über den Hambacher Forst standen vor allem die Umweltaktivisten und ihre Forderungen im Mittelpunkt.

Polizeieinsatz im Hambacher Forst

Hambacher Forst: Mit einem Großaufgebot wurde die Räumung der Baumhäuser durchgesetzt

DPA

Hambacher Forst: Polizist spricht über Gewissenskonflikte

Vergangene Woche hat sich auf der Webseite "Polizist=Mensch", die sich häufig für die Rechte von Polizisten stark macht, ein Polizist anonym zu Wort gemeldet. Der stern konnte die Identität des Mannes mittlerweile bestätigen und hat ein Interview mit dem Polizisten geführt. (Das Interview können Sie hier lesen.) In einem emotionalen Brief drückt der Beamte seine Gewissenskonflikte aus und erklärt, warum er selbst nicht an der Räumung der Baumhäuser teilgenommen hätte. Der offene Brief hat in den sozialen Medien hohe Wellen geschlagen. Ein "Polizist=Mensch"-Facebookpost mit dem Text wurde über 6700 Mal geteilt und hundertfach kommentiert.

Gedanken eines Polizisten zum Einsatz im Hambacher Forst: Zwischen Gerichtsurteil und Lebensraum "Nachdem der Konflikt...

Gepostet von Polizist=Mensch am Freitag, 28. September 2018

Der Brief des anonymen Verfassers, der mit "Gedanken eines Polizisten zum Einsatz im Hambacher Forst: Zwischen Gerichtsurteil und Lebensraum" überschrieben ist, beginnt sehr emotional. "Es macht mich wütend, zu sehen, wie Kollegen und Kolleginnen dort im Wald vor einen Karren gespannt werden, den sie nicht ziehen sollten. Die Polizei sieht sich vielfach mit dem Vorwurf konfrontiert, zum Handlanger einer Firma zu werden. Klar, das nervt." Dann erhebt der Verfasser die Stimme für die Aktivisten und zeigt sich verständnisvoll. Er zweifelt das Gerichtsurteil, welches Grundlage für die Räumung des Waldes in Nordrhein-Westfalen ist, an und erklärt, dass, nur weil ein "Gerichtsurteil zugrunde liegt, es noch lange nicht richtig" sein muss.

Außerdem könne er nicht fassen, wie "ignorant seitens der Politik und Wirtschaft" vorgegangen werde. Ausdrücklich stellt er sich zwar gegen "Chaoten, die Gewalt ausüben", solidarisiert sich dann aber mit dem Protest. "Es wäre äußerst leichtfertig, diese Leute als 'linke Spinner' abzustempeln. Immerhin machen sich Menschen Gedanken und ich bin froh über jeden, der das tut." Besondere Gewissensbisse habe er, wenn er an die Zukunft seines dreijährigen Sohnes denke. Sein Sohn verstehe, dass sein Papa als Polizist "Menschen hilft und Räuber fängt". Das mache seinen Sohn stolz. Doch dann fragt sich der Verfasser, was er seinem Sohn wohl sagen müsse, wenn dieser irgendwann mit Staubmaske herumrennen müsse, weil "hundert andere Rodungen" durchgesetzt wurden.

Einsatz im Hambacher Forst "nicht ansatzweise richtig"

Weil er als Beamter nicht streiken darf, schreibt der Polizist, dass er seinem Dienstgruppenleiter bei einem Gespräch erklärt habe, dass er – sofern er an dem Einsatz beteiligt gewesen wäre – eine Krankschreibung eingereicht hätte. Auch seine Kollegen, die mit ihm am Tisch saßen, hätten den Polizeieinsatz als "nicht ansatzweise richtig" empfunden. Er schließt seinen mit der Hoffnung, dass die Rodung doch noch irgendwie verhindert werde und "in den Köpfen derer, die diese Welt lenken, endlich Vernunft einkehrt".

Weil dieser Text und weitere in den letzten Tagen veröffentlichte Texte zum Hambacher Forst auf der Facebookseite "Polizist=Mensch" neben viel positivem Feedback auch für viel Hass und drastische Anfeindungen gegen Polizisten gesorgt habe, veröffentlichte der Seitenbetreiber am Dienstag ein Statement. Darin nimmt er Bezug zu den Hasskommentaren und schreibt über das Verhältnis von Rechtsstaat und moralischen Vorstellungen. Die Stellungnahme können Sie hier lesen. 

Hinweis der Redaktion: In einer ursprünglichen Version des Artikels haben wir zunächst geschrieben, dass der Brief von einem angeblichen Polizisten verfasst wurde. Mittlerweile konnte der stern den Verfasser ausfindig machen, sich die Identität bestätigen lassen und hat mit ihm ein Interview geführt.

Notärzte versorgen einen Mann, der von einem Baumhaus im Hambacher Forst gefallen war. Er überlebte nicht.
hh
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