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Kommentar

Nacht der Gewalt in Hamburg: Darum konnte die Polizei nicht anders

Hat die Hamburger Polizei die Bürger im Schanzenviertel im Stich gelassen, als der Mob das Kommando übernahm? Nein, es ging nicht anders. Im Stich gelassen werden die Hamburger von anderer Stelle.

Es gab keine Toten. Das ist vielleicht die beste Nachricht der Nacht vom 7. auf den 8. Juli in .

Die bangen Stunden werden sich dennoch ins kollektive Gedächtnis der Stadt einbrennen. Entsetzte Gesichter bei Passanten, verängstigte -Nachrichten von Freunden und Verwandten, sorgenvolle Fragen: "Bist du in Sicherheit?" Die Bürger der Stadt hatten ein Gefühl, dass sie in dieser Form noch nicht kannten: das Gefühl des völligen Kontrollverlustes des Staates. Eine Lage, in der sich niemand mehr sicher fühlt. Alles Undenkbare war plötzlich denkbar.

Befeuert wurde dieses Gefühl vor allem von den Nachrichten und Bildern aus dem Hamburger Schanzenviertel, in dem ein marodierender Mob von Straftätern das Kommando übernahm und in das sich die , immerhin mit gut 20.000 Beamten im Einsatz, über Stunden nicht mehr hineintraute.

Anwohner waren hilflos ausgeliefert

Die Straftäter drangen sogar in Wohnhäuser ein, Menschen gerieten in Panik und verbarrikadierten sich in ihren Wohnungen. Hilfe nicht in Sicht, den Gewalttätern ausgeliefert.

Hamburgs Polizeisprecher  - seit Tagen im Dauereinsatz - wird im Verlauf des Abends um Verständnis bitten: Wegen der hohen Gefahr für die Beamten habe die Polizei nicht sofort eingreifen können. Sie habe unter anderem Erkenntnisse gehabt, dass von den rund 1500 Militanten Gehwegplatten und Molotow-Cocktails auf Dächern platziert wurden.

Es gibt Kritik an der Polizei, auch Gerüchte: Wollte man die erwarteten Krawalle in einem Stadtteil konzentrieren? Sollte die Polizei mit der Stürmung der Schanze abwarten, bis die Staatsgäste aus der Elbphilharmonie in Sicherheit gebracht worden sind? Gab es zu wenig Einsatzkräfte, um die Bürger zu schützen? Diese und andere Fragen müssen in den nächsten Wochen aufgearbeitet werden.

Doch, was auch immer zu der Situation führte und bei aller Verzweiflung der Anwohner: In der konkreten Lage, die sich im Laufe des Abends im bot, muss man das von Zill eingeforderte Verständnis für das späte Eingreifen der Polizei aufbringen:

Es galten keine Regeln mehr

Denn auf der einen Seite des Konflikts standen Kriminelle, die offenbar auch den Tod von Menschen in Kauf nehmen, auf der anderen Seite die Polizei mit zum Teil sehr jungen Beamten. Viele von ihnen waren schon am Nachmittag nach vielen Stunden Einsatz in der prallen Sonne völlig erschöpft, ausgelaugt und von der Politik verheizt.

Sie standen einer Dimension der Gewalt gegenüber, die weder hartgesottene Bereitschaftspolizisten aus Berlin oder Hamburg kannten, geschweige denn ihre Kollegen aus verhältnismäßig ruhigen Bundesländern. Denn das, was sich im Schanzenviertel abspielte, war nicht der 1. Mai oder eine Spielart der schon zigfach in dem Stadtteil ausgetragenen Konflikte. Es gab überhaupt keine Regeln mehr. stern-Reporter berichteten von bürgerkriegsartigen Häuserkampf-Szenen. Selbst Vertreter des kampferprobten linksautonomen Zentrums "Rote Flora" gingen auf Distanz zu dem Gewaltexzess. Dafür sind Polizisten, die ansonsten zum Beispiel Volksfeste bewachen, weder ausgebildet noch ausgerüstet.

Und so war es logisch, dass die Polizeiführung erst alle verfügbaren Kräfte von den anderen Schauplätzen der Stadt zusammenzog, schweres Gerät auffahren ließ und spezialisierte, hochgerüstete Spezialeinheiten am Rande des Schanzenviertels postierte. Andere Beamte riegelten das Viertel von außen ab. Nur so konnte die Polizei verhältnismäßig schnell vorrücken und das Gebiet nach und nach wieder unter Kontrolle bringen, die Anwohner aus der Geiselhaft der Militanten befreien. Und auch so ein Einsatz muss erst einmal gut geplant werden - zumindest das ist der Polizei offenbar gelungen.

G20 ist ein Fiasko für Polizei und Politik in Hamburg

Wäre die Polizei überstürzt und mit weniger starken Kräften in das Schanzenviertel vorgerückt, hätte sie sich womöglich nur in kleineren Scharmützeln verheddert - ein aussichtsloses und gefährliches Unterfangen.

So gebührt den eingesetzten Beamten Dank und Respekt der Hamburger für diesen Einsatz, auch wenn sie nur einen Bruchteil der Straftäter festnehmen konnte. Was im Vorwege schiefgelaufen ist, welche Fehler die Polizei schon vor dem G20-Gipfel und an anderer Stelle gemacht hat, das steht auf einem anderen Blatt.

Der G20-Einsatz ist so oder so zu einem Fiasko für die Polizeiführung geworden. Sie hat die Bürger trotz vollmundiger Ankündigungen nicht schützen können und wird daraus Konsequenzen ziehen müssen.

Das größere Problem ist jedoch ein anderes: Seit Jahren schon versucht der Senat um Bürgermeister Olaf Scholz in abgehobener Großmannssucht, Hamburg in die erste Liga der Weltstädte zu drücken. Ganz offensichtlich überfordert diese Rolle die Stadt und ganz offensichtlich wollen die Hamburger diese Rolle auch nicht.

Am Sonntag, wenn der Spuk hoffentlich vorbei ist, wollen Tausende von ihnen gemeinsam ihre Stadt aufräumen.

Sie sollten im Rathaus anfangen. Erster Stock rechts: Bürgermeister-Amtszimmer.