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Trauer um den Altkanzler Helmut Schmidt starb, wie er es wollte: in seinem Bett zu Hause


Er galt als Macher und Krisenmanager und war bis zu seinem Tod einer der populärsten Politiker in Deutschland. Nun ist der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt mit 96 Jahren in Hamburg gestorben - zu Hause in Hamburg-Langenhorn.

Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt ist tot. Der SPD-Politiker starb nach Angaben seines Arztes Heiner Greten am Dienstagnachmittag im Alter von 96 Jahren in Hamburg. Schmidt war Hamburger durch und durch: Der Sohn eines Volksschullehrers war am 23. Dezember 1918 im Arbeiterviertel Barmbek in der Hansestadt zur Welt gekommen.

Schmidt sei gestorben, wie er das wollte: in seinem Bett zu Hause - und ohne Schmerzen, zitierte die "Bild"-Zeitung den Arzt. "Ich stand an seinem Bett, als er starb, es war gegen Viertel vor Drei", sagte Greten. Schmidt sei nicht mehr zu Bewusstsein gekommen. "Er hat ganz einfach aufgehört zu leben. Leiden musste er nicht mehr", fügte der Mediziner hinzu.

Schmidt sei friedlich und entspannt entschlafen, seine Lebenspartnerin Ruth Loah und seine Tochter Susanne seien im Haus gewesen. Er habe die beiden dazu geholt, damit sie sich verabschieden konnte, sagte der Arzt. "Wir standen alle um sein Bett herum“.

Vorbild der Deutschen bis ins hohe Alter

Auch im hohen Alter blieb Schmidt eine der am höchsten geachteten Persönlichkeiten des Landes: Laut Umfragen aus den vergangenen Jahren war er das größte lebende Vorbild der Deutschen, und auch bei der Frage nach dem bedeutendsten Kanzler der Bundesrepublik lag er vorne.

Der gebürtige Hamburger stand im Ruf eines schnörkellosen Pragmatikers. Der Lehrersohn und spätere Soldat im Zweiten Weltkrieg trat 1946 in die SPD ein und erwies sich schon nach seinem ersten Einzug in den Bundestag 1953 als forscher Redner - was ihm den Spitznamen "Schmidt-Schnauze" einbrachte.

Schmidt war von 1974 und bis 1982 als Nachfolger von Willy Brandt Bundeskanzler. In der Großen Koalition führte er von 1967 bis 1969 die SPD-Bundestagsfraktion und war danach Verteidigungs- und Finanzminister.

Als Kanzler war der Diplomvolkswirt unter anderem mit der weltweiten Ölkrise in den 70er Jahren und dem Kampf gegen den Terrorismus der "Roten Armee-Fraktion" konfrontiert. Auch die Auseinandersetzung um den Nato-Doppelbeschluss prägte Schmidts Kanzlerschaft.

Bis 1982 Bundeskanzler

Im Herbst 1982 scheiterte die von Schmidt geführte Koalition mit der FDP an Differenzen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Durch ein konstruktives Misstrauensvotum wurde Helmut Kohl (CDU) am 1. Oktober 1982 zu seinem Nachfolger gewählt.

Seit 1983 war Helmut Schmidt Mitherausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit". Er schrieb zahlreiche Bücher und reiste für Vorträge um die Welt. Auch im hohen Alter waren seine Meinung und sein Rat gefragt und geschätzt. Schmidt erhielt zahlreiche Auszeichnungen, seine Bücher standen wochenlang auf den Bestseller-Listen.

Der Altkanzler - seit Jahrzehnten ein starker Raucher - war Anfang September in Hamburg wegen eines Blutgerinnsels am Bein operiert worden. Nach gut zwei Wochen verließ er das Krankenhaus und kehrte in sein Haus in Hamburg-Langenhorn zurück, wo er rund um die Uhr betreut wurde. Zum Verzicht aufs Rauchen wollten ihn die Mediziner im hohen Alter nicht mehr bewegen. Es mache "überhaupt keinen Sinn, ihm mit 96 noch das Rauchen zu verbieten", sagte einer der behandelnden Ärzte. Zuletzt hatte sich Schmidts Gesundheitszustand deutlich verschlechtert.

Beherztes Eingreifen bei der Sturmflut 1962

Von Schmidts politischer Laufbahn dürften vor allem zwei Bilder im Gedächtnis der Republik bleiben: Der junge, agile Hamburger Innensenator, der in der Sturmflut-Katastrophe vom März 1962 seinen Ruf als Krisenmanager erwarb. Und der würdevolle Staatsmann, der am 1. Oktober 1982 Helmut Kohl gratuliert, der ihn soeben per Misstrauensvotum als Kanzler gestürzt hatte.

Dass der glänzende Rhetoriker auch energisch zupacken konnte, bewies Schmidt bei der Hochwasserkatastrophe 1962 in seiner Heimatstadt. Als Hamburgs Innensenator leitete er die Rettungsmaßnahmen bei der verheerender Sturmflut mit mehr als 300 Todesopfern. Wegen seines beherzten Einsatzes damals galt der SPD-Politiker fortan als erfolgreicher Krisenmanager.

Seine Frau Loki, mit der 68 Jahre verheiratet war und die er seit der Schulzeit kannte, war am 21. Oktober 2010 im Alter von 91 Jahren gestorben. Im August 2012 bekannte sich Schmidt zu Ruth Loah als neuer Gefährtin. Sie zählte schon seit Jahrzehnten zu seinen Vertrauten. Tochter Susanne Schmidt, promovierte Volkswirtin und Finanzjournalistin, lebt mit ihrem Ehemann Brian Kennedy in England.

Angela Merkel erinnert sich noch gut an sein Agieren bei der Sturmflut

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) würdigte Schmidt als Vordenker der internationalen Zusammenarbeit. Vor der Unions-Bundestagsfraktion erinnerte Merkel nach Angaben von Teilnehmern am Dienstag zudem an seine Entscheidung zum Nato-Doppelbeschluss. Merkel sei in ihrer Würdigung auch sehr persönlich geworden: Sie habe etwa 1962 von der DDR aus beobachtet, wie er in der Sturmflut agiert habe. Ihre Familie - Merkel ist gebürtige Hamburgerin - habe Verwandtschaft in der Hansestadt gehabt, um die man sich Sorgen gemacht habe, sagte die Kanzlerin.

Die Abgeordneten von CDU und CSU erhoben sich nach dem Bekanntwerden des Todes von ihren Plätzen und gedachten Schmidt mit einer Schweigeminute.

SPD erfuhr bei Fraktionssitzung vom Tod Helmut Schmidts

Die SPD-Bundestagsabgeordneten erfuhren während der laufenden Fraktionssitzung vom Tod des früheren SPD-Bundeskanzlers und gedachten seiner spontan mit einer Schweigeminute. Der Hamburger hatte in der großen Koalition von 1967 bis 1969 selbst einmal die SPD-Bundestagsfraktion geführt.

SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann sagte zu den Abgeordneten, es sei nun leider eingetreten, was alle befürchtet hätten. Oppermann erinnerte an die letzte SPD-Parteitagsrede Schmidts 2011 in Berlin, wo dieser mahnende Worte zum Zustand Europas gefunden hatte. Vieles davon sei unverändert gültig.

Trauer in Langenhorn

Vor seinem Schmidts Haus in Hamburg-Langenhorn legten Menschen am Nachmittag Blumen nieder, einige zündeten Kerzen an. Auch zahlreiche Fernsehteams und Fotografen sammelten sich vor dem Klinkerhaus. Eine Nachbarin, die seit 40 Jahren in dem Viertel wohnt, zeigte sich vom Tod des Altkanzlers betroffen. "Wir waren in derselben Kirchengemeinde", sagte die 68-jährige Ulrike Brodersen-Siering. Ein Mann sagte, er sei extra aus Norderstedt gekommen. "Das war ein guter Mensch, der da von uns geht" sagte er.

anb/DPA/Reutes

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