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Ehemaliger Bremer Bürgermeister: Was macht eigentlich ... Henning Scherf?

Henning Scherf war von 1995 bis 2005 Bremer Bürgermeister – und fuhr gern mit dem Fahrrad zum Rathaus.

Henning Scherf: Was macht der ehemalige Bremer Bürgermeister heute?

Henning Scherf, 79, daheim in Bremen. Er lebt mit seiner Frau in einem Mehrgenerationenhaus

Haben Sie heute Morgen schon ein Glas heißes Wasser getrunken?

Ja, mehrere, ich trinke nur heißes Wasser. Ich habe das in China gelernt, seit 20 Jahren trinke ich nichts anderes, auch keinen Kaffee, keinen Alkohol.

Ist das ein Rezept für gutes Älterwerden?

Möglich. Alte Leute nehmen oft zu wenig Flüssigkeit zu sich. Meine persönliche Faustregel liegt bei zwei Litern am Tag. Das tut mir gut.

Sie sind ständig unterwegs, halten Vorträge, lesen Grundschulkindern vor, schreiben Bücher über das Älterwerden, kümmern sich um Ihre neun Enkel. Tut Ihnen das Pensum auch gut?

Ja, es ist eine positive Anstrengung, die mich am Leben hält und mir Spaß macht. Trotzdem will ich das etwas zurückfahren. Im letzten Jahr habe ich 200 Vorträge quer durch Deutschland gehalten.

Merken Sie das Alter überhaupt nicht?

Ich kann nicht mehr Marathon laufen, das habe ich früher gemacht. Ich habe mein Rennrad verschenkt und fahre jetzt gelegentlich E-Bike. Ansonsten bin ich für mein Alter sehr gut beisammen und sehe das als großes Geschenk. Ich bin seit mehr als 57 Jahren mit meiner Frau verheiratet, wir machen alles zusammen, das ist mein großes Glück.

Sie leben seit 30 Jahren in einem Mehrgenerationenhaus in der Bremer Altstadt und schwärmen häufig von diesem Modell. Gibt es auch mal Zoff im Haus?

Klar gab es über die Jahre mal Zoff, aber wir haben gelernt, darüber zu reden. Über Kräche und Missverständnisse kann man auch zusammenwachsen. Einige von uns sind von Anfang an dabei. Ich fühle mich pudelwohl in unserem Haus und möchte nicht mehr weg.

Sind solche WGs das Wohnmodell der Zukunft?

Es gibt in Deutschland immer mehr Alten-WGs, und ich werbe sehr dafür. Gerade denen, die allein wohnen und das als Bedrohung empfinden, empfehle ich, in eine Alten-WG zu gehen.

Sie waren als Bremer Bürgermeister sehr beliebt, wurden auch mal als "Oma-Knutscher" bezeichnet. Ist dieses Image für Sie okay?

Ja, das sehe ich sogar als Kompliment. Ich kenne so viele wunderbare, lebenserfahrene alte Frauen. Warum soll ich die nicht in den Arm nehmen?

Während Ihrer Zeit als Bürgermeister starb in Bremen ein mutmaßlicher Drogenhändler aus Sierra Leone, weil ihm in Polizeigewahrsam ein Brechmittel eingeflößt worden war. Damals und auch später noch haben Sie den Brechmitteleinsatz verteidigt. Wie blicken Sie heute auf diesen Tag zurück?

Ich bin mittlerweile sehr kritisch, was mein Verhalten angeht. Damals hatte ich gemeint, ich müsse die Praxis der Strafbehörden und der Polizei verteidigen. Heute sage ich: Der Mann war in Polizeigewahrsam und ist dabei zu Tode gekommen, das darf nicht sein. Ich hätte den Tod des Mannes zwar nicht verhindern können, aber ich spüre Schuld, weil ich seinen Tod damals nicht genügend betrauert habe.

Sie sind jetzt 79 Jahre alt. Denken Sie oft an den Tod?

Sicherlich mehr als früher. Aber ich habe mir vorgenommen, 100 zu werden – ich habe noch viel vor.

Ihre Partei, die SPD, hat ja jetzt Regierung vor. Wie finden Sie das?

In der Regierung Politik zu gestalten ist für die Menschen besser, als in der Opposition recht zu behalten.

Interview: Franziska Wolffheim
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