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Gauck gegen Wulff: Gewinner und Verlierer im Präsidentenpoker

Wulff im Glück, Gauck im Himmel, Merkel zog die Niete - und die neue Sprecherin von Horst Köhler? Nun ja. Abräumer oder Pechvogel: Hier ist die Liste.

Von Hans Peter Schütz

Gewinner: Christian Wulff
Weshalb hat er den Sprung zum Kandidaten fürs höchste Staatsamt so locker geschafft? Ein Jugendfreund hat seinen Politikstil einmal mit der Methode verglichen, mit der Wulff einst seine erste Ehefrau Christiane erobert habe: "Ziel erfassen, dann warten, bis sich die günstige Gelegenheit ergibt, und dann blitzschnell zupacken." *

Super-Gewinner: Joachim Gauck

Einen deutscheren Lebenslauf kann man nicht haben: Geboren in der braunen Diktatur, aufgewachsen in der roten Diktatur, für die gesamtdeutsche Freiheit gekämpft, jetzt Kandidat fürs ranghöchste deutsche Amt. Dass die Linkspartei ihn für unwählbar hält, beweist, dass in ihren Reihen auch 20 Jahre nach der Einheit einige noch immer nicht in Deutschland angekommen sind. Die Sympathien, die Joachim Gauck zuteil werden, dürften für seinen Sieg nicht reichen. Denn dann wäre Schwarz-Gelb am Ende. Gauck hat dennoch einen bemerkenswerten Teilsieg über die Machtlogik Merkels errungen.

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Verliererin: Angela Merkel

Kein Geringerer als der Chefredakteur des Berliner "Tagesspiegel" hat ihren Nachnamen politisch definiert: "M für Macht, e für erschöpfend, r für rigoros, k für kaltblütig e und l für extrem leidensfähig." Zwar stehe die Kanzlerin jetzt noch im Zenit. Aber: "Nach dem Zenit beginnt der Abstieg. Früher oder später. Das ist ein Naturgesetz." Dürfte der Naturwissenschaftlerin Merkel bekannt sein.

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Gewinner: Olaf Glaeseker

Als Jugendlicher war er niedersächsischer Meister im Weitsprung. Jetzt ist Olaf Glaeseker der größte politische Sprung gelungen: Christian Wulff, dem er als Staatssekretär und Regierungssprecher seit zehn Jahren dient, soll Nachfolger von Köhler werden und Glaeseker ihn ins Schloss Bellevue begleiten. Denn er hat als Freund und Chefberater den "Wohlfühl"-Wulff entscheidend mitgestaltet. Er hat ihn überredet, im stern zuzugeben, dass er kein "Alphatier" sei. Dass ihm der "unbedingte Wille zur Macht" fehle. Der Medien-Darling Wulff wäre ohne Glaeseker nie möglich gewesen, sagen Kenner.

Wer soll Bundespräsident werden?

Glaeseker schrieb einst für die Oldenburger "Nordwest-Zeitung", Wulffs Heimatblatt. In Bayern und Baden-Württemberg kennen auch viele den Journalisten Glaeseker: Aus Bonn berichtete er einst für die "Augsburger Allgemeine", den "Schwarzwälder Boten", die "Heilbronner Stimme" und den "Mannheimer Morgen". Zu Wulff ging er, weil er mit seiner Frau, auch sie Journalistin, nicht von Bonn nach Berlin umziehen wollte. Jetzt muss er an die Spree.

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Verlierer: Volker Kauder

Angela Merkel ist bekanntlich durch den Köhler-Rücktritt um den schönen PR-Termin eines Besuchs bei der Fußball-Nationalelf in Südtirol gebracht worden. Krisenbewältigung ging vor. CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder musste aus dem tiefsten Anatolien nach Berlin zurückeilen und verpasste einen Besuch im berühmten syrisch-orthodoxen Kloster Mor Gabriel. Auch nicht erfreulich. Viel schlimmer jedoch: Er konnte wg. Köhler nicht am Familienausflug der baden-württembergischen Bundestagsabgeordneten ans Grab des Apostels Jacobus im spanischen Santiago de Compostela teilnehmen. Die pilgerten ein kurzes Stückchen auf dem berühmten Jakobsweg. Dass dies gerade jetzt stattfand, hatte tieferen Sinn. Weil der Jakobstag am 25. Juli auf einen Sonntag fällt, ist 2010 ein Heiliges Compostelanisches Jahr. Wer da pilgert, bekommt alle Sünden erlassen, heißt es seit dem Mittealter. Auch politische Sünden, wie Kauder gehofft haben könnte, so er welche begangen hat? Der CDU-Abgeordnete Gunther Krichbaum räumte gegenüber stern.de fröhlich ein: "Schön wäre es schon - jetzt wissen sie, weshalb wir das machen."

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Gewinner: Jens Böhrnsen

Wer kannte vor einer Woche schon Jens Böhrnsen? Jetzt amtiert der 60-jährige SPD-Bürgermeister von Bremen nach dem abrupten Abgang von Köhler bis zum 30. Juni als Präsident. Ein "Privileg" sei das, räumt er ein. Und darf jetzt hoffen, auf sehr spezielle Weise davon zu profitieren: Dass er endlich bei den bremischen Bürgern in Sachen Popularität zu seinem sehr beliebten Amtsvorgänger Henning Scherf aufschließen kann, den er vor fünf Jahren abgelöst hat. In Bremen verkauft die Puppenmacherin Margrit Bartsch-Busche Hampelmann-Puppen von den lokalen Polit-Promis. Scherf ging bisher weg wie die bekannten Semmeln, Böhrnsen (8,50 Euro teuer) blieb liegen wie Blei. Jetzt soll er auf Präsidentenformat gebracht werden - "größer und mit schlankeren Beinen", sagt die Präsidentenpuppenmacherin. Das passe besser zur Würde des Amtes.

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Vielleicht-Verliererin: Petra Diroll

Köhler hatte die Journalistin Petra Diroll als neue Sprecherin engagiert - aber an ihrem ersten Arbeitstag trat er zurück. Jetzt hat die bundespolitisch erfahrene Journalistin bis Mitte Juli einen nur sechs Wochen laufenden Vertrag. "Ich bin nicht Sprecherin des Präsidenten, sondern Sprecherin des Präsidialamts." Sie blickt dennoch gelassen in die Zukunft. Zu stern.de sagte sie: "Jetzt weiß jeder, dass ich einen Job suche." Denkbar auch, dass sie neben Glaeseker im Schloss Bellevue bleibt.

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Gewinner: David McAllister

Er soll Wulffs Nachfolger als Ministerpräsident in Niedersachsen werden. Dann wäre er der erste Ministerpräsident mit zwei Staatsbürgerschaften, der deutschen und der britischen. Geheiratet hat er im Schottenrock. Wird er nach seinem Nachnamen gefragt, antwortet er: "Ist doch ganz einfach. Großes M, kleines c, großes A - genau wie McDonald's."

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Verlierer und Gewinner: die CDU

Die Partei verliert nach Roland Koch und bald wohl auch Jürgen Rüttgers noch einen Ministerpräsidenten und ihren derzeit letzten potentiellen Kanzlerkandidaten: Christian Wulff. Weg ist damit auch ein Mann, der, zumindest in jungen Jahren, die Gesinnungsfreunde unerschrocken gerügt hat. Mal riet er einem Landesparteitag, die Vorhänge im Saal vor die Fenster zu ziehen. Denn das Schauspiel, das die Partei biete, sei so jämmerlich, dass junge Menschen abgeschreckt würden. Noch frecher: Er sagte mal, es sei gar nicht so schlimm, dass unter den CDU-Bundestagsabgeordneten so viele Flaschen wären - wenn man nur Pfand dafür bekäme. Gewinnen kann die CDU einen Bundespräsidenten. Der muss aber im Amt über der Partei stehen.

  • Hans Peter Schütz