Interview "Diese ganze Generation ist eine Fehlbesetzung"

Kein Anstand, keine Kenntnis, kein Augenmaß - Wilhelm Hennis, der große alte Mann der Politikwissenschaft, ist von der heutigen Elite zutiefst enttäuscht. Eine Generalabrechnung.

Haben Sie vergangene Woche gesehen, wie Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, im Mannesmann-Prozess die Hand zum Siegeszeichen hob und lachte?

Ja, das ist die Arroganz der neuen Machtschicht, für die so ein Gericht unter ihrer Würde ist. Die denken: Wir schaffen die Werte, und diese kleinen Krötenzähler zerren uns vor Gericht.

Warum empfinden viele Bürger diese Pose als so provokativ?

Weil sie spüren, wie weit dieser Typus, den man ja auch in der Politik findet, abgehoben ist vom so genannten einfachen Mann. Der hat es nicht gerne und hat es nie gerne gehabt, wenn die Mächtigen übermütig werden und den großen Herren herausstellen. Den Herrenmenschen kennen wir schon aus der Wilhelminischen Zeit, er gehört zum Standardrepertoire des Deutschen. Der kleine Mann weiß zwar, dass Führung sein muss, aber er hat es nicht gerne, wenn sich der Chef, egal ob in der Firma oder in der Politik, über die anderen erhaben fühlt. Man schätzt andererseits aber auch nicht den Kumpeltyp, der jedem auf die Schulter haut, alle duzt und heute in der deutschen Politik so verbreitet ist. Der einfache Mann hat ein Gespür dafür, wie ernsthaft doch die Aufgabe ist, die jene haben, die über Milliarden entscheiden oder Gesetze machen.

Streitbarer Gelehrter

Professor Wilhelm Hennis, 80, ist einer der renommiertesten Politologen in Deutschland. Er war Assistent bei Carlo Schmid und später Professor für Politikwissenschaft in Hamburg, danach bis zu seiner Emeritierung 1988 in Freiburg, wo er den stern jetzt zum Gespräch empfing. 1946 trat er in die SPD ein und war neben Horst Ehmke und Peter von Oertzen einer der Gründer des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes in Göttingen. Die SPD verließ er im Streit um die Wahlrechtsreform und wurde 1971 für kurze Zeit CDUMitglied. In der CDU-Spendenaffäre profilierte er sich als scharfer Kritiker des "Systems Kohl". Politikwissenschaft verstand Hennis im Sinne von Aristoteles als praktische Lehre vom richtigen Handeln in der Politik. Zentrales Forschungsthema war sein Vorbild Max Weber. Richard von Weizsäcker nannte Hennis anlässlich dessen 80. Geburtstags einen "Widerständler, dem es um die Ernsthaftigkeit geht, die uns die Freiheit abfordert". Zwar wehrte sich Hennis beständig, als Konservativer eingeordnet zu werden. Doch unter Kollegen hieß der streitbare Gelehrte "Tugend-Willy", weil er nachdrücklich forderte, dass sich Politik an Werten orientieren müsse. Während der Studentenproteste 1968 hing monatelang ein Transparent an der Freiburger Universität: "Haut dem Hennis auf den Penis".

Ist der heutigen Elite also das Gefühl für die Ernsthaftigkeit ihres Tuns abhanden gekommen?

Ja. Die Politiker haben vollkommen vergessen, dass sie ein Amt innehaben. Der Bundeskanzler und die Minister müssen schließlich einen Amtseid leisten, in dem sie schwören, dass sie Schaden vom deutschen Volk abwenden. Stattdessen setzen sie eine Hypothek auf die nächste, dabei wird gegrinst und gefeixt: Wir sind die Größten. Und danach starren diese Leute auf die Meinungsumfragen, das ist ihnen das Wichtigste.

Sie können Politikern doch nicht vorwerfen, dass sie auf Stimmungen achten.

Natürlich nicht. Aber dass sie die Politik wie ein Produkt verkaufen, als handele es sich um ein Waschmittel, ist doch völlig abwegig und zeigt ein grundsätzliches Missverständnis. Politiker sollten einen geistigen Führungsanspruch erheben, für ihre Überzeugungen kämpfen und nicht rumhampeln wie ein Westerwelle. Staat, Politik und Öffentlichkeit müssen grundsätzlich anderen Gesetzen gehorchen als die Marktwirtschaft. Politiker, die diesen Unterschied nicht kapieren, haben in der Politik nichts verloren.

Das hört sich furchtbar altmodisch an. Heute gilt ein anderes Dogma: Die öffentliche Verwaltung soll nach den Effizienzregeln der privaten Wirtschaft funktionieren.

Fast alle Verfallserscheinungen, auf Lateinisch "corruptio", hängen mit der Vermischung von Privatem und Öffentlichem zusammen. Dass es Lobbyismus gibt, ist selbstverständlich, doch Abgeordnete sind dazu da, das Allgemeininteresse zu vertreten. Lobbyisten vertreten Privatinteressen. Diese Grenze darf niemals verwischt werden. Heute sitzen viele Parlamentarier nicht nur als Parteivertreter im Bundestag, sondern als Vertreter der Firmen, von denen sie bezahlt werden.

Gibt es heute einen neuen Politiker-Typ?

Nach 1945 regierte noch eine Politikergeneration, die sich mitschuldig fühlte am Untergang der Weimarer Republik, für die am Ende keiner mehr einen Finger krumm gemacht hatte. Diese Generation war sich der Schwere ihrer Verantwortung bewusst, es nach 1945 besser zu machen. Helmut Schmidt ist einer der letzten Vertreter dieses Typs. Wie wurde dieser Mann in seiner eigenen Partei verspottet dafür, dass er Sekundärtugenden wie Disziplin, Fleiß und Pflichtgefühl forderte. Wäre doch heute nur ein wenig von diesen Sekundärtugenden da! Was diesem Land von Bundeskanzler zu Bundeskanzler mehr abhanden kommt, sind Wille und Fähigkeit zu politischer Führung. Nach Schmidt kam Kohl, und der hatte nur noch seine Machterhaltung im Sinn. Ich halte Kohl für ein Verhängnis für die CDU. Er war ein reiner Provinzpolitiker. Mit Kohl beginnt die Pest, dass die Ministerpräsidenten wichtiger genommen werden als die eigentlichen Bundespolitiker. Selbst der Weg ins Kanzleramt führt heute nur noch über die Provinz. Das ist der Siegeszug der "Zaunkönige", wie Adenauer die Ministerpräsidenten nannte. Heute regieren Leichtfertigkeit und Mittelmaß.

Und die Menschen wenden sich ab: Die Wahlbeteiligung sinkt, und nach einer neuen Umfrage des stern ist das Vertrauen in die politischen Institutionen so niedrig wie nie.

Ein immer größerer Teil der Bevölkerung erwartet eben nichts mehr von der Politik und resigniert. In den USA kann man sehen, wohin das führt: Die Hälfte der Bevölkerung hat sich von der Politik abgewandt. Bei uns gab es früher noch Unterschiede zwischen einer bürgerlichen und einer sozialliberalen Regierung. Heute unterscheiden sich die großen Parteien kaum noch, die FDP ist komplett charakterlos geworden, und von den Grünen erwarten sich die Leute auch nichts mehr. Ich erinnere mich noch gut, als die Grünen 1980 in den Freiburger Gemeinderat kamen, es war das erste Mal in einer Großstadt. Sie wurden von Scharen junger Frauen im gebärfähigen Alter gewählt, die enttäuscht waren, dass die CDU nichts gegen den Mangel an Kindergartenplätzen unternahm. Schon damals war die CDU von Ignoranz geprägt, aber es gab eben noch eine Alternative, die man wählen konnte! Heute gibt es aber nicht mal mehr das.

Wozu führt das alles?

Ich bin Wissenschaftler, kein Hellseher. Aber ich kann nur warnen: Die Phänomene, über die wir hier sprechen, sind Anzeichen eines Verfalls der politischen Ordnung. Und ich sehe in der politischen Klasse niemanden, der das aufhalten kann - und will. Die haben sich ja wunderbar eingerichtet in diesem System.

Derzeit versucht die Regierung doch immerhin, die wirklichen Probleme anzugehen: So viel Reformeifer gab‘s noch nie.

Das stimmt schon, und die Leute müssen so viele Zumutungen hinnehmen wie lange nicht mehr, von der Gesundheits- über die Renten- bis zur Arbeitsmarktpolitik. Das allein wäre nicht so schlimm, denn die Menschen haben begriffen, dass die Lage ernst ist. Doch bei Sabine Christiansen gibt sich die politische Elite schenkelklopfend und grinsend wie Laurenz Meyer in der Sendung über die Gesundheitsreform. Das ist zutiefst würdelos. Wissen diese Herren überhaupt, was zehn Euro Praxisgebühr bei 800 Euro Rente bedeuten? Die sind komplett abgehoben. Dabei erwarten die Bürger von den Oberen ein gewisses Maß an Anstand und Würde.

Die Bürger wären schon froh, wenn ihnen wenigstens gutes Handwerk geboten würde. Doch kein Gesetz funktioniert mehr auf Anhieb, ständig muss nachgebessert werden.

Das liegt daran, dass wir kein Berufsbeamtentum mehr haben, das sein Handwerk versteht. Früher waren wir in aller Welt zwar nicht geliebt, aber anerkannt. Unsere Universitäten waren die Vorbilder in der ganzen Welt. Das andere Vorbild war das klassische deutsche Berufsbeamtentum. Von diesen Fachleuten konnte man erwarten, dass sie ihre Materie beherrschten. Wer kennt zum Beispiel noch Arnold Brecht, den Autor der Gemeinsamen Geschäftsordnung der Reichsministerien? Er entwarf auch für Präsident Roosevelt eine Reform der US-Bürokratie. Das waren Meisterwerke der Verwaltungskunst! Heute gilt die Ministerialbürokratie in Berlin nicht mehr viel. Die Minister umgeben sich lieber mit Jasagern und Schmeichlern statt mit Fachleuten. Wenn ich schon sehe, wie viele Büroleiter und Referenten es bei den Abgeordneten gibt - Tausende von Leuten, die nur an ihrer eigenen Karriere basteln.

Dazu kommt noch ein ganzer Stab von hoch bezahlten Unternehmensberatern ?

In den fünfziger Jahren wäre es vollkommen unvorstellbar gewesen, dass die Regierung McKinsey oder Roland Berger beschäftigt hätte.

Braucht man die Berater heute, weil die Politik komplizierter geworden ist?

Schwachsinn! Mit dieser Litanei kann man alles entschuldigen. Ist etwa der Wiederaufbau nach 1945 unkompliziert gewesen? Das waren doch viel größere Aufgaben. Im Vergleich dazu ist die Wiedervereinigung ein Klacks. Allerdings wird sie ja auch wie ein Klacks behandelt. Die Malaise heute ist, dass die Politiker nicht mehr die Kenntnisse haben, die sie haben müssten. Sie kommen als Lehrer in den Bundestag und verstehen von nichts etwas - außer davon, wie man im Ortsverein seine Mehrheit organisiert. Zudem mangelt es ihnen an genau jenen Fähigkeiten, die nach Max Weber den guten Politiker auszeichnen: Augenmaß und Urteilskraft, dem "Pathos der Distanz".

Die Aufgabe der Berater ist es, die Politik besser zu verkaufen?

Heute wird doch kaum noch wirklich konzeptionelle Politik gemacht, alles dreht sich um die Verpackung, und die ist meistens verlogen. Ein politisches Gemeinwesen macht man zuerst dadurch kaputt, indem man seine Sprache zerstört. Die Bundesanstalt für Arbeit heißt jetzt Bundesagentur. Was für ein Unfug, was für Kosten! Aus Arbeitslosen werden "Kunden", eine Verspätung bei der Bahn heißt "verzögerte Ankunft". Wem nützt das, außer denen, die sich solchen Unsinn ausdenken und sich dafür bezahlen lassen?

Mit anderen Worten: Sie sehen überall Niedergang und Zerfall?

Das Hauptübel liegt im Verfall der Führungsschicht. Aber auch die Institutionen, die Gesetze und Sitten, der Umgang untereinander, die so verachteten Manieren verfallen.

Gibt es überhaupt noch aktive Politiker, vor denen Sie Respekt haben?

Ich muss überlegen. Nein, es würde zu lange dauern, so viel Zeit haben wir hier nicht.

Gerhard Schröder?

Aber bitte! Ein wenig zu viel Selbstgefälligkeit und Prinzipienlosigkeit auf einmal. Die Kluft zwischen "Amt" und "Würde" ist allzu groß. Adenauer und Filbinger waren zwar auch nicht ganz mein cup of tea, aber Schnöselhaftigkeit gab es bei denen zumindest nicht.

Joschka Fischer?

Etwas viele Häutungen und Anpassungen. Den Staatsmann gibt er ganz gut.

Angela Merkel?

Respektheischend ist jedenfalls, wie sie sich in dieser Männerwelt behauptet. Die Machtspiele beherrscht sie eindrucksvoll, über ihre Kenntnisse und Fähigkeiten sagt das aber wenig. Der Kampf um die Macht - das ist das Einzige, was diese Generation interessiert. Diese ganze Generation ist doch eine Fehlbesetzung.

Interview: Arne Daniels/Markus Grill print

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