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INTERVIEW: Unversehrtheit hat Vorrang vor der Nachricht

Ungeachtet aller Risiken ist eine eigene Kriegsberichterstattung der Medien nach den Worten von »stern«-Co-Chefredakteur Thomas Osterkorn notwendig. »Solange Journalisten in Kriegs- und Krisengebieten tätig sind, ist ein gewisses Risiko nicht auszuschließen«, sagte Osterkorn in einem Reuters-Interview am Montag in Hamburg. »Aber Journalisten von allen Medien sind auf eigene Eindrücke angewiesen, wenn sie sich nicht auf die überwiegend verlogenen Pressemeldungen von Militärs und irgendwelchen Verrückten in Bürgerkriegen verlassen wollen, die alle damit natürlich Absichten verfolgen.« Ein Reporter des »stern« war in Afghanistan in einem Hinterhalt der Taliban getötet worden.

»Man kann das Risiko minimieren, aber Krieg ist und bleibt gefährlich«

Den Korrespondenten des »stern« werde nun erneut - wie schon immer in fast jedem Gespräch - gesagt, dass sie Risiken vermeiden sollten, sagte Osterkorn. »Aber die Appelle nützen nichts. Man kann alles tun, um das Risiko zu minimieren, aber Krieg ist und bleibt gefährlich.« Eine Präsenz auch in Kriegsgebieten sei aber notwendig, um eigene Eindrücke zu gewinnen. »Sonst sitzen wir hier in Hamburg und drucken Presse-Erklärungen der Taliban, der Nordallianz und der Amerikaner ab. Das ist nicht Journalismus.« Die Frage sei, wie weit ein Risiko eingegangen werden dürfe.

»Keine Gefahr - das ist die Sache nicht Wert«

»Ich glaube, da sind wir inzwischen vorsichtiger als andere«, fügte Osterkorn hinzu. »Wir sagen allen: Nicht an die Front, keine Gefahr - das ist die Sache nicht Wert.« In den vergangenen sieben Jahren waren drei »stern«-Reporter im Kosovo und in Tschetschenien getötet worden. Im Juni 1999 waren die »stern«-Reporter Gabriel Grüner und Volker Krämer im Kosovo von Heckenschützen erschossen worden.

Anfang 1995 war der Moskauer »stern«-Korrespondent Jochen Piest in Tschetschenien von einem tschetschenischen Kamikaze-Schützen aus einem fahrenden Zug erschossen worden. Der in Afghanistan getötete freie Mitarbeiter Volker Handloik saß am Sonntagabend mit fünf anderen Journalisten auf einem Panzerwagen der Nordallianz, als sie von Taliban-Kämpfern mit Granaten und Maschinengewehren beschossen wurden. Der 40-jährige Handloik und zwei französische Radio-Reporter, ein Mann und eine Frau, starben.

Nordallianz wollte eine angeblich geräumte Taliban-Stellung inspizieren

Die Nordallianz wollte Osterkorn zufolge eine angeblich geräumte Stellung der Taliban inspizieren. »Ich glaube, Handloik wäre nicht losgefahren, wenn er nicht der festen Überzeugung gewesen wäre, dass dort keine Gefahr droht.« Auch Kollegen vor Ort hätten ihn als besonnenen Mann eingeschätzt. »Es ist furchtbar.« Handloik war seit Anfang Oktober für den »stern« in der Region. »Natürlich versuchen wir, gute Reportagen zu haben«, sagte Osterkorn. »Aber die Journalisten vor Ort sprächen sich ab und führen auch zusammen los. «Es gibt da keinen großen Konkurrenzkampf.»

»Wir waren in Afghanistan von Anfang an extrem vorsichtig und haben den Reportern immer wieder gesagt, dass sie kein persönliches Risiko eingehen sollen«, sagte Osterkorn. Jetzt seien in Afghanistan noch zwei Reporter für den »Stern« im Einsatz. Handloik habe eine Geschichte über das Vorrücken der Nordallianz und über die verschiedenen »Kriegsherren« recherchiert. Sie sei zu mehr als drei Vierteln abgeschlossen und am Freitagabend von Handloik zum »stern« geschickt worden. Sie werde in der nächsten »stern«-Ausgabe gedruckt.