Bundespräsident für einen Monat "Nennen Sie mich einfach Herr Böhrnsen"


Jens Böhrnsen, Bremer Bürgermeister mit SPD-Parteibuch, hatte im Polit-Lotto den Jackpot geknackt: Er war einen Monat lang komissarischer Bundespräsident. Und wie war's? Ein stern.de-Interview.

Herr Böhrnsen, wie darf ich Sie denn ansprechen. Herr Bundespräsident, Herr Bürgermeister oder Herr Bundesratspräsident?
[lacht] Also Herr Bundespräsident bitte nicht. Herr Bürgermeister ist okay, aber dann sage ich in Bremen immer: Nennen Sie mich einfach Herr Böhrnsen. Das passt schon.

Was war das für ein Gefühl am Tag nach ihrem Auszug aus Schloss Bellevue?
Ich habe ein bisschen ausgespannt. Das war auch bitter nötig nach den letzten vier Wochen.

Sind Sie enttäuscht, dass Joachim Gauck nicht Bundespräsident geworden ist?
Der erste Wahlgang hat doch gezeigt, dass es nicht nur um Parteitaktik ging. Im Gegenteil: Viele Mitglieder der Bundesversammlung haben eine sehr bewusste Entscheidung getroffen. Das war beispielhaft und sollte so bleiben.

Aber Sie waren sauer, dass sich die Linke verweigert hat, oder?
Die Debatte - Gauck wählen oder nicht - hat innerhalb der Linken zu großen Kontroversen geführt, und das zu Recht! Viele haben sich die Frage gestellt, wie man es denn mit jemanden hält, der Freiheit nicht erst 1989 entdeckt hat, sondern schon viel früher. Wie man umgeht mit jemandem, der aus dieser Haltung heraus die Stasi-Unterlagen-Behörde geführt und die DDR-Aufarbeitung betrieben hat. Das Abstimmungsverhalten ist ein klarer Hinweis darauf, dass die Linken im freiheitlich-demokratischen System noch nicht vollständig angekommen sind.

Sie waren nun rund vier Wochen kommissarischer Bundespräsident. Wie haben Sie von Horst Köhlers Rücktritt erfahren?
Das war Montagvormittag, der 31. Mai. Ich bereitete gerade eine Senatssitzung vor, als das Bundespräsidialamt anrief und sagte, Horst Köhler wolle mich gegen 12.30 Uhr sprechen. Da fragt man sich natürlich: Was wird er von mir wollen? Ich dachte erst, er wolle einen der beiden Termine in Bremen absagen. Das eine waren die Special Olympics, Köhler wollte als Schirmherr zur Eröffnung kommen. Das Zweite war der 3. Oktober, die zentrale Feier zum Tag der deutschen Einheit. Im weitesten Sinne hat er sie ja dann beide abgesagt. [lacht]

Indem er Ihnen seinen Rücktritt mitteilte. Wie haben Sie reagiert?
Ich war sprachlos, fassungslos und auch ein Stück verständnislos, wie wir alle. Er hat mir die Gründe für seinen Rücktritt genannt und ich habe sofort gemerkt: Da ist einer fest entschlossen. Anschließend musste ich einmal tief durchatmen. Und dann habe ich gleich ins Grundgesetz geschaut. Dass der Bundesratspräsident den Bundespräsidenten zu vertreten hat, war mir klar. Aber die 30-Tage-Frist bis zur Neuwahl, die musste ich dann doch mal nachschlagen.

Sie haben nicht kurz gedacht "Kann ich das überhaupt"?
Ich muss zugeben: Mit so einer Situation habe ich nicht gerechnet. Zumal das in der Geschichte der Bundesrepublik bisher noch nicht vorgekommen ist. Das Tröstliche: Sie können sich gar nicht fragen, ob sie diese Herausforderung annehmen wollen oder nicht. Es ist halt so.

Was hatten sie in diesen vier Wochen zu tun?
Zum Beispiel die Akkreditierung von Botschaftern oder der Empfang von Staatsgästen. Zum Beispiel hatte sich der armenische Präsident angekündigt. Und dem konnte ich ja schlecht sagen: Die Bundesrepublik hat gerade keinen Bundespräsidenten, komm' später wieder.

Haben Sie es genossen, in der Dienstlimousine des Präsidenten zu fahren, mit Bundesstandarte und allen Extras?
Keine Fahrt mit Standarte, auch nicht mit Kennzeichen 0-1. Ich bin nur ab und zu mal vom Berliner Hauptbahnhof zum Schloss Bellevue gefahren worden.

Gab es denn mal Protokoll-Probleme?
[lacht] Na ja, ich musste ausländischen Staatsgästen durchaus erklären, wer ihnen denn jetzt im Schloss gegenübersteht. Gemäß der Formulierung des Artikels 57 habe ich sie dann begrüßt: "Ich bin der Bundesratspräsident, der zurzeit die Befugnisse des Bundespräsidenten wahrnimmt". Das ist nicht jedem sofort geläufig.

Was war ihr schönstes Erlebnis als kommissarischer Bundespräsident?
Das war zum einen der Empfang für die Alexander-von-Humboldt-Stipendiaten. Viele Hundert Wissenschaftler, die auch über zweihundert Kinder dabei hatten. Das war eine sehr schöne, entspannte Atmosphäre. Der Termin, der mich am meisten berührt hat, war der Große Zapfenstreich, der Abschied von Horst Köhler. Nicht so sehr wegen des Zeremoniells, sondern weil ich ihn und seine Frau danach durchs Schloss Bellevue hinunter zu seinem Wagen begleitet habe. Da habe ich ihn dann endgültig verabschiedet. Das sind bewegende Augenblicke, die man nicht so schnell vergisst.

Ihr schlimmstes Erlebnis?
So ein richtig ungutes Erlebnis hatte ich nicht, aber ich musste mich fragen, wo ich denn den Cut herbekomme. Der ist vorgeschrieben, um die Botschafter zu akkreditieren. Ich hatte noch nie in meinem Leben einen getragen. Der Frack war mir wohl vertraut, weil ich den jedes Jahr zur Schaffermahlzeit anziehen muss, die wir in Bremen feiern. Smoking ist mir auch ein Begriff, aber den Cut kannte ich noch nicht. Zum Glück hat mir das Bundespräsidialamt einen ausgeliehen.

Die Zusammenarbeit mit dem Bundespräsidialamt hat also funktioniert?
Da bin ich zunächst auf sehr, sehr geschockte Mitarbeiter getroffen. Die haben mich dann aber unglaublich kollegial, fast fürsorglich begleitet durch diese Wochen. Dafür konnte ich mich bei ihnen ganz herzlich bedanken und verabschieden.

Wie verlief Ihre Kommunikation mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel?
Wir haben kurz nach Köhlers Rücktritt miteinander telefoniert. Ansonsten war eine Kommunikation im Rahmen meiner Aufgaben nicht erforderlich.

Was haben Sie als Sozialdemokrat in Bellevue hinterlassen? Mal ein Willy-Brandt-Porträt aufgehängt oder ein SPD-Parteiprogramm ins Regal gestellt?
Ach ja, das hätte was. Aber nein, ich bin die Aufgabe mit großer Gelassenheit angegangen. Manche sagen mit einer typisch hanseatischen Zurückhaltung, die wir als Bremer haben.

Aber die Bremer sind jetzt mächtig stolz auf Sie?
Man hat das bei uns schon schön gefunden, dass ausgerechnet das kleinste Bundesland diese Aufgabe übernommen hat.

Was wünschen Sie sich vom neuen Bundespräsidenten?
Ich habe einen starken Wunsch, gerade aufgrund der Erfahrungen, die ich aus meinen beiden Städten Bremen und Bremerhaven gesammelt habe: Der Bundespräsident sollte die soziale Spaltung unserer Gesellschaft als Gefahr sehen und sich für Integration stark machen. Dabei darf er auch ruhig unbequem sein.

Christoph Cöln

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker